Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651327--00695-2657500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
No. 38. Jiidieolie Kundtselmn Seite 403. bedeutenden Dichtigkeit der Kolonisation zu rechnen ist, mit einer Dichtigkeit der Bevölkerung, wie sie nur in den höchst entwickelten Kulturstaatcn als Ergebnis einer langjährigen £1 tcdlic'hcn Entfaltung von Ackerbau und Industrie hat entstehen können. Die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass dieses Gebiet nach Klirna, Bodenlage, Pflanzenproduktion usw. sehr verschieden ist von denjenigen Ländern, aus denen der Strom der Einwanderung abzulciteii ist. Der Unterschied zwischen der extensiven Ackcrkultur Westeuropas mit seiner reichen Bewässerung einerseits und der schon nahezu subtropischen Kultur der Steppe, die künstlicher Bewässerung be* darf, sind ebenso viele Schwierigkeiten der zionistischen Ko- Ionisation. Die vierte und grösste Schwierigkeit liegt in der Beschaffenheit des fortzuführenden und anzusiedelndcn Menschcnmatcrials. Hier ist weltgeschichtlich durchaus Neues zu leisten, ja selbst Rabbi Ben Akiba müsste zugeben, dass sein Lieblligsspruch hier einmal unwahr wird; denn alle Vülherwanderungen der Vergangenheit ginge״ aus entweder von reisigen Hirtenkriegern, die aus ihrer Steppe hervorbrachen, um in den Schwcmmchcucn der Ströme die Herrschaft über leibeigene Bauern zu suchen. - oder von friedlichen Ackerbauern, denen die Heimat aus irgend einem Cmmüe zu eng geworden war, und die mm auszogen, um mit Piltig 1(1!d Karst eine neue Heimat zu gewinnen. Das Volk aber, das wir aus dem fuiehrbarsten Drucke zu erlösen haben, der jemals aui einer Mcnsclicimiassc lastete, die zu Parias herabgesnnkenen und jeder Gewalttat vogelfrei preisgegebenen, zum tiefste!! dankbaren Grunde menschlichen Elends niedergedrückten Juden Halb-Asiens. das sind weder Krieger hoch Ackerer, sondern fast durchaus städtische Handwerker. Seitdem vor 20!יס Jahren das. Schwert der Römer die Wurzel zerschnitt, die das Volk in seinem Stammlaiide geschlagen hatte, hat man ihm in aller Welt die Berührung mit der .Muttererde versagt, die den Rieseli Ant ios immer wieder in ungeminJencr Kraft sieh wieder erheben lasst; sie durften nirgends Bauer;! sei!!. Und so haben wir cs heute mit einem körperlich minderw ertigen und ausserdem noch durch Hunger, schmutzige Not, Gran! und soziale Erniederuug verkümmerten Menschenmaterial zu tun: unzuverlässige Bausteine iiir ein neues Volkstum. Diese Schwierigkeiten sind von so ungeheurer Grösse. dass cs wohl zu begreifen ist, wenn der Optimismus mutlos den Arm hängen lässt, der helfen möchte, ln der Tat, wenn man nur die Pondcrabilicn der Geschichte in Rechnung setzt, so erscheint die Aufgabe unlösbar. Aber cs gibt zum Glück Imponderabircn in der Weltgeschichte, unwägbare, tinerntessbare Seelenkräfte von solcher Spannung, dass sie imstande sind, das unmöglich Scheinende detmoch möglich zu machen. Mit diesen Kräften müssen wir rechnet 1, und. meine ich. df;r* fen wir rechnen. Diese Kräfte sind.das ungebrochene Herrengefüllt des Volkstums, das hier errettet werden soll. Dieses Herrengefühl, wurzelnd in der uralten Uebcrlieferung von dt»׳ Gotteskindschaft, hat die Juden Russlands und Rumäniens trotz aller Not bisher davor bewahrt, unter dem grauenhafte! Drucke der vereinigten Hüllenmächte des Absolutismus, des Feudalismus und Antisemitismus zermalmt zu werden. vvährtuJ doch der Slave unter den beiden ersteren allein alles Gefühl seiner Menschenwürde und alle Widerstandskraft fingebiisst hat. In den Juden erzeugt immer noch der Druck von oben den entsprechenden Gegendruck von uutch; je stärke׳ die Feder der Volksseele ׳/iisäiwr.cngepresst wird, um so stärker presst sic zurück. Das beweist der unstillbare Bldungshuuger dieser unseligen Proletarier, di׳-• in Not und Schmutz nie antg-hört habe!!, alter Weisheit naciizuliäiigen und neue Weisheit zu schöpfen. Mit diesen Imponderabilien, mit dieser unzähmbare:! Kraft der Seelen werden, so dürfen wir hoffen, unsere K״!