Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nb. 38. Seite 402. Jüdische Rundschau. Quousque tandem? Es war zu erwarten, dass die jüngsten Erfolge des Zionisnuis wie ein Donncrschlag i!1 die gebrechlichen Hütten unserer Gegner cinschlage'ii würden. So darf cs uns nicht wunder uehmen, dass sic nach Worten ringen und nur zu stammeln vermögen. Die ״Allgemeine Zeitung des Judentums*‘, die Bluts- und Geistesverwandte des ״Berliner Tageblatts“, zieht in einem Leitartikel das Faclt aus den Verhandlungen des Kongresses: Nachdem das Ostafrikaprojekt prinzipiell angenommen sei. sei der Grundgedanke des Zionismus aufgegeben. Pie Hand zum Frieden, die von den Zionisten nunmehr geboten würde, könne man annchmen, falls sie auf einige Phrasen verzichteten. In Russlands Entgegenkommen könne sie ei' 1c Förderung der zionistischcn Bestrebungen nicht erblicken. Deutschland bleibe das Vaterland der Allgemeinen Zeitung des Judentums. Zion ihr ..heiligstes religiöses Ideal" und d:e Mission des Jude•!- tums die Aufgabe, für die sic ״arbeiten und kämpfen wolle." Uns interessiert am meisten ..die iestc Ueberzeugimg" des Artikelschrcibcrs. ״dass das Baseler Programm durchbrochen ist." Warum das? Weil eine Kommission feststellen soll ob ßritisch-Ostafrika für eine Ansicdiimg von Juden geeignet ist? Oder weil die englische Regierung dem jüdischen Volke i!l dieser Kolonie weitgehende Rechte der Selbstverwaltung gewähren will? Nein, ״weil alles, was auf dem Kongress gesagt worden ist.“ um den Anschein zu erwecken, als ob inan an Palästina fcsthieltc. ״in den Wind geredet“ war. Fs ist eine einfache Methode: Wir behaupten, dass das Baseler Programm durchbrochen ist: und wenn die Zionisten erklären, Palästina bleibe nach wie vor ihr Ziel, wenn leidenschauliehe Reden der nationalen Begeisterung Ausdruck gehen, wem: in nüchternen Worten der Führer unverbrüchliche Treue dem alten, einzigen Ziele gelobt: sic schwärmen oder lügen. In der leichtfertigsten Weise wird das, was der Gegner sagt, Ignoriert und das, was er nicht sagt, zum Beweise genommen. Selbst wenn man, was nicht der Fall ist. Ostafrika als die dauernde Heimat des jüdischen Volkes in Aussicht genommen hätte, was hätten wir dann aufgegeben? Die nationale Ortendläge unserer Bestrebungen wäre tcstgehalten. denn die Ent- Wickelung nach eigener Sitte und eigenem Gesetz ist gewährleistet, die Ansiedelung der Juden als Volk garantiert. Palastiuä wäre aufgegeben, Ostafrika dafür eingetauscht. D a s also war der Stein des Anstosscs bei dieser Gegnerin; nur gegenüber Palästina und Zion, ״dom heiligsten religiösen Ideal־, hat sie eine unüberwindliche Abneigung t wenn nämlich das Ideal in greifbare Wirklichkeit zu rücken droht; Selbstverwal• tung und nationale Entwickelung will auch sie, nur nicht -- In Palästina! Aber das Land, in dein sie geboren, bleibt doch ihr Vaterland? War cs nicht so? Also nur für die östlichen Juden! Auch dieses Zugeständnis ist wertvoll. Die nationale Idee schön und gut, aber nicht für uns. Zion unser Ideal, aber nur ln der Ferne! Natürlich geht cs bei so tiefgründiger Weisheit nicht ohne einige logische Sprünge. ״In dem Moment, wo der Palästinagedanke. wenn auch nur auf absehbare Zeit (!), zurückgedrängt und der Versuch gemacht wird, in Ostafrika eine Kolonie zu begründen, hat der Zionismus seinen utopistischen Charakter verloren und ist eite KolonisationsgeseUsehaU genau so wie die Jewish-Colonisation Ass., wie die הבבי־צירן * wie ״Esru" usw. auch selbst wenn diese Kolonisation von a 11 de - ren Prinzipien ausgehen und in anderer Weise geleitet werden sollte, als diese Gesellschaften.