Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1903)
- Date
- 1903-08-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 368, Jüdische Rundschau. No. 35. Misraphl werden hier Herzl Ovationen dargebracht.) Ich schtiessc: Meine Ansicht Ist, dass die Art des. Hprrn Tr letsch sich upi Angelegenheiten der Juden zu bekümmern, nicht die fientige Ist. (Ungeheurer Beifall). Hantke erklärt namens dreier Mitglieder des Berliner Distriktbureaus, dass Trietsch den Antrag damals wörtl ch verlesen hat Werner erklärt, dass er von der ganzen Wadi-cl-Arischgeschiehtc nichts gewusst habe, und dass er sich über;Jas A.-C. deswegen beklagt habe. Unter seiner Redaktion stand nichts in der ״Welt“ von Erwartungen und Hoffnungen. Friedemann sagt, dass Trietsch und Nossig die saehliehe Kritik durch persönliche Angriiic unmöglich machen. Inj Aufträge eines Komitees ging Tr. vor *t Jahren nach Cypern. Damals ging er gegen sein Versprechen ohne die Leute hin. Kr hat die Leute dadurch decouragiert. Prof. Warburg war drüben und hat konstatiert, dass einzelne Dörfer möglich seien, eine Massenkolonisalion aber unmöglich ist. Redner greift sodann die Rentabilitätsberechnung der ״Jüdischen Orient-Kolonisationsgcsellsehaft" scharf an. Tr. hat alles mit einer Spitzg gegen die Spitze unserer Bewegung getan. * Wir müssen für die Einigkeit in der Partei sorgen, und hätten Trietsch nicht mit Glacehandschuhen in Berlin anfassen sollen. (Grosser Beifall.) N. S y r k i n. W'ir haben bereits einen halben Tag ver- Iojcji, ich beantrage Schluss der Debatte. Trietsch (von grossen Kundgebungen pro et contra empfangen): Ks int eine Ehrenpflicht Dr. Herzls mir Ruhe zu verschaffen. Meine Kritik war so scharf, dass ich abgeschluc!!־ tet werden muss. Das Protokoll, an das Herzl glaubt, ist grundfalsch. Wenn das wahr wäre, so könnte ich doch nicht die jüdische Ocffcntlichkeit zu gewinnen suchen. Dieses Protokoll enthält Lügen. Es ist nicht wahr, was da in Einzelhei ton behauptet wird, vom ersten Hs zum letzten Wort. Dasselbe sollten doch auch die Leute im vorigen Jahre gewusst haben, ohne das sie es doch vorbrachten. Während dieser ganzen Rede macht ein Teil des .Kongresses einen Höllenlärm. Awinowitzki, Dr. Fink, Wien u. a. geben dabei den Ton an. Trietsch versucht zu sprechen und wird stets unterbrochen. Herzl schlägt vor, einen Ausschuss zu wählen, um die Sachen zu klären. Trietsch erklärt sich damit einverstanden. Nach einem Anträge seitens der englischen Landsmann- Schaft auf Prüfung der Uganda-Frage durch eine Kommission wird die Sitzung infolge der Unruhe des Kongresses g> schlossen. God save tho En״!!s!1 King! Es ist eine merkwürdige Sache tun die Kongresse der Zionisten. Wochen, ja Monate lang zerbrechen wir uns die Köpfe, um genau zu überlegen, wie wir uns den brennenden Fragen der Gegenwart gegenüber stellen, und wie wir uns aus der schwierigen Situation herauswinden sollen, in der wir uns befinden. Und der Kongress wird eröffnet und Herzl halt seine Präsidentenrede, und wir sehen uns einer Situation gegenüber, von der kein einziger von uns je geträumt hätte. Wir haben gedacht und haben uns die Köpfe zerbrochen, und Herzl hat — gehandelt! Und heute hat er den Kongress und das Jüdische Volk überrascht, wie einst der eiserne Kanzler das deutsche Volk und ganz Europa, als er die Tatsache des Dreibundes dem Reichstag beinahe ״gelegentllch“ verkündete. Noch sind wir verwirrt, noch im Ungewissen, wie wir uns, wie der Kongress sich entscheiden soll. Durch die lärmenden Unterbrechungen, die man dem oppositionellen Redner zuteil werden Hess, wird nichts geklärt und nichts geschaffen. Sie beweisen mir die völlige politische Unrcifhcit des Zentrums und mancher zu jugendlicher Elemente, die der Würde des Kongresses nur Abbruch tun. Die grosse Majorität der alten Zionisten wird sich von diesen Hurrahrufcm nicht ins Schlepptau nehmen lassen, und wird trotz eines Nossig lind trotz der Schärfe von Trletschs Kritik im engsten Zusammenhänge mit unserm Führer Herzl an die sacliliehe Prüfung der uns vorgelegten Aussichten gehen. Wir, denen der Zionismus in seinem ganzen Umfai'ge Lebensbedürfnis ist, die wir ohne ihn zu existieren aufhören müssten, wollen uns nicht in Diskussionen über Priorität und Autorrecht in Wadi־c!