Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36. Seite 381. Jildisclie R11ndscl»au. e! Dr. Rosen bäum: Ich will bei dem Punkte anfangen, wo ich gestern aufgehört haben. Vorher noch eine Bemerkung* In dieser Frage möchte ich nicht diejenige Seite berühren, die . auf unsere Gefühle einwirkt. In den Landsmannschaften ist die Frage schon allseitig diskutiert worden. Als ich sagte, wir könnten die Juden auch nach Amerika und andern Ländern schicken, habe ich ״Nein“ gehört. Damit bin ich einverstanden. Wir müssen Palästina haben. Wenn die reichen Juden, die Philanthropen, die armen‘Juden kolo- ־irisieren wollen, so geschieht das eigentlich so: Die Reichen können die leidende Armut nicht mit ansehen und suchen deshalb einen entfernten Winkel der Erde aus und schick.*!! die Armen dorthin, damit man sic nicht sicht, damit mau nicht immer Mitleid haben muss. Das wollen wir nicht. Wir wollen mit ihnen zusammen gehen. In dem Momente, wo wir sagen, wir wollen für eine Gruppe von Juden ein Nachtasyl finden (und zwar ein Asyl für eine finstere Nacht!), sind wir die Philantropen. gegen die wir so viel geschrieben und gesprochen haben. Gesetzt den Fall, wir können Palästina haben und man tragt uns Ostafrika an. so würden wir uns einstimmig für Palästina entscheiden. Infolgedessen!miss die Frage so gestclU werden: Ist es richtig, dass wir Palästina nicht haben können? Ich sage ja! ln abselibarer Zeit, d. h. in der Zeit, wann wir cs nötig haben. Ich bitte, sich ruhig zu verhalten, wenn ich auch Dinge sage, wobei Sic mich unterbrechen möchten. , Nach Nordau war die notwendigste Bedingung zur Erlangung Palästinas der Volkswille; der ‘Wille von 12 Millionen Menschen ist ein Faktor, mit dem praktische Politiker rechnen müssen. Diese Vorbedingung ist nicht emgetroiien. Bei der Anhörung des Rechenschaftsberichtes jubeln wir. wenn wir höre»!, dass wir um so und so viel Prozent Zionisten mehr geworden sind. Im Vergleich zu den Nichtzionisten sind w!r doch nur eine Minorität. Dieser Volkswille ist noch nicht da. Der Ausdruck, dass wir die Repräsentanten des jüdischen Volkes sind, kann nur in einem philosophischen Sinne gesagt werden. Der Ausdruck Volkswille ist abstrakt. Ucbersclzt heisst cs: Geld. Wir haben kein Geld. Bei Gründung der Bank ־ hatten wir kaum die Summe,• welche notwendig war, um die Bank fundieren zu können. Wir haben die Führung unserer Führer anders verstanden. Wir haben geglaubt, wir sollen unter den Führern der Völker gute Stimmung machen, damit zu jener Zeit, wo wir fertig werden, auch die andern für uns gewonnen sind. Wir haben VQr der Erlangung eines Charters gezittert, denn wir waren noch nicht fertig. Man hat gesagt, der Charter sei ein ungeheures Agitationsmittel. Das ist nicht cingctroffcn. Haben wir keine anderen Agitationsmittcl? S!e werden sagen: Volkswille. Geld. Brauchen wir für Ostafrika keinen Volkswille!!, kein Geld? Man denkt sich, für Ostafrika würden war das Geld nicht beim jüdischen Volke nehmen, sondem zur Ica gehen. Man will, dass man unseren Führer zur Ica und andern reichen Juden schicke, um zu betteln. Unser Führer ist bei der Ica freundlich empfangen worden. Was waren die Resultate? Dieselben wie bei den andern. Die Ica hält an ihrer Methode fest: Alle Sympathien, aber kein Geld. Also in dem einen wie in dem andern Falle müssen wir unsere Arbeit fortsetzen, den Rat Dr. Nordau’s befolgen. Unsere Arbeit ist, einen Volkswille zu schaffen, den Zionismus zu ver tiefen. Agitation zu machen, oder: ״die Organisation.