Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1903)
- Date
- 1903-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 366. VJiiclisclie Rundschau. No. 35. dem Kongress zu unterbreiten. Damit die Sache Indes i für uns alle ein hinreichend greifbares Interesse habe, war cs notwendig, den Vorschlag in eine Form ztt bringen, der auf unsere uns allen teuren nationalen Bestrc bungen Rücksicht nehmen würde. Unser Vertreter führte daher einige Zeit hindurch mit den Mitgliedern des britischen Kabinetts und mit den Ressortchefs eingehende Verhandlungen, die einen günstigen Fortgang nehmen. Ich möchte den Anschauungen des Kongresses über die Politik, die die zionistische Bewegung diesen Vorschlagen gegenüber befolgen will, nicht vorgreifen, allein obschon selbstverständlich das jüdische Volk kein an• deres Endziel haben kann, als Palästina, (stürmischer Beifall) und obwohl, was immer das Schicksal des Vor- Schlages sein mag, unsere Anschauungen über das Land unserer Väter unabänderlich sind und bleiben;müssen, so wird der Kongress doch erkennen, welche auserordentliehe Förderung unsere Bewegung durch die Unterband* hingen mit der britischen Regierung erfahren hat. Ich darf sagen, dass unsere Anschauungen in betreff Paläs*!inas mit voller Offenheit und Ausführlichkeit den Mitgliedern des britischen Kabinetts und den in dieser An- Gelegenheit zuständigen hohen Regierungsbeamtcn auseinander gesetzt worden sind. Ich glaube, dass der Kongross Mittel finden kann, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Dieses Anerbieten wurde uns in einer Weise cntgcgengcbracht, die dazu beitragen muss, die Lage des jüdischen Volkes zu bessern und zu erleichtern, ohne dass wir irgend etwas von den grossen Grundsätzen aufgeben, auf welche unsere Bewegung gegründet ist. (Grosser, minutenlanger Beifall. In diesem Augenblick | erscheint Zangwill auf der Estrade des Ausschusses. Hedad und nicht eudenwollender Beifall begriissen ihn.) Die Einzelheiten des Vorschlages, auf den ich Ihre besondere Aufmerksamkeit aufs Ernstlichste hinlcnken möchte, dem gesamten Kongresse vorzt!legen, würde mir nicht praktisch scheinen. Es scheint mir richtiger, Sie zu bitten, dass Sic einen kleinen Sonder - Ausschuss wählen, der sich mit der ganzen Angelegenheit zu bcfassen hätte. Was immer beschlossen werden mag — soviel kann ich getrost sagen ,dass wir Alle im Herzen nichts als das tiefste Gefühl der Dankbarkeit für das staatsmännische Wohlwollen empfinden, das Grossbritannien in diesen Verhandlungen dem jüdischen Volke gegenüber bekundet hat. Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonialaushilfc, aber wohlgemerkt auf nationaler und staatlicher Grundlage. (Bravo!) Das Zeichen zum Aufbruche können und werden wir unseren Massen darauf hin nicht geben. Es ist und bleibt lediglieh eine Notstandsmassregcl, die der jetzigen Ratlosigkeit aller philantropisclicn Unternehmungen abhelfen und dem Verluste solcher versprengter Volkstcilc Vorbeugen soll. So lagen die Dinge, .als die letzte Wendung eintrat, die erst wenige Tage alt ist, aber eine sehr bedeutende Entwickelung vorstellt. Die wohlbekannten Ereignisse machten es notwen dig, dass ich im Interesse des jüdischen Volkes nach Russland reiste. Ich hatte die willkommene Gelegenheit, mit der dortigen Regierung zu verkehren, und ich kann sagen, dass ich einem gewissen Verständnisse unserer zionistischen Bestrebungen begegnete, sowie auch Acusserungen des guten Willens hörte, etwas Entscheidendes für uns zu tun. Ich gestehe übrigens, dass ich bei dieser Gelegenheit nicht nur Parteimann war — Sie werden mir cs nicht übel nehmen. Ich sprach nicht mir für die Zionisten, sondern fiir alle Juden in Russland. (Grosser, minutenlanger Beifall!) Ich bemühte mich, einige