־Arisch einlasscn, und werden mit ernstem Eifer und vorsichtigem Wohlwollen prüfen, was uns unser verehrter Führer vorlcgt. Um was handelt es sich? Nicht 11m Zionismus, wenigstens nicht um Zionismus im Sinne des Landes. Aber es handelt sich darum, dass In jiid isch-nationalem Sinne — und vor allem andern sind wir Nationaljuden — für Millionen unserer verfolgten Brüder eine autonome Heimat geschaffen werden sollte, von 1ms allen mit allen Kräften gefördert werden muss. Das ist nicht der Zionismus! Aber cs ist notwendig! Wer unserer Brüder, gegen deren niederträchtige Ermordung wir in stummer Trauer p.vtestieren, sich erinnert, wer der 'rausende von Kischinewer Juden gedenkt, die den Wanderstab schon zur Hand genommen bähen, und der Hunderttausende tinserer Brüder, die ihn im nächsten Augenblicke zur Hand nehmen müssen, der weiss. wir bedürfen einer Heimat für die Gegenwart, damit wir noch lebende Menschen haben für die Heimat einer Zuk u n f t. Darum ohne Bedenken an die Prüfung dieser Sache! Ein anderes Mal, wenn wir mehr Zeit und Müsse haben als in dem Augenblick, wo das Blut unserer Briider geflossen ist und fliesst. werden wir uns damit unterhalten dürfen, ob Cypern und Klciunsien von historischem oder gar von nationalem Werte für unsere Nation sind. Den Augenblick seiner Kritik, über deren Bered!־ tigung wir hier nicht urteilen, hat Trietsch falsch gewühlt. Wir wollen arbeiten, arbeiten iiir unsere Brüder und arbeiten für uns! Ob es 1ms gelingen wird, Palästina jemals zu erringen, wird in erster Linie davon abhängen, dass wir unser Volk in nationalem Rahmen sich amrichten sehen können. Erst muss es sich physisch kräftigen, und das wird nicht im Ghetto geschehen! Und jiidischnational soll die neue Kraft Station unseres Volkes sein. Freilich legen wir dem Umstande wenig Wert bei, ob barbarische Völker uns fördern oder uns bekämpfen bei unserm Beginnen. An ihren Wohltaten würde das Blut unserer gemordeten Brüder und Schwestern kleben. Um so gewaltiger bewundern wir jenes Volk, das in dem Augenblicke, wo es unsern Flüchtlingen die Türen sperrt, das Tor der Hoffnung und der Freiheit unserm Volke weit öffnet, wie cs 1ms seit den Jahrtausenden unserer Verbannung nicht mehr zuteil geworden ist. Das englisclie Volk macht in diesem Momente w ieder gut, was so viele auchchristlichc Nationen in Jahrhunderten an uns verbrochen haben. Und sollte es auch nur beim guten Willen bleiben, es ist genug, um unserer Dankbarkeit versichert zu sein fiir alle Zeiten God save the E n g 1 i s 1! Nation! Es wurde von einer Seite die Vermutung laut, es handele sich bei der Beratung des Kongresses nur um eine diplomatische Höflichkeit gegenüber der englischen Regierung. Dazu ist die Sache zu ernst, und das Englischt* Volk zu gross. Ernst und wichtig und folgenschwer ist dieser Kongress. Die Landiragc drängt sich uns gebieterisch auf. Millionen unserer Brüder heben flehend die Hände empor und erwarten Hilfe und ein freies Land. Alle Länder haben sieb vor ihnen geschlossen. Jeder gastfreie Hafen treibt sie zurück und sclilicsst sic aus. Sollen sic drinnen bleiben im eisernen Ofen von Kiscliinew, sollen sie den rumänischen und persischen Barbaren ausgeliefert bleiben? — Nein, w׳ir erheben unsere Stimme zum Kongress und flehen ihn an für unsere Brüder. Wir bitten und flehen: Land, Land, Freiland! Heinrich Loewe. ־•יי®•