Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I No. 36. •f tidi&clie R 11n(l.selkf1.v1• Seite 385. P i 11 e s spriclit gegen Ostafrika und die Einsetzung einer Kommission. Diesenhof spricht französisch. Er wendet sich gegen das Ostafrikaprojekt und gegen den ״Politiker“ Eriedemaim: Schliesslich wäre es jr/ auch ״politisch“« den leidenden Juden die Assimilation zu empfehlen. Die russischen, rumänischen und galizisclien Juden wollen kein Asyl, sondern ein Vaterland. Ein Vaterland ist niemals gegründet worden durch einen Majoritätsbeschluss. (Beifall.) Ein Antrag auf Unterbrechung der Sitzung wird abgefeimt und die Sitzung fortgesetzt. Dr. A. Marniorck: Damit keine Missverständnisse ohwalten, erkläre ich, dass ich durchaus gegen das Ostäfrika- Projekt bin. (Beifall.) Alle Jene Argumente mehr philanthropischcr Natur haben midi nicht wankend machen können in der Meinung, dass das OstafrikaproJekt im Grunde antizionistisch ist. (Lebhafter Beifall.) Die Präge, die uns hier beschäftigt, ist aber nicht die, ob wir Ostafrika mögen oder nicht, sonder!« ob wir uns cntscbiicsscn sollen, bevor wir geprüft haben ode! nicht. Wir haben eine unnötige Angst vor dieser Kommission. Sic soll ja nicht entscheiden, nicht sprechen: ja oder nein, bevor sie nicht wieder zu uns gesprochen hat. Wird sie nicht aus unserer Mitte genommen? Und unser Votum über die Sache bedeutet mehr, je mehr wir darüber wissen. Glauben wir doch nicht, dass bloss auf ein vages Phantom hin unsere Führer bereit gewesen wären, Zion zu verlassen. Es muss vielleicht etwas an der Sache sein. Und dann wird tms das Einsetzen einer Kommission }nicht wankend machen daran, unsere Gedanken nach Zion zu richten. Das ist kein Kornpromiss. Ferner: Ist es recht, dass wir unsern Führern, wenn sie uns Mitteilungen machen wollen, sagen: Wir wollen nichts hören? Wird man nicht sagen: ״In der zionistischen Bewegung wird verworfen, bevor man angehört hat? Der Zionisteukongress ist nicht ernst zu nehmen?“ Ich habe Vertrauen zur Kommission, die man entsendet. Prüfen müssen wir.; Wir zweifeln daran, dass sich etwas ändern wird an unserer Gesinnung, tinscrm Streben nach Palästina. (Beifall.) Oranowski spricht gegen das Ost-Afrika-Projekt. Er bemerkt gegen Dr. Friedemann, er wolle keine ״Raehmones״- Zionisten. Er schliesst seine Anregungen über die in Palästina zu befolgende Politik:: Eine öffentliche gesicherte Heimstätte, die kauft man nicht, die nimmt man als Volk entgegen. (Beifali.) Dr. Hcrzl, Präsident: Ich mache dem Vorredner wegen seiner Bemerkungen eine Rüge: Dinge, wie er sie vorgebracht hat, schädigen unsere Sache schwer. Ich kann das nicht passieren lassen und fordere die nachfolgenden Redner auf, solche Dinge, die nicht im Sinne der Versammlung sind, fernzuhalten. (Lebhafter Beifall.) Rabino witsch spricht russisch. Bog o rase h o spricht hebräisch. Chasan: Es .handelt sich hier im Saale um zwei Parteien, um Afrikaner und Nicht-Afrikancr (Heiterkeit). Das Ziel Jedoch, das wir Zionisten im Auge haben, werden wir so wie so nie vergessen, also warum wollen wir uns widersetzeu, eine Kommission einzusetzen und die Sache von vornherein ablchncn? Wir wollen eine Kommission, #dle zwar nicht be- 'schiesst, aber berät!! Herr Mosisson spricht Im Jargon. Dr. 'MoSts״Mannheim: Ich möchte behaupten, dass das für und wider des Ostafrika-Projcktcs keineswegs eine Einschränkung oder Erweiterung des zionistischen Programms bedeutet, sondern wir haben die strikte Ablehnung' des Proiektes als ein Stück unüberlegter Politik betrachtet. Diese Erwägung hat uns dazu geführt, dafür einzutreten, dass die Vorlage des A. C. von uns accepticrt wird. Es ist doch zunächst ein Akt der Höflichkeit, dass man einen Vorschlag untersucht, den inan angeboten bekommt, zumal von einer Macht, die sich vorher in der EI Arisch-Frage äusserst freundlieh verhalten hat. Wir sind cs der Klugheit und besonders unserem Volke schuldig, nicht über ein dargebotenes Auerbieten einfach zur Tagesordnung überzugehen ohne Jegliche