“ Ich werde mich fetzt nicht darauf «!!lassen, wie wir das machen sollen. Aber unsere Aufgabe ist es, unsere Ideale fcstzuhaltcn und diejenigen Mittel zu bekommen, welche zur Erreichung des Ideals nötig sind. Wir können Palästina wirklich nicht haben, so lauge wir keinen Volkswillen luibcn, d. 1!. viele Juden, die opferwillig sind, und so lange wir nicht der türkischen. Regicrung und dem türkischen Volke Nutzen in der Gegenwart werden versprechen können. Wir haben keinen Grund ־׳.u sagen, da'ss etwas misslungen ist. Die' Unternehmung Dr. Hcrzls konnte noch nicht gelingen. Das spricht durchaus nicht gegen zukünftige Erfolge. Jetzt will ich noch einige praktische Vorschläge besprechen. Ich habe die Meinung äusjsern gehört, es wäre eine Undankbarkeit von uns, wenn wir einen Antrag, der uns humanitätsvoll dargeboten wird, nicht annehmen wollten. Ich hin kein Diplomat, aber in gewissen Dingen können wir doch eine diplomatische Meinung haben. Das grossmütige englische Volk wird uns übel nehmen, dass wir in diesem Saale diese Frage nach unser!!! Gutdünken behandeln? Das Ist nicht riehtig. Wir sind erfüllt von Dankbarkeit für das. englische Volk. Aber wir haben auch ein indisches Volk. Dieses wird in seinem durch seine Leiden hervorgerufenen Optimismus unbedingt glauben, dass der Kongress ihn! etwas versprochen hat, das er auch zu halten verpflichtet ist. Wenn der nächste Kongress nichts bringen wird, wird eine ungeheure Enttäuschung entstehen, über die wir die Verantwortung nicht aut uns nehme:! können. Was wird das Volk sagen? Palästina nicht! El Arisch nicht! Ostafrika wahrscheinlich nicht! Es dürfen nicht Anträge gestellt werden nur zu dem Zwecke, dass etwas gesagt werde. Das Präsidium beantragt die Einsetzung einer Kommission. Oege; eine ntom.manc K*׳nunM$i<>n hier am Kongresse habe ich nichts eüizuwcndcn, wohl aber bin ich nicht einverstanden mit einer ständigen. Fs werden Anträge gestellt, der Kongress s-»’:־״׳ durch Dr. Her/1 die Sache anderen jüdischen Institutioner iihergi' c", 7■ B. der Ica. J:d-.1!fal!s werden wir uns lache! lieh machen, wenn wir darüber Beschlüsse fassen, was die Ica tun soll. Ich erinnere an die in Odessa gefassten Be- Schlüsse Co rüber, was d'e Ica in Paris tut! solle. Wiederholen v;r diese Fälle nicht noch einmal Es wurde beantragt, einen aMgemcinen Judonkonprcss ein;::2setzen. Man sagt: ״Als Ziu-!•ist mrss ich so sagen, als Jud; anders.“ Dies ist ein gefährlicher Satz, den ich ,.•־.־,:;Impfe. C. h. dass wir eine Partei unter ueu Juden bilden, vo die ParteÜntcrcsscu den jüdischen widersprechen. Damit haben wir das ־ganze Baseler Programm nicht den! Wortlaute nach, wohl aber dem inneren Sinne nach verletzt. Sulzbergcr spricht englisch. Dr. Nordau übersetzt. Herr Sulzberger empfiehlt die Annahme des Vorschlages der Ostafrikakolonisation (Beifall). In England leben zur Zeit 110 0*10 Juden auf 40 Millionen Einwoluter, das genügte, um die Einsetzung einer der Fremdencinwanderung ungünstigen Kommission herbeiztmthren. In New-Vork leben 5JOOOG Juden. Glauben Sie, dass, wenn diese Zahl in weitern zwanzig Jahren sieb vermehrt wie in den letz* ten zwanzig, nicht auch in Amerika eine Bewegung gegen die Einwanderung nicht erwünschter Fremden entstehen würde? Er für seinen Teil ircue sich über den Charakter und die Stärke der bisherigen Einwanderung; aber er sei nicht der Vertreter der Meinung der meisten amerikanischen Juden. Für viele sei die Last, die durch das Anwachsen der Einwanderung armer osteuropäischer Juden auf ihre Schultern gewälzt worden, ist so ungeheuer, dass sie sic zu zermalmen drohe. Und was wurde e£ bedeuten, wenn die Tore der Vereinigten Staaten sieb vor den Juden verschlössen? Eine der Grosstaten der amerikanischen Diplomatie war im vergangenen Jahr die Note des Sekretärs für die auswärtigen Angelegenheiten, Mr. Hay, an die rumänische Regierung, um ihr wegen der Behandlung der Juden Vorstellungen zu machen. Es waren darin schöne, unvergessliche Worte. Aber die Grundlage dieser Note war die Besorgnis vor der .gesteigerten Einwanderung von Juden nach Amerika. Bauen Sie nicht alfzustark auf den unerschütterlichen guten Willen der Vereinigte״ Staaten. Wenn sich Ihnen eine Gelegenheit darbietet, ein anderes Obdach zu finden — um alles in der Welt nehmen Sie es an. Ehe leb Zionist bin, bin ich Jude, bin ich Mensch. (Beifall). Als Zionist, als Jude, als Mensch sage ich: Wenn Sic die Gelegenheit haben, Menschen zu retten, tun Sie es, um alles in der Welt. Wenn Sic das grossherzig© Anerbieten der englischen Regierung ablelmen, glauben Sie