Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 384 •Tildisclie Rundschau schien «Hier die inöjjlielic Schwächung eines Ideals? Aber sGbst das letztere sei nicht zu befürchten, denn wer sein zionistCsdic.s Ideal verliere, habe es nie besessen. Das Wiederaufleben des Zionismus zeige, dass Ideale schon auf dieser Erde ihre Auferstehung feiern, aber die im Elend Gestorbenen, die stehen nicht wieder auf. Wüsste er, dass die Millionen Entrechteter und Entkrfifteter für die Ablehnung des ostafrikanischcn Profcktes seien, er würde sofort diesen Standpunkt vertreten. Wurde es denn aber eine Stärkung der Bewegung bedeuten, wenn wir zu unseren Leuten kommen und ihnen sagten: Wir haben Euch ״Ideale“ vom Kongress gebracht?! (Unruhe.) ln der Politik müsse mau mit Tatsachen und nicht mit Idealen rechnen. Man werfe den Zionisten vor, dass sie Worte machen und sich vor Taten sehen zurnckziehen. Nun stellt man uns vor eine Tat, und wir zittern wirklich! Das ostafrikanische Projekt kollidiere nicht mit dem zionistischcn Ideal, und ruft die jüdische Geschichte selbst zum Zeugen dafür an. Wir stehen vor de» ersten Versuchen in der Politik und müssen Zusehen, wie andere es machen. Erankrcich habe Eisass umsonst für sich reklamiert, habe es deshalb auf die Kolonisations-Idee im grossen ganzen vorzichtct?! K o 11 a n Bernstein: Wir wollen keine sentimental.- Politik treiben, sondern eine reale Politik und vom rein p!׳l<- tischen Standpunkt aus das Projekt betrachten. Es sind zwei Gründe, juridische und politische, die es notwendig machen. Stellung zu nehmen. Als ich das erste Mal von diesem Projekt gehört habe, habe ich das gefühlt, was jeder Hungrige, jeder Durstige fühlt. Geben Sie nur Brot und Wasser! Aber wir sind hier nicht nur als Vorsteirer des kranken Judentums, wir sind dazu da. um als gute Acrztc überhaupt den Organismus gut zu studieren. Mau fragt nicht einen Kranken, was für ein Rezept man ihm verschreiben soll. In England und Amerika führen die Hausärzte Journale, in die sie ein tragen, warnt Mitglieder einer Familie sich gut befinden und wann schlecht! Wir haben sc» ein Buch, die jüdische Geschichte, und müssen uns ständig nach dieser Richtschnur halten. Als ich die Märtyrer von Kischmew sah, habe ich ausser meinem Schmerz auch Stolz gefühlt. Ich habe gesehen, wie jüdisches Eisen zum Stahl wird. Das Elend macht uns Juden kräftig, nicht schwächer. Deshalb gelte ich Ihnen den Rat, keine Kompromissprojekte für die Not anzitnehmcii. Ich schlage ihnen vor, dass man eine Resolution anltörc, weiche die russische Landsmannschaft angenommen hat und empfehle Ihnen, dieselbe anzutiehntcit. Ich glaube, dass wir politisch klug handeln, wenn wir so!tun. Die Resolution der russischen Landsmannschaft, die in einer Abstimmung mit 146 gegen SJ Stimmen angenommen wurde, lautet: ״Der •Kongress erkennt die grosse politische Tragweite des grossmütigen Anerbietens der englischen Regierung an, das dahin geht, der zionistischen Organisation zu erlauben, in Ostafrika eine autonome, jüdische Kolonie zu gründen und bittet das A.-C., der Regierung der mächtigen englischen Nation de*1 innigsten Dank des jüdischen Volkes auszurichten. Da die Juden dem Kongress, dem Grundprinzip des Zionismus treu bleiben, und das Ziel der Bewegung in der Schaffung einer öffentlich rcchtich gesicherten Heim- Stätte nur in Palästina erblicken, so bedauern wir, dass die zionistische Organisation sich mit diesem Projekt nicht befassen kann." (Lebhaiter Beifall.) Dr. Grone mann: Obwohl ich für die Kommission spreche, finde ich doch unter all den heute gesprochenen Worten nur von einem der Vorredner ein Wort, gegen das ich Protest erhebe. Es ist gesagt worden, wir seien erst Juden und dann Zionisten. Das ist nicht wahr. Judentum und Zionisntus ist für uns identisch. Es kann nichts so sein, dass wir als Juden für etwas und als Zionisten dagegen sein könnten. So ist cs auch mit Ostafrika. D*r Prüfstein ist unser Pro• grannig Das. was uns geboten wird, muss entweder unser Ziel oder das Mittel zu diesem Ziele sein. Das Ziel wird uns No. 36. nicht geboten. Ist also dnrs, was lins geboten wird, geeignet, uns unserin Ziele näher zu'hringeu? Das möchte ich bejahen. Nicht voll dem Standpunkte aus, da'ss wir damit der Verdendüng entgegen arbeiten. Wir wollen nicht mir ein Nachtasyl, sondern eine Werkstätte für das jüdische Volk. Dr. Rosenbäum hat gesagt, es habe in zionistischen Kreisen eine grosse Furcht bestanden, der Charter möchte gegeben werden, ehe wir fertig seien. Warum sind wir nicht fertig? Wir könne!