Beratung. (Bravo!) Es wäre aber auch ein Unrecht, au unsern Führern, wenn wir das Werk ihrer Arbeit einfach ablehnen würden. Es ist so viel vom Vertrauen zu unseren Führern gesprochen worden, die so redlich gearbeitet haben, und es wäre starke Undankbarkeit, wenn wir das Projekt ablehnen würden, ohne uns der Mühe zu unterziehen, zu untersuchen, was das Projekt eigentlich bedeutet. Was wir }vollen, ist nichts anderes, als eine Prüfung durch Vertrauensmänner im Verein mit dem A. C., sowohl vom Standpunkte einer einfachsten politischen Besonnenheit, als auch vom Standpunkte des Vertrauens zu tmserrn Führer Dr. Hcrzl (sehr richtig) und vom Standpunkte der Pilicht gegen unser jüdisches Volk. Rabbiner Reines aus Lida: Vor derselben Tribüne, von der aus man unserem Lande einen Gniss geschickt hat. spricht man nun von Afrika. An unser Land sind wir geliuudcn, das auf uns wartet. Jedoch da man unserem Volke einmal Hoffnung auf materielle Hilfe gemacht hat, muss man diese jetzt durchaus suchen. Unsere Delegierten sind entlassen worden mit Tränen in den Augen, mit Träne;: der Hoff nung. Was werden wir jetzt antworten, wenn wis keine Hilfe bringen werden? Unser Volk leidet Hunger. Ehe Sache nicht einmal einer Kommission zu überlassen, ist eine Sünde. Jeder Delegierte, der heimkoinmt, soll Versammlungen machen, und soll den Willen des Volkes schriftlich dem A. C. mitteilen. Die Redezeit wird auf 15 Minuten festgesetzt. Rabbiner B o r i s c h a n s k y: Mit Gegnern des Palästin:־.- Planes haben wir schon zu tun gehabt, aber nicht mit Gegnern von Afrika, Delegierte können ihren Auitrag nicht;indem. Herz!, der von allen geliebt ist, ist es, weil er uns zu arbeiten gab und arbeitete da, wo unser Wii|e lag. Wir haben se׳t ewig nur c i n Heim vorzuweisen. Anderswo, auch bei den Kusari, von Afrika aus werden wir nach Zion noch wollen. Wer hat den Zionismus erweckt? Unsere Leidenden. Aus einem Ort, wo es uns gutgeht, gibt es keinen Zionismus mehr. Sollen wir wünschen, dass es tms in Afrika schlecht gehen soll? Afrika hat gar keine Werbe kraft für uns. Wir bringen drei Tage mit nichts zu. Auch wir Russen verstehen etwas. Nicht die Sprache ist die Hauptsache, sondern was darin ist. Ohne Afrika, mit Erez Jisroel müssen wir nach Hause zurückkehren. (Stürmischer Beifall.) Präsident Dr. Uodcnhcimcr teilt mit, dass eine Ab Stimmung heute nicht stattfinden kann, da das A. C. sich doch im Anschluss au die Gcncralrcdncr äussern muss, Herr Dr. Hcrzl. aber jetzt unwohl ist. (Rufe: Schluss der Sitzung.) Dr. Sy r k in: Wir stellen vor einer ernsten Frage, vor der Frage, in welchen Bahnen unsere zionistische Bewegung für die nächste Zeit laufen soll. Ich werde versuchen, die Gründe für die Einsetzung einer Kommission und die Gründe, die dagegen ausgesprochen worden sind, darzulcgcn. Folgende Gründe sind angeführt worden gegen die Einsetzung einer Korntnission: Erstens haben die Gegner mit ihren zionistischen Gefühlen und Stimmungen operiert. Ich kann begreifen, dass diese Gefühle und Stimmungen aus dem Herzen kommen, dass dieser Romantizismus eine tiefe Begründung in der Seele eines jeden Zionisten hat. Aber vor einer sachlichen Frage sind sie meines Erachtens wenig am Platze. Der zweite Einwand ist. dass wir kein Recht haben, uns mit dieser Angelegenheit über- Haupt zu befassen, und der dritte, dass in dem Augenblick, wo wir eine jüdische Autonomie, welche doch die Folge dieser Einsetzung einer Kommission sein sollte — nach der Ansicht dieser Herren — in Ostafrika haben, an Palästina niemand mehr denken wird. Nun müssen wir doch bedenken, dass nicht Verrat an Zion uns dazu veranlasst, unsere Aufmerksamkeit einem anderen Land zuzuwenden, sondern ein Bedürfnis, das in den jüdischen Massen reif geworden ist, das Bedürfnis nach der Regulierung der Emigration. Tun Sie das nicht, so entsteht ein kolossaler Verlust für die nationale Sache. Alljährlich verlieren wir Tausende und Abertausende nach allen Windrichtuugcn. Und das allein ist es noch nicht, sondern mit jedem