Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38. JUdisohe Rwndaclmu. Seite 407. ich grob und unhöflich denselben ablchnen und kann ihm einfach sagen: ich gehe auf deinen Vorschlag nicht ein, oder ich kann ihm ׳eine höfliche Artwort geben und ihm sag?»». ich überlege die Sache. Der Mensch, der in seinem Privatleben übereilig is׳t, der srich vielleicht von einer Laune regieren lässt, Jcr vielleicht darüber nicht so gründlich nachdenkt, hat sofort eine Antwort in der rechten oder linken Hosentasche. derjenige, der zuerst prüft, was er unternehmen will, wird aber sagen: ich überlege mir die Sache und dann antworte ich. Dasselbe spielt sich auch im öffentlichen Parlamentslebcn ab. Wenn irgend e!1 Antrag einer grösseren Versammlung unterbreitet wird, ist es faktisch eine Sache der Unmöglichkeit, dass diese grössere Versammlung sofort ein.!*» Beschluss fassen soll. Wir können hier höchstens 10 Minute• sprechen, wir habon Ociicralrcdncr gewählt, die die MateHe nicht geniigend kennen, die vielleicht mit Gefühlen und Zahlen operieren können und gestützt auf diese Gcfiihlsredeu, gestützt auf diese Scntimcrtsrcdcn, fallen Acuscnmgen von Herre», die im guten Glauben denken sic seien des Volkes Vertreter, die aber nicht die Vertreter des hungernden Volkes sind! Die Herren, die vielleicht noch nicht mit acht Kindern in einem Dach- /immer geschlafen haben, die Herren sollen hier nicht von Gefühlen sprechen, wclin sie vielleicht selbst in Amt und Würden sind und eine hohe Stellung cimiehmcn. (Zwischenruf: Wo sind die acht Kinder?) Man kann gefühlvoll sprechen und eine schöne Predigt halten, insbesondere, wenn es d«1s Amt mit sich bringt, wenn man aber hungcrti muss, ist das nicht Gefühl, sondern es handelt sich um Menschenleben. Drei Gesichtspunkte verlangen von uns eine reifliche Ucberlcgung der Sache: 1. Rücksicht auf die Regierung. d:c uns die hochherzige Offerte gemacht hat. 2. Rücksicht auf die Masse der Juden. 3. Rücksicht aui unsere Gegner, damit sic nicht sagen, wir hättest die Sache leichtsinnig von der Hand gewiesen ohne sie einer Prüfung unterzogen zu haben. Lut* weder ist das Land gefährlich, dann werden wir sagen: nein, oder es ist günstig, dann fürchten die Herren die Wahrheit. Nur die ־Einsetzung einer Kommission wird die Wahrheit festsetzen. Wir sind nicht da. um Gefühtspolitik zu treiben; wR sind liier, um die Wahrheit zu erforschen, weil wir uns sagen müssen: wir können im Lauie von einigen Tagen, gestützt auf die Auseinandersetzungen einzelner Redner, deren Redezeit auf 10 Minuten beschränkt ist. die Wahrheit nicht ergründen, dämm wollen wir sie in einer Kommission ,suchen. Ich weiss nicht, was sie findet, aber wir wollen nach der Wahrheit strebe)!. Sie befürchten, die Kommission könnte eine Ansiedc- 11mg beantragen. Ich weiss cs nicla. ich kenne die Verhältnisse nicht. Im Anträge der schweizerischen Landsmannschaft, den ich verlesen habe, heisst es, dass der Kommission alle Dokumente vorzulegen sind, die sich auf die Sache beziehen. Die Kommission wird prüfen, ob Ostafrika als ״Nachtasyl* geeignet ist und es keirdi andern Ausweg gebe, und erst wenn die Kommission zur Uebcrzeugnng gekommen ist. dass die Lage der Juden eine trostlose, aussichtslose ist, dass mau ins Nachtasyl gehen muss, wird man zur Präge über Ostatrika übergehen. Ich begreife, dass diejenigen, die nicht auf das Nachtasyl angewiesen sind, die Lage nicht begreifen und sich nicht in dieselbe versetzen keinen. (Bravorufe.) Ich beantrage, die Beschlussfassung über die Ostafrikafrage einer Kommission zu überweisen. (Bravorufe.) Dr. Abrahamovi tseh spricht für die Kommission. Dr. Heinrich Loewc: Hei diesem plötz11:.'