Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 390. Jtidfselie R113adscl1a.11 No. 37. Jahre nach Ihm gelebt haben müsse — da war auch der Name ״Der grosse Ungenannte", wohl auch der zweite oder Deutcro- Jesajas genannt, gang und gebe geworden. Wir bezeichnet! ihn als den grossen Ungenannten, weil in ihm der mit der Zeit immer matter und trüber gcwordene prophetische Geist noch einmal vor dem gänzlichen Erlöschen hell aufflammte, leuchtete und strahlte, wie zur Zeit, da daß prophetische Gestirn seinen Scheitelpunkt crjrclcht hatte. Wie hätte man ihn denn auch sonst dem filteren Jesajah an die Seite setzen können? Ja, was die Leuchtkraft dieses Sternes erster Grösse betrifft, so kann kein anderes prophetisches Mimmclslicht sich mit ihm vergleichen; dam noch heute sonnet sich die gesamte gebildete Welt in seinem Glanze; zwei Weltregionen, Christentum und Mohammedanismus haben ihr Lebenslicht am Lichte dieses hellen, klaren Geistes angezfmdet. Beide wurzeln sie im Proplietenwortc des zweiten Jesajah. Er war cs auch, der seinem Volke zugerufen hatte: ״Ich, dein Gott, habe dich rechtmässig berufen, deine Hand ergriffen, dich gebildet und gemacht zum Bunde der Menschheit, zum Lichte der Völker.‘‘ (Jes. •I?, 6.) Ferner weiterhin: ״Ich habe dich gemacht zum Lichte der Nationen, meine Beihilfc zu sein, bis an der Welten Ende." (Jes. 49, 6.) Wenn diese Worte herrliche Bestätigung gefunden, so ist <’;»$ eben diesem Propheten zu danken, der hierzu die geschichtliche Grundlage bereitet und den ersten Anstoss gegeben hat. Er, der Ungenannte, war ein wirklicher und wahrer Proplict — von Gottes Gnaden: hier hat dieses Wort auch einen tatsächlichen und tatkräftigen Sinn. Was ist denn so ein Prophet? Jeder erste beste, den wir fragen, wird uns antworten: .,Ja, ein Prophet ist ein Manu, der prophezeit, der in seiner göttlichen Erleuchtung das Zukünftige, wie ein Gegenwärtiges anscliaut. Mag ja sein! Wenn man jedoch das Wesen des prophetischen Geistes aus dem Proplictenwortc selbst heraus sich klarzusteüeu sucht, so wird man bald gefunden haben, dass diese Deutung tatsächlichen Untergrund nur in beschränktem Masse besitzt. Der Prophet der Bibel, der Prophet, welcher nur auf diesein Boden wachsen und gedeihen konnte, ist ein ganz anderer Mann. Das Wesen des Propheten in aller Ausführlichkeit darzulegen, fehlt es uns a!1 Zeit. Die Bibel selbst hat uns den Propheten mit einem einzigen Striche gezeichnet. — Der Prophet Ist der ״Iscli Hoelöhmi", zu deutsch: ״Der Mann Gottes". Damit ist schon alles gesagt, was gesagt zu werden braucht. Was heisst doch das, der Mann Gottes? Dass heisst, der Mann, der sich nicht mehr selbst gehört, sondern Gott; der Mann, der sein persönliches und individuelles Wesen und Leben äufgegeben und es In Gott versenkt hat. Gotttrunkcn und in Gott versunken, lebt er, und atmet er nur noch in Gott. Er ist besonders im Momente der Begeisterung so völlig in Gott aufgegangeit, dass er weit- und selbstvergessen nur noch Gott zu schauen, seine Stimme zu hören, sein Wort zu verkündigen wälint. Alles was er spricht, ist das Wort Gottes, alles was er denkt, ist der Gedanke Gottes, alles was er tut, Ist die Tat Gottes; er spricht es, denkt es, tut es Ja nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen Gottes. Man hat den Propheten auch als das Sprachrohr des heiligen Geistes bezeichnet. In gewissem Sinne ist er das auch, besonders er selbst wälint das zu sein; trotzdem verleugnet er dabei nie die eigene Stimmung und Veranlagung. Jeder Propiiet behält und bewalirt schic eigene menschliche Eigentümlichkeit, und einer kann vom anderen ganz genau in seiner Denk- und Spracliweisc, in Geist | und Gesinnung unterschieden werden, bleibt aber trotzdem* der! eine wie der andere — der Mann Gottes, j Welcher wohl der grösste sei von allen den späteren Pro-; pheten? Das ist schwer zu sagen; eine Entscheidung hierüber | stellt uns auch nicht zu. Ich denke, wir lassen es bei dem | Bescheide Go etil es bewenden. In Bezug auf den Streit der Deutschen, wer wohl der grössere Dichter sei, Goethe oder ן Schiller? meint er, so freut euch, doch, dass ihr zwei solche; Kerle habt. Freuen wir uns doch, dass wir viele solcher Man- 11er haben. Sagt doch auch Moses, der grösste aller Propheten: ״Wer gäbe doch, dass das ganze V«!!k Gottes Propheten wären, und Gott seinen Geist auf ihnen ruhen Hesse.