Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1903)
- Date
- 1903-08-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 364. Jttdische Hundscliau No. 35. Die Eröffnungsrede Dr. Herzls. j (Sonntag, den 1. Elul 5663.) Geehrte Kongressmitglieder! Zum sechsten Zionistcnkongrcssc versammeln wir uns nun in der guten Stadt Basel, die unsere.־ Dankbarkeit bereits vertraut ist. Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute wahrlich nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Kongresse. Was wir Tiber die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten, es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Acndertmg begeben - aber nicht zum Besseren Viele von uns hatten gemeint, cs könne nicht mehr schlechter werden. Es ist noch schlechter geworden. Wie ein Hochwasser ist das Elend über die Judenheit gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemmt. Wenn diejenigen, die an höheren, gesehütztereii Stellen wohnen, diese erschütternde Tatsache leugnen, so stellen sie ihrer Einsicht oder ihrem Herzen kein gutes Zeugnis aus. Mit dem Zugeständnis der 'Tatstielte, dass es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die in! einzelnen gewiss nur zu loben, aber aus einem böltern umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. ״Je nun, man tut, was man kann!־‘ ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend ieincs Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lcktiire eines mittelalterlichen Judenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld gibt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleiten? Die haben cs noch niefit Überständern Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl. IJnglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muss doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischinew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, dass Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme sorgenschwere Existenzen haben dort unter Marfern geendet. (Der ganze Kongress erhebt sich einmütig, ebenso erheben sieh die Tribünen in einer stummen Protestkundgebung.) Wir wollen ihr Au״ denken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. (Beifall.) Denn die blutigen Tage der bcssarabisclten Stadt sollen uns nicht vergessen machen, dass cs noch manches andere Kischinew, und nicht nur in Russland, gibt. Kischiuew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die, welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muss sehen, dass in der Lage eine geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gcmeindekreiseu an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen abschcn -- vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sic unvorbereitet gerieten, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — cs ging doch nur so lange, als die Länder der Emigration sich gegen diesen Zufluss eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Eitiwanderungsländer beginnen sielt zu wehren, ohwohl, nein, weil die Jtidcnnot im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, au deren hohen Gesittung /u zweifeln, einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität . ich sage es nicht ironisch ־ Einhalt gebieten und die Judenfrage, die iiir sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behaudein zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sicli noch manche ängstlich, darin ein Politicum ztt selten. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn entflössen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platziureht. die noch ans der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zuiluclitsorte, wurde eine königliche Kommission zur 1)11־ tersuchung der Fremdenein Wanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden. Die Konklttsioneii des Berichtes lassen aber einen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Kommission sich zu öusserii hatte. Mau sieht ordentlich, wie das freie grossnüitigc England mit sich kämpf», wie schwer es sich eine harte Massrcgcl gegen arme Menschen abringt, wie cs eine eigene langwierige Untersuchung cinleitct, bevor cs zu cndgiltigem sich cntsclilicsst. Es gibt nämlich alte Prittzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädig*i bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das gross geworden ist, weil cs ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Jndenwandcrimg beteiligten Länder wird unser Werk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, dass sie endlich gelingen muss. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten. die ausserordentlich viel Geduld und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es gibt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zcrflicsscu sieht und viel versprechende Anfänge, die dann in sich ztisatnntenbrechcn. So lange eine Bewegung jung und schwach Ist, müssen die Führenden befürchten, dass solche Riickschlüge die Anhänger demoralisieren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, tun die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. Es verlieren sich die, an denen mau nichts verliert. (Grosser Beifall.) Sic ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sic nur gern an Erfolgen tcilnehmen und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen (Bravo! Grosser Beifall.) Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch teurer. (Bravo.) Mit denen kann man den Weg fortsetzen, und ihnen kann «■).*>#» ,Ks t 7',. * ־