׳» auftauchenden Gegensätze zwischen Zionismus und sagen wir abstraktem jüdischen Nationalismus, bei dem ich übrigens auch in meiner Landsmannschaft picht ganz allein stehe, ruht auf dem Kongress eine Verantwortlichkeit, wie es trotz des Ernstes unserer Verhandlungen bisher der Pall nicht gewesen ist. Es ist nicuuuid liier in» Hause, der nicht fühlte, dass wir vor einem Wendepunkte" stehen, ob wir mm auf das Projekt eingehai oder nicht. Unmittelbar unter dem Eindrücke der Rede unseres HerzJ habe ich einen Leitartikel an das von mir redigierte Partciblatt der Zionistischen Vereinigung für Deutschland geschickt, in dem vor allein der Ausdruck des Dankes an die Britische Nation zur Geltung kommen sollte für ein Anerbieten, wie •es hochherziger tmd grossartiger keine Tat gibt, von der uns die Geschichte meldet, es sei dem! der freiwillige Verzicht desselben England auf die Jonischen Inseln. Der Grund, warum ich ursprünglich für die Uebcrweisuug der Ostafrikasaehe an eine Kmigresskommission war, ist, weil Ich wünsche, dass der *Englischen Regierung gezeigt wird, dass wir einen Vorschlag berate1.», der unserm grundlegenden Programm schu1|rstracks zuwiderlüuft, nur weil er von ihr ausgeht. Die Englische* Regierung. die unzweifelhaft unsere Beratungen über das von ihr gemachte hochherzige Anerbieten verfolgt, muss daraus ersehen, wie sehr wir lediglich aus Rücksicht auf sie. weit weg von unserm Baseler Programm, eine Sache ernsthaft in Er- Wägung ziehen, die nicht zum Zionismus kommt. (Beifall.) Denn wäre der Vorschlag nicht. von der Englischen Regierung, nicht vd» Unserm Dr. Herzl ausgcgahgcii. der ganze Kongress wäre mit Lachen darüber hinweggegangen. Als ich gestern abend hier den Saal vcrlicss. musste ich von einigen Herren hören, ich sei umgcfalldi. Das sollte ein Vorwurf sein. Ich denke׳ aber, dass man sich einer besseren Einsicht nicht vcrschlicsscu darf. Oder wollen Sie auch dem Kongress den Vorwurf machen, dass er umgefallcn sei, nachdem er Hcrzl.s Rede am Sonntag gehört hat? Bis dahin hat keiner von uns auch nur im Traume au Ostafrika gedacht. Behaupten Sie. dass der Kongress von Palästina nach Atrika ״umgefallcn“ wäre? Icii b'11 nicht um* gefallen, aber der Zionistenkongress würde umfalien und zu* sammenbreelicn, wenn er auch nur für einen Augenblick sein Zion aufgäbe. (Grosser Beifall.) Und darum handelt es sich. Die Sache selbst hat sich seit Herzls Rede wesentlich vorschoben. Schon handelt es sich iv'cht mehr um eine Kraft* statioh für das jüdische Volk und nicht um einen Nothafen, sondern um ein ״Ersatzzion“. Nicht die Redner, die hier gegen die Kommission, sondern jene, die fiir sie gesprochen haben, haben mich belehrt, dass wir unter keinen Umständen auch nur in eine weitere Erwägung eintretci! dürfen. Sie haben siel; in die afrikanische Begeisterung hineingeredet; denn bei jedem weiteren Redner, der für die Einsetzung der Kommission sprach., war Ostairika schon mehr das Land der goldenen Zu* ktmft tdid Zion mehr verblasst, sodass einer von ihnen soweit gehen konnte.