Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 36. Seite 377. JUdisclie Ru.nd.s5elu111. den. — pas *Berl. Tagebl.“ kommentiert nun diesen Brief »nit Zeter und Mordio und meint, bald wurden auch die anderen Länder die national-jüdische Propaganda als eine Gefahr anschen und der zionistischen Agitation unliebsatne Beachtung schenken. Wiederum aber hat es — sagen wir — geirrt. Denn was der russische Minister tadelt, hat für die Juden der übrigen Länder gar keine Bedeutung, und was er billigt und unterstützt, das ist ia gerade das Endziel des Zionismus. Anstatt darüber nachzudenken, hält es das ״B. T.“.für angemessen, von Utopie zu faseln und vom Leichtsinn fanatischer Führer, ja es versteigt sich sogar dazu, den Zionismus als einen ״Unfug“ hinzustcllcn. Herr Mosse sollte seinen jungen Leuten doch etwas mehr Reserve anbcfehlen. Denn sie blamieren seine Zeitung, wenn sic Ausdrücke wie Unfug und Utopie gegen eine Bewegung gebrauchen, deren Vcrtretcr mit den politischen Häuptern Kuropas gerade über die Verwirklichung des für Spatzengehirne freilich unverständlichen Projekts verhandeln. Dr. M. Jung m a n n. Rede Dr. f.lax Nordaus. Geehrte Versammlung, verzeihen Sic. dass ich Sie zunächst mit einigen persönlichen Bemerkungen beheiligte. Mein Name ist irrtümlich am* die Kongress- Tagesordnung gesetzt worden. Ich bin mit der festen Absicht nach Basel gekommen, liier das Wort nur zu verlangen, w enn ich dies infolge des Ganges der Eröriev rung als meine unabw eislichc Pilicht eines Vertreters mehrerer Wählergruppen empfinden w ürde. Ohne solche fachliche Nötigung wollte ich auf meinem Platze eines achtungsvollen Zuhörers. Schweigers und .Mitst!m>ncrs in Reih und Glied verharren. Wohlwollende Kritiker •haben in den letzten Jahren liebenswürdig unterstellt, dass ich mir einbilde, ich sei so etwas w ie der Tenor des Kongresses, dessen Rolle es sei. zu kommen, eine Heldenaric zu singen, App!aus״cinzuheimscn und mit Bücklingen nach allen Seiten abzutreten. Ich war entschlossen, auch den Anschein zu vermeiden, als wäre etwas an dieser von so augenscheinlicher Gerechtigkeit und Nächstenliebe eingegebenen Darstellung meiner Kongresstätigkeit. Ich bin mir zwar bewusst, liier niemals eitle Schönrednerei getrieben zu haben, gebe indes zu, dass sehildernde Betrachtung der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes dem rein akademisch scheinen mochte, der nicht begriff, dass wir unsere Argonautenfahrt mit der Aufnahme des Mittagspunktes beginnen mussten. Diese unerlässliche Arbeit des Schiffers ist nun getan. Jetzt haben wir uns mit dem Kurs zu beschäftigen. Weniger als je darf dieser Kongress eine Akademie sein. Blosse Rhetorik, die Kunst fiir die Kunst, hat hier keine Stätte. Hier sollten nur nüchterne, kühl verständige Geschäftsrcdcn gehalten werden. Zu einer solchen habe ich mir eben das Wort erbeten. Unser Präsident hat 1ms gestern zwei Tatsachen mitgeteilt, die über den vor uns liegenden Weg bisher ungekannte Helligkeiten verbreiten. Kr hat uns eröffnet, dass die britische Regierung bereit ist, dem jüdischen Volke Sympathie zu bezeugen und ihm bei seinen Bemiiliungen zu gründlicher Selbsthilfe bciziistchcu. Der Vorsitzende hat uns ferner mitgeteilt, dass die russische Regierung ihm amtlich bedeutet habe, dass Russland geneigt sei, unsere Bemühungen zur jüdischen Besiedelung Palästinas zu fÖTdcrn. Das Ist mm die diplomatische Lage, vor der die zionistische Bewegung stehf. Vier Mächte, mit die grössten, die sich in die Herrschaft über den Krdball tellen. haben, wenn nicht fiir das jüdische Volk, doch für den Zionismus freundliche Gesinnungen geäussert. S. M. der deutsche Kaiser hat unserer Bewegung bei ihrem Ur- Sprung sein Wohlw ollen, ausgedrückt. Die britische Regierung ist bereit, ihre Sympathie in Begleitung von köstliehen Imponderabilien in einer sehr greifbaren und praktischen Form, in Form einer Landverleihung zu betätigen. Die Russische Regierung hat ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen, unsere Pläne, sow eit sie die jüdische Besicdclung Palästinas betreffen, zu fördern. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben in der letzten Zeit zwei diplomatische Schritte getan, welche die Hoffnung rechtfertigen, dass wir uns in einem gegebenen Augenbiieke nicht vergebens an ihre Sympathien wenden würden. (Rauschender Applaus.) Der vierte Punkt des Basler Programms, an dessen granitener Fügung die Nörgler und Nager sich die Zähne aiisbrechen werden spricht in seinem notwendigen und gewollten Lakonismus, der kein breitspuriges Kingehen auf Kiuzellieiten und keine Entwicklung der darin elliptisch ausgedriiekten Gedanken gestattet, von ..Schritten zur Erlangung der Regierungs-Zustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen“. Dieser vierte Absatz hat von jeher das Glück gehabt, von den Widersachern des Zionismus als besonders spitzer Dorn im Auge empfunden zu werden. An diesem vierten Ab* satze hat sich der Witz unserer Widersacher am meisten geübt. ..Diese Regierungs-Zustimmungen“ wurden uns immer spöttisch wiederholt, ״werdet Ihr nie und nimmer orlangcn. Der Sultan will und kam• Kuch Palästina niemals öffnen, denn selbst wenn er dazu geneigt wäre was ja nie sein wird — würde er auf den Widerspruch Russlands stossen, und Kuren seh'mcn Augen /!:Hebe wird der Sultan sich wohl niemals mit seinem mächtigsten Nachbar Überwerfen. Russland aber wird nie und nimmer zugeben, dass der Boden, über den der?'11 s^ des Stifters der christlichen Kirchen hir.geschritten ist. jemals jüdisch werde. . . .“ Unsere Kritiker haben wicib einmal die Richtigkeit und Weisheit der englischen Redensart erprobt, dass man nicht prophezeien solle, es wäre denn, man müsste es! (Beifall.) Russland, in dem wir das unüberwindliche Hindernis auf unserem Wege erkennen und fürchten sollten, Russland erklärt uns freundlich, dass cs absolut gar nichts gegen die Besitznahme palästinischen Bodens durch Juden cinzuwcndcii habe. (Beifall.) Und nun, geehrte Versammlung, werfen Sie einen Blick auf den Weg. den der Zionismus in nicht ganz siebenjährigem Bestände in seiner gegenwärtigen Form zurückgelegt hat. Nach nicht ganz, einjähriger Arbeit hat er diesen Kongtess geschaffen, den heute mit Ausnahme einiger verbohrter jüdischer Widersacher niemand mehr in seiner Kigenschaft eines rechtmässigen Vertreters des jüdischen Volkes bestreitet. (Beifall.) Alle ernsten Menschen erkennen, dass wir die zu den Akten legitimierten Sachwalter des jüdischen Volkes sind. Seit dieser ersten Tat sind sechs Jahre verflossen. In diesen sechs Jahren haben wir, von allem andern abgesehen, eines getan: wir haben die Welt in aller Form mit der Jtidenfragc befasst. Die Mitlehcnden gehen sieh nicht oft von der geschichtlichen Bedeutung der Freignlsse Rechenschaft, die sieh vor ihren Augen begeben. Die Nachwelt ist in der Regel gerechter; sie kann cs sein, denn sic überblickt die Dinge von höher'und weiter; die Nachwelt wird zu würdigen w issen, was diese Tatsache bedeutet. Denn bis zum Auftreten des Zionismus wunde der nicht-jüdischen Welt von den Personen, die bis dahin allein als die amtlichen Vertreter des Judentums anerkannt waren, immer versichert, dass cs keine Judenfrage gibt, dass die Juden glücklich und zufrieden sind. Es war, namentlich in den letzten Jahrzehnten, seit der Emanzipation der Juden im Westen, eine eiserne Trndi- ־ tion des amtlichen Judentums geworden, bei jeder Beriihrimg mit Nichtjuden eine lächelnde Optiinistenphysiog-