<n :sten das ausgleichcn. was ihnen an Kräften des Körpers!.:angelt. Und wir dürfen mit einem zweiten Iniponderabüe rechnen, mit der Sehnsucht dieser Verbannten van 201» Jahren nach, denn Lande ihrer Väter. Die $eU5>״cht. die 2**•"<» Jahre des Goltm immer starker und stärker;,espanr.:!iahen, ist and! eine!!.!- geheuere Förderung der zionistischen Kolonisation mid nur der zionistischen Kolonisation. Die Zuweisung der herrlichsten Ackerbreiten in Kanada oder Argentinien würde, nicht imstande sein, die Kräfte Ahasvers so aii/usnaiuie;;. 'wie die Ansiedelung in einer ärmsten Stepp e. durch die der Jordan flicsst und auf die der Libanon herabschaut. Dennoch ist es die heilige Auigabc derer, die es wagen, diese modernen Zicgelstreieher und Festungsbnuer vom Drucke des Pharao zu erlösen und Iiinauszufiihren in das Land, wo .jssm :17!. ר.־ Kulturelle Streifziige im jüdischen Orient, J VII. Jüdische Schulen int Orient - HI. Im Orient, wo die w eiligen vorhandenen Unterrichtsanstalten naturgemäss einen viel grösseren, tiefer greifenden Einfluss auf das gesamte Volksleben ausüben, hat die christliche Mission es verstanden, eine Unzahl von Schulen ins Leben zu rufen, welche gerade deshalb, weil sic wissenschaftlich vielfach Vorzügliches leisten, eine ernste Gefahr für den Bestand des orientalischen Judentums darstellen, welche um so grösser ist, als die Mission der Katholiken und Evangelischen von jeher den Satz der alten jüdischen Weisen: ״Habet Acht auf die Kinder der Armen“, in praxi beherzigt hat. Wenn aber in allen Ländern des Südens und Ostens die Mission mit allen ״modernen“ Mitteln an der Untergrabung des jüdiselten Geistes tätig ist, so ist doch ihre Macht und Tätig* keit in keinem einzigen anderen Lande so gross, wie in Syrien und Palästina. So hat namentlich Beirut eine so grosse Zahl von Missionsanstalten, wie man sie anderweitig vergeblich sucht. Dort haben z. B. die Amerikancr (Malakan) und die Jesuiten ein vorzügliches Gymnasium, letztere noch obenein eine Universität (Kuilijct Mar Jnsuf), mit medizinischer und juristischer Fakultät. Audi hatte ich Gelegenheit, mich vielfach von der Vortrefilichkeit des dortigen Unterrichts und von den Kenntnissen mancher Sdniier zu überzeugen. Freilieh musste ich dann wieder eine Seichtheit und Oberilöchlichkeit konstatieren und eine Dressur feststellen, die ans Fabelhafte streift. So arbeiten denn alle die vielen Missionsschulen, die ja schliesslich nichts anderes sind, als politische Agenturen zur Zerstückelung des Türkischen Reiches, in dem gleichen Sinne, möglichst viele arabische und jüdische Kinder in ihre Schulen zu locken. Als Köder dient der unentgeltliche Unterricht, den diese von den Regierungen und nationalen Komitees verschiedenster Länder subventionierten Anstalten ohne grosse Belastung erteilen können. Wenn man nun den grossen Bildungstrieb bedenkt, welcher der weitaus grössten Masse der ortontalischen Juden trotz aller Unbildung innewohnt, so begreift man die Gefahr, welcher uns von Seiten der