Verbesserungen ihrer traurigen Lage zu beftir- Worten, und erhielt auch die Zusicherung, dass solche Erleichterungen demnächst in Erwägung gezogen werden sollen. Bedeutender waren die Zusicherungen, die ich für die zionistische Bewegung erhielt. Ich bin in der Lage zu erklären, dass die russische Regierung dem Zionismus kein Hindernis in den Weg legen will, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Charakter behält. (Stiirmischer Beifall. Nachdem er zu Ende, wird von einigen Gästen das Zeichen zum Zischen gegeben, dein aber niemand iolgt. Ein Delegierter ruft: ״Genug!“) Die russische Regierung ist ferner bereit, bei der Deckung der Geldcrfordcrnissc einer von uns Zionisten geleiteten Emigration mitzuwirken. Endlich, und darauf ist wohl das allergrösste Gc• wicht zu legen, ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei S. M. dun Sultan mit ihrem Einfluss zu unterstützen. (Minuten* langer Beifall und Enthusiasmus!) Die Tragweite dieser Erklärung, die ich dem Zionistenkongresse übermitteln darf, ist wohl jedem erkenn* bar. Ein solches Versprechen der russischen Regierung bedeutet einen diplomatischen Gewinn, der nicht zu hoch veranschlagt werden kann. (Bcifaii. Vereinzeltes Zischen.) Nicht nur ist ein enormes Hindernis beseitigt, es Ist auch plötzlich eine mächtige Nachhilfe vorhanden. Ihre Wirkungen sind allerdings noch abzuwarten, aber mit erfrischtem Mute und grösseren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um Erez Israel fertsetzen. J Es wird auch jetzt wieder Leute geben, die nur da * Bittere aus diesen Vorteilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Er* freuliches. Sie wollen uns los haben oder sie wollen 1ms nicht hinein lassen. Gut! wenn darin eine Ungereehtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! Und diese Antwort soll besteigen in einem Erhöhen der menschlichen G c si 11 ti n g. (Der Kongress erhebt sich mit stürmischen Bravorufen und Händeklatschen! Von allen Seiten wird Herzl beglückwünscht. Der sich immer erneuernde Beifall im Hause und auf den Tribünen klingt in ein einziges mächtiges ״Hedad, Herzl hedad!“ aus.) Erster Kongresstag, Nachmittagssitzung. Die Vornuttagssitzung war im wesentlichen von der Rede Herzls ausgefällt. 2 Anträge werden in ih r Naclmiittagssitzimg. die von Nordau geleitet wird, einstimmig angenommen, erst lieh Herzls Rede soiort zu drucken, und sodann nicht eher über sie zu debattieren, als bis jeder Delegierte sie in Händen Int. Nordati muss wiederholt mit grossem Nachdruck für die Ord• ner und Ordnung eintretcu. Dann erstattet .K o k c s c h den Kassenbericht, im ersten Kongressjalirc hatten wir an Schekeln 78 321.0-1 Kranken, im vorigen Jahre 121 •193.29 Frank:•!!, im laufenden Jahre 221 5(>6.R-J!"ranken. Fr konstatiert die Verdrcitachung der Sclickelznhlimgcii. Als einige unverständige beute Kokeseh ausz.isehe.11 wollen, weil seine Stimme nicht ausreicht, im Kongress gehört zu werden, wird mit grossem Beifall geantwortet. Sodann erstattet Aroh. 0. Marmorck den allgemeinen Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees. Fr beginnt mit der Feststellung, dass die Lage der Juden sich verschlimmert hat. Er geht von Rumänien auf Kisciiinew über, um sodann die Lage der Juden in der ganzen Welt im einzelnen zu zeichnen.!׳;וnach stellt er fest, dass das Aktionskomitee in den vor* scliiedcnstcn Ländern und Sprachen mit grossem Frfolgc agitiert hat. Die Zaiil der Schekclzahler hat sich seit dem 5. Kongresse um 130 Prozent vermehrt. Voran ist dabei Russland. Seit dem 1. Januar 1903 haben sich die Vereine dort um 37 Prozent vermehrt. Als Referent die Vertreter der kaitka* sischen Bcrgjuden erwähnt, werden ihnen Ovationen dargebracht. Seit 1. Januar I9uJ sind in Russland 180 000 Flug*