Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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X f ‘ ♦*״tlSü* 'ff; *>־#%*» *■». «.JMT,» Seite 378. JUdleclie Rundächäu. Ko. 36. nomie anzunehmen. Die Stellung unseres be - | rühmten ״grossen Juden“ ist die, dass er! sie nicht entweder In den Aermel-Aus-! schnitt der Weste eingehängt hat oder eben mit ihnen ansehnliche Beträge für öffentliche, In der Regel ju den feindliche Einrichtungen oder Anstalten auszahlt. (Heiterkeit.) , Wann immer ein Minister, oder gar ein Staatsober־ haupt, auf Reisen oder bei feierlichen Anlässen die amt-; liehen Vertreter des Judentums empfing, hörte man das- ] selbe Lied: ״Wir sind glücklich unter Ihrer Regierung, oder unter Ihrer Verwaltung, wir sind tief dankbar für den gnädigen Schutz, den Sie uns angedeihen lassen; wir werden untertänigst bemüht sein, uns Ihrer Huld und Gnade weiter windig zu machen.‘* | Es ist den Regierungen nicht übel zu nehmen, wenn י sie mit einem Anschein guten Glaubens den Juden, die i sich nun bei ihnen beklagen, erstaunt entgegnen: ״Was, j ihr seid nicht zufrieden? Ihr beklagt Euch? Das ist ן ja etwas ganz Neues! Eure rechtmässigen Ve־treter | haben uns immer das Gegenteil versichert!“ Ich nehme es als ein grosses Verdienst des Zionismus in Anspruch, dass er dieser Zufriedenheits-Heuchelei und Dankbarkeits-Komödie ein Ende gemacht hat (langanhakende! Beifall). Wir haben zuerst laut und deutlich gesagt:; Wir sind nicht zufrieden, wir halten unsere Lage für eine sehr schlechte, wir empfinden unsere Behandlung als eine unwürdige und unverdiente, wir halten eine griindstiirzende Aenderung unserer Lage für eine Lebens-Not- Wendigkeit, nach den demütigen Erfahrungen, die wir mit den Anähniicimugsverstichen an andere Völker gemacht, haben wir uns am* uns selbst besonnen und wollen 1ms in unserer Art, in eigenem Recht auf eigenem Boden ausleben. Wir haben, ich wiederhole cs, die Welt in aller Perm mit unseren Wünschen befass», wir haben als ein Volk, dem Unrecht geschieht und das Gerechtigkeit ver- } langt, zu den Völkern gesprochen, wir sind vor die Regieningen hingetreten und haben, ohne zu verschleiern und ohne um den Brei zu gehen, etwa dieses gesagt: Wir sind ein altes geschichtliches Volk von 12 Millioneu. Wir halten uns für so gut wie irgend ein anderes Volk auf Erden. (Stürmischer Beifall.) Wenn nötig, wollen wir das begründen. Gleichwohl werden wir, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, von Hass oder doch von Abneigung und Misstrauen verfolgt. Hier verweigert man uns ausdrücklich die ursprünglichen Menschenrechte. Dort gewährt man sic uns auf dem Papier, nimmt sie jedoch in der Praxis grösstenteils w ieder zurück. 111 dieser Lage wollen wir nicht weiter leben. Zur Liebe können w ir niemand zw ingen: Gerechtigkeit Jedoch dürfen wir fordern, weil wir ein menschliches Antlitz tragen (tosender Beifall). Es ist aber nicht gerecht, dass man uns als Parias, oder bestenfalls als Bürger zweiter Klasse, und überall als widerwillig geduldete, fremde Eindringlinge behandelt. Wir sind keine Parias und wollen uns nicht zu solchen herabdrücken lassen. Wir wollen in Palästina Bürger erster Klasse (tosender Beifall), mit dem allseitig anerkannten geschichtlichen Rechte von \J ז eingesessenen sein, und wir bitten daher die Regierungen, uns zu der Erreichung dieses Zieles behilflich zu sein. Das, ich wiederhole cs, mag den Mitlebenden gering scheinen, tatsächlich ist es eine Wendung in der (jeschichte des jüdischen Volkes. Wir haben verlangt. So alt die Welt geworden ist. sie hat bisher immer nur erst zwei Methoden gefunden, um zu bekommen. Diese beiden Methoden heissen: nehmen und verlangen. Nehmen können und wollen w׳ir nicht, bleibt also bloss die zweite Methode: Verlangen. Seltsam, aber buchstäblich wahr: