Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 380. No. 36. Jüdische Rundschau umschlägt, wenn das bisherige amtliche Judentum in ihre Entwickelung eingreift. Missverstehe mich niemand 1 Nichts kann mir ferner liegen, als die Jüdische Wohltätigkeit gering zu schätzen. Ich würde mich an meinem Volke schwer versündigen, wenn ich für seine schönste und rührendste Tugend keine Würdigung und kein Verständnis hätte. Die Juden sind hoch zu preisen, die ohne einen Augenblick des Zögerns ausgiebig geholfen haben, als der Notschrei ertönte. Wogegen ich mich allein wende, das ist die im amtlichen Judentum herrsehende Auffassung, dass mit der Wohltä t igkei t allein alles getan ist. Wir können nicht oft und laut genug wiederholen, was unser Präsident gestern gesagt hat: ״Nein, mit der Wohltätigkeit allein ist nichts, gar nichts getan. Liegt kein bitterer Holm darin, dass die Million, die wir von den jüdischen Reichen für unsere Kolonialbank, die Bank der Befreiung, nicht bekommen konnten, augenblicklich beisammen, als cs galt, sic in einem Abgrund spurlos und ewig unfruchtbar verschwinden zu lassen? Dass Jährlich Millionen aufgew endet werden zur Unterhaltung von Ackcrbauschulcn für Juden, die den Acker nicht bebauen dürfen, von Handwerkscliulen 1'iir Juden, die das Handwerk bloss an Orten betreiben dürfen, wo es eine sichere Anweisung auf langsames Verhungern ist? Darin wollen wir Wandel schaffen. Die Einführung der jüdischen Jugend in Berufe, die sie nicht austiben darf, das Herumschicken der Sammetbüch sc nach jede•־ geschehenen Mordtat darf nicht länger unsere alleinige Volkspolitik sein. Die neue Volkspolitik, die ich Sic anznnelimen und zu verkündet: bitte, heisst: Organisation. Organisation durch Stärkung und Vermehrung unscrer Machtmittel zum Zwecke der Befassung der Machte mit der Judcnirage und Beginn der Vorarbeiten zur Verwirkliclmng unserer politischen Pläne. Das sind so grosse und schwierige Aufgaben, dass wir uns dem Verdachte mangelnden Ernstes aussetzen würden, wenn wir ihnen auch nur den kleinsten Teil unserer Kraft entziehen würden, um s:n anderen Zielen ztizuwenden. Vor dem unverrückbaren Ziele der jiidisehen Besiedelung Palästinas darf cs nur eine Haltestelle und eine provisorische Arbeit geben; das ist die Errichtung eines Notbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder — ob Zionisten oder nicht, ist ganz gleichgiltig; es genügt, dass sie Juden sind — 'die, anders als wir Sässigen, nicht warten, können, die bereits wie ein Weberschiffchen von Kontinent zu Kontineiit, von Ozean zu Ozean hin- und hergesclileudert werden, die untergehen würden, wenn wir nicht etwas tun würden, um sic zu retten. Für diese Hunderttausende müssen wir, ehe wir Ihnen eine ständige Bauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen! Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonie ansehen, zu der die britische Rc־ g i e r u 11 g unter *gewissen Bedingung e n 11 n s La 11 d zu gewähren bereit ist. Freilich wäre es ein Nachtasyl ganz eigentümlicher Art, wie ja alles, was wir Juden als Volk unternehmen, einzigartig ist. Es wäre ein Nachtasyl, das seinen Bewohnern nicht bloss augenblicklich Unterschlupf und Nahrung gewährt, sondern das auch ein politisches und geschichtliches Erziehungsmittel sein würde, ein E r z i e I! »1 n g s m i 11 e J, das die Juden und die Welt a!1 den ihnen seit Jahrtausenden fremd und vielen unleidlich widerwärtig gewordenen Oedanken gewöhnt, dass wir Juden ein