^ davon zu sprechen, dass man in der ersten Zionistischen Zeit überhaupt nur an ein JudenSand. aber nicht an Zion gedacht habe; und ein Mitghed des engeren Aktions* komitccs hat uns ausdrücklich zugerufen: Es handelt sich nicht um eine ״Buatting•*, sondern um eine ״Tat‘־! Und wenn das vom grünen Tuche dieses Rednerpultes aus geschieht, was sollen wir dann draussen vom dürren Holze erwarten. (Grosser Beifall.) Wir alle fühlen das gleiche tiefe Mitleid mit den Juden, die in» eisernen Omn von Kischmcw steck.־!!, mit allen den Unglücklichen, für die die Hilfsvercine nur den crbarmimgsf*־se1i Rat!iahen, in! L'ngliickslande zu!־•leihen. Aber aus Mn* leie! Eolgeruuge.1 zu ziehen, die von unberechenbarer polnischer Tragweite sind, wär«• dar grösst״ Pehl״r. d״..׳ v:r mach• ״ könnten. Freilich soll nicht au die Stelle von /.um. somit. 1׳ an die von Kanada, der Verewigten Staaten nr'd Argen!'!!:׳.•;! Ostafrika trete. 1. Wir verlören alljährlich Tausende und Zehn* tausende vom nationalen Körper die wir uns jetzt .,,׳!•.׳. könnten. Das ist aber ein Trugschluss: denn d'eses fluktuierende Element, das beute von Kanada und Amerika uu! Argentinien nach dem verlassen?11 Sticfvaterland zurück:!rt. wird da:!■! v! •! Zanzibar zurückkommen. Der Ort ist ein anderer, die Sache die gleiche. (Bciiell.) Aber wen״ wir schon an die Sache gehen wollten, wo hätten wir das Geld dazu? Solle»! wir etwa das Geld des Nationaliomis dazu hcrgcbcn. oder die Mittel unserer Kolonialbank? Aber cs scheint benähe, als ob man mit Icageldcrit rechnet. Wenn das der Pall ist. so haben wir unsere Arbeit bereits geleistet. Denn wenn die Ica überhaupt das will, so wird sie jetzt zugreifen. Den Weg halsen wir ihr gewiesen. Und wir wollen uns nicht daran stosseu. dass andere die Initiative ergreifen; um Prioritätsrechte Ist cs uns nicht zu tun. Wir waren gegen Cypern, weil es nicht Zion war. und eben deswegen iibcrlicssen wir Cvpern und Anatolien der Ica und den Hüfsvereincn. Haben wir auch das Recht einer faktischen Aenderumr des Baseler Programms, ohne die Wähler gefragt zu haben? (Präs.: Noch zwei Minuten.) Wir müsse!» alle unsere Kräfte auf Palästina konzentrieren. Zion sind wir niemals so nahe gewesen, wie In diesem Atigcnbliekc. Was soll denn mit dem JndensRäte in Ostafrika werden, wenn wir unser Ziel, eine öiientlich-rechtlieli-eesie'ljcrte Heimstätte in Palästina erreicht haben? Ja. der Weg nach Zion soll über Ostafrika führen. Das erinnert doch allzusehr au Oberst (!old* smids Wort an Mohilcwer: ״Der Weg nach Zion führt über ArsnGtinien“. (Präs.: Di* Zeit ist abeelaufen.) Wir tun auch Herz! gar keinen Gefallen, wenn wir für den Antrag stimmen. Er will uns nur prüfen in unserer Treue, ob wir mit ihm durch Dick und Dünn nach Zion gehen. Er selbst wünscht wohl ein ehrenvolles Begräbnis für den Antrag. Uns. die wir Tantalus* aualcn nach einem Lande ausstcheu. zeigt Herzl diese lachenden Gestade, um zu sehen, ob wir in unwandelbarer Tome mit ihm gehen, nach Zion! (Grosser Beiiall.) Wir stehen mit Herzl treu zu Zioh! (Stürmischer Beifall.).ל&ען ציון לא אחשה Um Zions willen dürfen wir picht schweigen, wegen Zions müssen wir sprechen, müssen wir eine Tat tun. Und dies-! Tat besteht darin, dass wir Ostafrika verwerfen, und in i I unserm Herzl an der Spitze gen Zion gehen. (Beifall.) Rosenbau in (Jassv): Es wundert mich, dass van» den bisherigen Rednern auf einen Hauptpunkt so wenig Gewicht gelegt wurde, ■nämlich auf die Präge: ״Auf welche Basis hin hat das A.-C. es »* itcrnommeii, in Unterhandlungen für Ost* afrika einzugehen?‘‘ Wähnend wir einfache Sterbliche uns iiir