Vor dem Auftreten des Zionismus haben wir tatsächlich nicht verlangt. Unter uns haben wir tiefe Seufzer ausgestossen. sehnsüchtige Wünsche in Prosa und Vers ausgedrückt, einander mit vielsagenden Schwärmerblicken die Hände gedrückt, wir sind aber niemals vor alle Mächte Iiingctreten und haben ihnen in positiver Formulierung offen und deutlich gesagt, was wir wollen. Einen Vorwurf dürfen weder w ir selbst noch andere 1111s deswegen machen. Das jüdische Volk war chaotisch; es bildete keinen Organismus; es war ein Mensclienstauh; es wusste selbst nicht, was es wollte: es hatte keine bestellte Vertretung, die in seinem Namen sprechen konnte; und da es selbst nicht wusste, was es wollte, konnten selbstverständlich die Regierungen dies nicht wissen. Und das geändert zu haben, scheint wenig, cs ist aber in Wirklichkeit sehr viel. Wir haben verlangt! Wir haben verlangt, dass uns Palästina, unter selbstverständlicher Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans, unter ebenso selbstverständlicher Exterrritorialisicrimg der Heiligen Stätten, au denen die ganze Christenheit mit ihren tiefsten Gefühlen der Vereitrung und Liebe hängt, jedoch gleichzeitig un’e* Gewährleistung des unerlässlichen Mindestmasses von Selbstverwaltungsrechten, ohne die wir auch in Palästina uns nicht einmal auslebcii kömuen. geöffnet wi;d. Es ist uns von mehr als einer amtlichen Seite, wenn auch in höfliche Eorm eiiigehülb, etwa dieses entgegnet werden: ״ihr seid unzufrieden und wollt ausw־andern. Wir machen Euch unser Kompliment zu diesem Entschlosse, der für Eue' Selbstgefühl und Eure Energie zeugt. Alter dazu bedarf es doch keiner Regierungs־ liandlungen. Wir leget! Eurer Auswanderung nicht das geringste Hindernis in d::n Weg und geben Euch sogar unsere besten Wünsche aut' die Reise mit*׳ (Heiterkeit). Wir haben da, vielleicht zutn ersten Male in unserem Leben, keinen Sinn für Humor haben dürfen, sondern mit unerschüttetiichem. ehrerbietigem Ernst erwidern müssen: Verzeihung, es genügt nich», die Türflügel zu öffnen, wenn die Türöffnung •aussen zugemauert ist. 111 r gestattet uns den Abzug, aber niemand gestattet uns den Einzug. Da wir nicht atuiehnien, dass Ihr mit dem Leben eines Volkes von 12 Millionen Kurzweil treibt, bitten \vir Euch, es nicht bei der Erlaubnis zur Aus- Wanderung bewenden zu lassen, sondern uns auch den Eintritt in das Land zu erschliesscn, das w ir als Ziel ins Auge gefasst haben. Nicht von berufener Seite, nicht von amtlichen Stellen, aber von den zaltPeichcu Liebhaber-Diplomaten, von den zahlreichen Liebhaber-Diplomaten, von denen es in den Reihen unserer Widersacher wimmelt, kam uns darauf die höhnische Erwiderung: ״Ja Kinder, wie stellt ihr Euch denn das eigentlich vor? Sollen die Mächte etwa zum Sultan sagen: Gib den Juden Palästina, sonst hast du es mit uns zu tun?“ Auch darauf erwidern wir mit einem Ernste, den der Ein wand kaum verdient: Das ist niemals unser Gedanke, unser Wunsch gewesen. Den souveränen Rechten und der Würde des Sultans soll von keiner Seite nahegetreten w erden. Der l ag, an dem wir in eine türkische Provinz einziehen, soll für alle Zukunft ein grosses und glückliches Datum in der Geschichte des Ottomanisclieu Reiches werden. Alles, was wir wünschen, ist. dass wir ' von den Grossinächten mit dem Sultan amtlich in Verbindung gesetzt werden, dass wir nach eingehender Konversation mit Sr. Majestät, in der wir uns Zutrauen, ihn davon zu überzeugen, dass e s _s e i n Vorteil ist, sich mit uns zu verständigen, bei dem Schlussgespräelic dieselben Grossnu'iciitc als Teilnehmer. Zeugen und Gewährleister unserer Abmachungen gegenwärtig haben. Sollte sieh gleichwohl die Unmöglichkeit herausstellen, mit Sr. Majestät dem Sultan zu einer Verstündigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns i 1 I I