“ Es ist, wie wenn die• scs logische Monstrum sich auch die kongeniale Form gesucht hätte. Freilich, wenn der Unterschied der Prinzipien nichts tut, dann sind auch wir und die ״Allgemeine“ einig! Es Ist aber auch bezeichnend, dass für unsere verehrte Gegnerin Ostafrika weniger.utopisch ist, als Palästina. Und das in demselben Augenblicke, in dem die russische Weltmacht die Förderung der auf Palästina gerichteten Bcstrebungeil verspricht. Bei aller Gegensätzlichkeit gegen die Ausfiihrungen der Zeitung können wir nicht umhäi, einem Passus völlig zuznstitmncn. Gegenüber der Befriedigung der Zionisten über das russische Entgegenkommen, erklärt sie nämlich: ״Wir müssen gestehen, dass wir für diese Auffassung absolut kein Verständnis haben . . . .“ In der Tat, politisches Ver• s tf» n d 11 i s hat die ״Allgemeine“ noch nie besessen. Sie lamentiert darüber, dass die russische Regierung die Juden los werden möchte. Nun. wcr.1 dieses Bestreben sogar das Versprechen. zeitigt, die Erwerbung Palästinas unterstützen zu wollen, so muss cs Russland fürchterlich ernst damit sein, dann muss cs für Russland eine politische Notwendigkeit bedeuten, die jüdische Bevölkerung zu vermindern, dann ist aber der Zionismus auf dem von der unerbittlichen Logik der Tatsachen gewiesenen Wege. Dann begreifen wir freilich, dass die ״Allgemeine“ ״diese Zugeständnisse der russischen Regierung 1111• säglich traurig stitmren." Denn wer mit dem ״Hiltsverein" der Meinung ist. dass unter allen Umständen evie Auswnnderimg verhindert werden muss, dem muss bei dieser Lage der Dinge das ci.igeschläferte Gewissen erwachen. Den Zionisten aber zu sagen: F'ai'.s sic an der Lösung des russischen Problem1 ernstlich initarbeiten wollten, würden sie willkommen sein, das ist eine unerhörte Dreistigkeit, die nur durch die unsägliche Verlegenheit erklärt wird, in die das offizielle Judentum und seine journalistischen Och!!feit durch die Erfolge des Zionismus im Dienste eben dieser Aufgabe versetzt worden sind. Dasselbe Blatt, das Woche für Woche die geistigen Bedürfnisse seines Leserkreises mit abgelegten Kanzelphrastn befriedigt, wagt von der Herrschaft der Phrase im Zionismus zu sprechen, der Phrase, die von Königen und Mini.stern als ein politischer Faktor gewertet worden ist. Alrcr wir w issen sehr wohl, was dieses Blatt immer wieder veranlasst, sich gegen die ״nebelhafte Phraseologie” unserer Bewegung zu wenden. Die scharfe Formulierung der natio* nalen Frage, die offen ausgesprochene Erkenntnis der Lacher* lichkeit einer deutschen Nationalität ji.diseher Religion, der Kampf für die Weckung nationalen Ehrgefühls unter den Juden jagt ihr bleiclrc Furcht ein und lässt keine unbefangene Priifang autkommen. Quousque tandem! Wir sind cs müde, zu dulden, dass man die Schwäche der eigenen Position zu verdecken sucht durch den Angriff des Gegners und die Verdunkelung der Tatsachen. Will man den Frieden mit uns. daun sage man nicht, dass wir die Ikf.id dazu böten unter Aufgabe unserer Grundsätze, dann lerne man, dass Wahrhaftigkeit auch eine Politik ist, und w׳ir werden Uns freuen über den Sieg unserer Idee, d. h. der Gesimdung unseres Volkes. Jehuda. Ansiedlung. Referat von Dr. Franz Oppenheimer. Dem Zionismus ist eine Aufgabe gestellt von ungeheuerster Schwierigkeit. Er soll* eine Völkerwanderung organisieren erstlich von einer Massenhaftigkcit, wie sic die Weltgeschichte kaum je erlebt hat; denn es handelt sich um die Exponierung und Ncuansiedchmg von Millionen armseliger, elender Men* scheu 'in kürzester Zeit, während doch die Völkerwanderungen der alten Zeit kaum ’ ebensoviele Huuderttauseude in Be* wegung setzten, und während doch die grösste Völkerwandc* rung der Welt, welches diejenige der deutschen Ackerbauer nach den Vereinigten Staaten von Amerika ist, mehr als achtzig Jahre brauchte, um ungefähr H Millioudi Ansiedler zu kölonisieren. — Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass dasjenige Gebiet, in welch.es diese Auswanderung aus unabweisbaren Gründen gelenkt werden 1nuss.\ ein Verhältnismässig enges ist, so eng, dass von vornherein mit einer sehr