“ Auch die Frage, war um Moses als der grösste aller Pr >- pheten bezeichnet wer.;., ist oft ventiliert worden. Der Mbdrasch mein.(, während die anderen Propheten in trüben Spie- I «ein beaspaclaria meluek'.echeth, schaute Moses alles im klaren ' Spiegel, beaspaclaria 1!;e:־:׳:hzeeheth. Das mag ja richtig sc'!!, j aber verständlich ist es nie״[. Ich habe mir die Sache in ganz anderer Weise zurecht gelegt. Der Prophet in Israel hatte von jeher einen schweren Stand und sicher eben so viele Widersacher als Anhänger. Wenn nun aber gesagt ist, ״und es stand kein Prophet mehr auf in Israel gleich Moschch", wenn er der grösste vv.tr von allen, wie cs zun! Schlüsse heisst: ״L’ eni‘ ko! JisroCl", ״in den Augen von ganz Israel," dann muss er es docli auch wirklieh und tatsächlich gewesen sein. Bevor wir uns min der Aufgabe ziiwenden, des grossen Mannes Eigenart darzulegen, wird noch die Frage zu bcantlieh der: wie es am besten zu ermöglichen ist, unsere Brüder im Orient jüdisch und kulturell gut zu erzielten und dem Judentum auch im Morgenlande eine seiner grossen Vergangenheit würdige Zukunft zu sichern. (Fortsetzung folgt.) Typen vom Kongress. Von H. Str. Wenn Sie durchaus wollen, verehrter Herr Doktor, will ich sehen, ob ich mit dem mir ungewohnten Handvverkzcug, der Feder, dem Tintenfass eine anschauliche Schilderung eiitiger besonders markanter ״Typen" des Kongresses, entsteigen lassen kann. — Herzls fürstliche Erscheinung, sein ausdrucksvoller, von schwarzem Haar und Bart umrahmter Kopf, aus dem die tiefliegenden, prächtigen Augen ernst, sinnend die Versammlung grüssen, sic sind Jedem Juden, zumindest aus bildlicher Darstellung bekannt. Neben ihm, als wirkungsvollster Kontrast, das gedrungene, breite Gesicht Nordaus. trotz vveissen Bartes recht Jugendlich, kampfbereit. Ein wahrer Patriarch ist Prof. M and61 stamm; das gütige Qeslcht des berühmten Augenarztes mit dem wallenden grauen, in der Mitte sanft gescheitelten Barle, muss auch dem ärgerliebsten Oppositionellen Sympathie einflössen. Acusserst korrekt frisiert präsentiert sich in tadellosem Frack Sir Francis M 0 n t e f i 0 r e, der ganze Typus des englischen Aristokraten. Hinter ihm stehend, schwingt Z a n g vv i 11 bei den Kraftstellen von Herzls Rede zwar ungelenk aber mit ehrlichster Begeisterung seinen Hut; Zangvvill, der die Hässlichkeit in höchster Potenz, aber interessant und geistreich auch ausserlieh ist; wer diesen merkwürdigen Menschen einmal gesehen, vergisst ihn nie mehr. T e m k i 11 prunkt mit langem Barte und verdeckt fast unser!! weniger umfangreichen, allzeit liebenswürdigen Klee. Der bekannte Familientypus Marmorok ist Im Saale unten durch die drei tapferen Streiter Oskar, Alexander und Theodor Wolfgang, auf der 'Bühne durch die würdige Mutter und die anmutige Schwester vertreten.. Mit grosser Freude sehe ich unter den befreundeten Herren da oben einen richtigen, echten russischen Rabbiner, den Misrachitührer Rabbi Rein es aus Lida, der mit Käppchen und Kaftan und langem, Jüdischem Barte all de1׳ Herren da oben erst die richtige Folie gibt. Hoch aufgerichtet und stolz treten zwei fremdartige Männer in den Saal, von dunkler Hautfarbe, mit Pistolen bewaffnet, in eigenartiger, huposanter Kleidung; es sind die Abgeordneten der tapferen k a u k\a s i s c h c 11 B c r g J u d e 11. II a 111 k e, dar ״stü!e