׳ Mustcrbauerii schaffen und Schulen gründen. Ehics fehlt uns. Wir können nicht Musterbürger schaffen. Wir!missen cir.t ungeheure Schule für das jüdische Volk haben, in der das jtidisehe Volk lernt, sieb politisch ausztilcben. (Beifall). Dass v-ir auf die Erreichung unseres Zieles warten müssen, wissen wir. Es fragt sieh bloss, wo und wie wir warten wollen, ob als gedrückte Unfreie, oder als freie, aufrechte Bürger (BeifallL Ein Zionist, der sein Programm vergisst, ist nicht wert, Zionist zu heissen. (Beifall.) Oder gibt es jemanden, der der Ansicht ' ist. dass der Zionismus nichts anderes sei als die Reaktor, gegen den Antisemitismus, nichts als ein Angstpnxlukt, dass nur diejenigen, die in Not sind, zum Zionismus gekommen seien? Gerade das Gegenteil ist der Fall. Das werden wir zeigen auch in den besten und schönsten Tagen, wenn wir uns national auskben können. Von da aus werden die Musterbürger auszehen, diejenigen, welche einen Stamm bilde!! Von Geiahi für unser Programm kann Keine Rede• sein. Ist es eine Gefahr, wenn wir auf einige Zeit Zusammenkommen können und pol:- tisch leben, uns wenigstens der Illusion hingebta können, dass wir unser Ziel erreicht haben? Sind wir hier etwas anderes als ein Bild des künftigen jüdischen Gemeinwesens? W eim Sie dagegen sind, müssen Sie auch gegen diesen Kong vss sein. Ich muss noch die Acusserung zurückweisen, es zeige sxb, wie tief der Zionismus in manchen westeuropäischen Landinannschatten gesunken sei. Gerade weil wir die ungeheure Verantwortung fühlen, haben wir gesagt, wir können nicht so schnell und ohne weiteres über diese Frage entscheiden, stmdern sie muss von einer Kommission beraten werden. Unser Weg ist vergleichbar mit einer Bergbahn, die durch v!e*c Tunnels doch endlich zum Lichte emporsteigt Audi wir nähern uns der Sonne Zions (Beifall). Dr. Jakobsohn: Ich iürehtc, wir gehen von hier weg beraubt unseres zionistischen Ideals. Wir haben kein Recht, auf dieses Angebot zu verzichten, hat man gesagt Mit Ostafrika werden Sie aber den Millionen leidender Juden gewiss nicht liehen. Das wäre nur eine momentane Abhilfe. Sic werden zugebeii müssen, dass wir, wenn wir eine kleine Kolouisation einleiten wollen, das Land gut und ernst durchforschen müssen. Das nimmt eine grosse Zeit in Ansprudi. Den grossen Strom der Emigration nach Amerika werden Sic nicht nach Ostafrika ablenkeu können. Um nach Amerika gehen zu können, braucht man nicht viel Geld, wohl aber nach Ostafrika. Es ist traurig iiir mich, mit diesen Argumenten vor Sie zu treten. Eines vereinigt uns Zionisten: Der Stolz auf unser Judentum und das Baseler Programm. Es ist mir wenig verstündlich, wie in Ostafrika, einem von einem Staatsmann aufs üeradewoli! aus der Luft gegriffenen Lande, das nationale Bewusstscin gehoben werden soll. Anstatt das Volk zu organisiercu, beginnen wir eine neue, schwere Arbeit, um nur einige Tausende zu versorgen. Entweder Palästina oder Ostafrika. Denn auf Jahrzehnte wird das alte unsere Kräfte in Anspruch nehmen. Dr. Pasmaitik ist mit demokratischen Prinzipien aufgctreten. Es ist ungemein schwierig, unser Volk in eine ganz neue Lage zu versetzen. Wir muten unserni Volke zu, dass es diese schwierige Arbeit vollbringe. Man sagt, wir brauchen nur über die Kommission zu sprechen. Dagegen bin ich. Es gibt verschiedene Fragen, die in einer Partei nicht in einer j Kommission behandelt werden können, weil diese Fragen dem Grundgedanken der Partei nngchörcn. In diesem Punkte kann I man keine Kompromisse eingchcn. (Stürmischer Beifall). "'S*M 4■% |