Volk sind, ein Volk, f ä 11 i g, willig und bereit, alle O esa m ta u f ga beu ei ne s gesitteten und selbständigen Volkes zu erfüllen (tosender, lang andauernder Beifall). Gewiss, es gibt für das Jüdische Volk sehr viel, ungeheuer viel zu tun, Dringlichstes, minder Dringliches, Notwendiges, Nützliches oder einfach Wünschenswertes, wenn auch vorläufig noch Entbehrliches. Alle Aufgaben dieser Ordnung müssen der Privattätigkeit überwiesen werden. Mögen einzelne lind Vereine den Ueberschuss ihrer Kraft und Mittel, wenn sic daran einen Ueberschuss zu haben Klauben, der Lösung dieser Aufgabe zuwenden. Der Zionismus muss sich strengstens jede Kraft- Zersplitterung versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm muss heissen: Ausbau der inneren Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfragc, und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen. Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn Sie sie annehmen und laut verkünden, w ird sofort fühlbar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder teilweise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht mehr geduckt, sonder n aufrecht sieht. Die Judenfeinde werden wahrsehcinlich Judenfeinde bleiben. Aber die anständige״ unter ihnen werden ihre Feindschaft in ritterlicher Form betätigen, dem! nur ein Feigling schämt sich nicht, einem Ocgner anders als ritterlich zu begegnen, der mit einer grossen Kokarde in weithin sichtbarer Farbe am Hut im Sonnenlichte auf freiem Blachtekle für sein Dasein kämpft. So ändert der Zionismus — nicht später, gleich - das zweitausendjährige Vorzeichen des. Judentums von minus in!)lus, von passiv in aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche Handclsvolk a I s e i n h nudelndes Volk i!1 e i!1 c 111 11 e u c n S i u 11 e z 11 e rk e 1111 e n! (Tosender, nicht endeitwollender Beifall.) Dienstag, 23. August Von :;WsgssÜzua״. Der Präsident eröffnet um 10 Uhr die Sitzung. Dr. B c r!׳- stein erstattet den Bericht des Legitimations-Ausschusses. Darauf halt I s r. Z a n g w i 11 *London,‘ der mit lebhaftem Beifall bcgrüssl wird, sein Referat über Zionismus und WohltätlgkcUsanstalten. (Anm.: Die Rede bringen wir in der nächsten Nummer.) Die Diskussion über Zangwills Vortrag wird vertagt. Gegen Schluss der Sitzung polemisiert Dr. E 11 a s -Mülhausen gegen die Ica und die Alliance und stellt schliesslich folgenden Antrag: ״Der Kongress verpflichte alle zionistischen Mitglieder der philantropischen Gesellschafter., den Ihnen gebührenden Einfluss möglichst zur Geltung zu bringen.“ (Beifall.) Naclunlttagssitzung. Beginn 5 Uhr. Präsident Dr. Hcrzl. Rabbiner Dr. Nobel verliest folgende Erklärung: ״Die Misrachim und ihre Gesinnungsgenossen legen hierdurch aufs nachdrücklichste Verwahrung ein gegen diejenigen Abschnitte in der Rede Zangwills, in denen religiöse Probleme in einer iiir das jiidiseh-reUgiöse Bewusstsein verletzenden Weise bcsprechen wurden. Sie geben der bestimmten Erwartung Ausdruck, dass in Zukunft die Aufwerfung solcher Fragen auf dein Kongresse vermieden werde, indem sie darin die erste Vorbe- * dingung für ein gedeihliches brflderliclies Zusammenwirken aller Zionisten erblicken.“ Zangwill woist diese Resolution damit zurück, dass er sagt, er habe die Orthodoxen nicht angreifen wollen, seine Rede Sei auch keine religiöse, sondern eine* volkswirtschaftliche gewesen. Nunmehr wird der Finanzausschuss gewählt, worauf mnii in die Diskussion Uber die Ostafrika-Prage eintritt.