Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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» No. 34 JUdische Rundschau Seite 356. scher NaUonaischulcn und zwar besonders auch in Westeuropa in ihr Programm aufnfihmcn, aucli wenn mau das von ihr ge• stellte Verlangen gerade nach einer jüdischen Hochschule noch für verfrüht 1191t. Die zweite Fraktion, die sich selbständig organisiert hat. ist die orthodoxe Gruppe ״Mis r a c h i“. Mag man den Zielen dieser Partei auch noch so fern stehen, man wird doch anc«•- kennen müssen, dass es das altgläubige und gcsctzcstrenc Judentum gewesen ist, das durch die strenge Trennung der Juden von ihrer nichtjüdischen Umgebung unsere Nation vor dem Aufgehen in anderen Völkern ־gerettet hat. Die Gruppe ״Misrachi" hat somit eine historische Berechtigung, welche die religiöse ״Reform", die dem Christentum sich anglich, nur im Sinne der Zerstörung des Judentums fiir sich m Anspruch nehmen darf. Die Mittclpartei aber wird gerade durch die Aussonderung der orthodoxen lilcmcntc sich bcsset konsolidieren und damit dem Oewisseus/.wange, der von den Gläubigen beabsichtigt wird, besser, als cs sonst der Fall wäre, cutgcgciitretcn können. Aber selbst wer über die Fraktionierung anderer Meinung ist als der Schreiber dieser Zeilen, wird dieselbe doch als eine vollendete Tatsache hinnchmen müssen. 1*1111 Beschluss, der die Organisation der Zionisten nach Fraktionen verbieten würde, könnte jetzt aut alle Fälle nur noch Unheil im Gefolge haben. Denn die Folge würde nicht etwa die sein, dass die Demokraten und Orthodoxen wieder der Hauptgruppe beit röten, sondern dass sic zum grossen Teile aus der Partei liinausgedräugt würden. Das aber wäre der wirkliche ..Anfang vom Hude", de! Anfang eines Kampfes unter den Zionisten selbst, der nur mit einer Sclbstzerfleisclning enden könnte, Einen solchen Zustand aber wird niemand hcrbcischncn, dem am Wähle unseres Votkes mehr gelegen Ist als daran, dass sich nicht die Führer vordoppeln. — Die Zionisten 1!s1terv;3gs. Wie die Wahrheit, nach dem berühmten Ausspruche Km 11 Zolas, unterwegs und nicht mehr aufzuhaltcn Ist, so hat die zionistische Idee, die selbst eine Wahrheit ist, ihren Sieges• lauf angetreteu. Sie befindet sieh aui dem Marsche und lässt sielt wohl hie und da durch örtliche Hindernisse hemme■!, aber nicht dauernd aufhaltcn. Der Zionismus ist unterwegs. Jeder Kongress bedeutet eine F.tappe auf diesem Wege. Und von allen Seiten ],מארבע כנפות האר strömen die Getreuen herbei nach der alten Stadt am Rhein, deren altbcrühmten Namen der Zionismus zu Gestaden getragen hat, wo man ihn sonst nie gehört hatte. Von West und Ost und Nord und Süd strömten die Vnlksboteu herbei, und alle Länder entsenden ihre Vertreter. Aus allen Ländern, wo Juden leiden, weil sic J11 ü c n sind, strömen in Basel die Delegierten herbei, d. 11. aus allen fünf Krdteilen kommen zionistische Scudlmgc im Kongresshalle zusammen. Wer von Osten her, besonders aus dem russischen Osten kommt, muss durch Berlin und natürlich auch — •־ durch das Kaffee M וו ס o p o I. Ks ist vielleicht die kleine goldene Sichel, die überall in diesem grossstädtischen Prachthau des Türkischen Reiches Wuppen darzustellen scheint, von der die Anziehungskraft auf die Palästiuuphilcu ausgeubt wird. Jedenfalls ist d״*־s Kaffee Monopol eine der interessantesten Durchgangsstationen der Zionisten und des Zionismus. Dem! mancher kleine wichtige Vorkongress wird dort abgelialteu. Mindestens zwei Wochen lang vor dem Kongress und die gan/.c j Zeit nach dem Kongress bis /11 den hohen Feier- | tagen ist die Mehrheit der Kaifegäste in Monopol aus Zionisten und besonders Kongrcssdelegierteu zusammeiigesetzt. Nur die kleine Gruppe der Demokratischzionistischen Fraktion gibt hier gleichsam nur Gastrollen und hält sich sonst meist abends in dem oberen Raume von Kaifee Bauer auf. und zwar an derselben ׳Stelle, wo mittags ein; Stammtisch tagt, an dem der Zionismus mit wenig Wohl- 1 wollen und vielem Behagen täglich irisch et mordet wird. Monopol aber stellt im Zeichen des Zionismus. Oder besser, der Zionismus der in Monopol das ganze Jahr nicht verschwindet, überhaupt circumpolar ist. kulminiert dort in den 'lagen um den Kongress herum. Fs gibt dann kaum einen ן der runden Tische ausser dem seitliche;; Spielräume, wo über eui j anderes Thema disputiert wird, als über den Zionismus. Wenn! jede Hundertschaft von Schtkclzahlern einen Delegierten 711 , wählen berechtigt ist. so hätte Monopol an jedem Abend zum mindestens zwei Delegierte zu küren. Kurz ״Welt‘* und . ״Rundschau" sind stets vergriffen ־ und das will viel sagen, j Heute Abend war ich dort. Ich bin natürlich jeden | Abend dort. Bis zur grossen Spiegelscheibe im Hintergründe 1 vorzudringen, war unmöglich. An jedem einzelnen Tische• י wurde ich aufgelialtcn. Da war zuerst der bekannte Dr. Ch., ein Mann, der mit Naturnotwendigkeit wenigstens einmal vor und einmal nach werden sie doch von vielen aseltkenasisclien Chedarim! noch so weit fibertroften. dass wir ausser Stande wären, j wenn wir ein solches näher beschreiben wollten, bei j deccnten Ausdrücken zu bleiben. Poch möge der Hin- I weis genügen, dass nicht nur der gewöhnliche Araber, j sondern auch die Landesregierung nur den Karaiten und j vor allem den Sephardi mit dem ehrenden Namen! ״Jahüdi" benennen, dass dagegen der jüdisch-deutsch j redende Israelit ״Sikmtsh" — entsteht aus ״Aschkeunsi" — gerufen wird.. Die jüdisch-deutsche Volkssprache ( wird demgemäss ״Lughat-Siknäsh" genannt. Nebenher dient das Wor» ״Sikrmsir vielfach auch als uitangenehmes Schimpfwort. Litteraturbericht. (MdMr §m ctns<hti£t£en Unerttur. welche «Ser Redeküao mgo- HM! werden, flftden elnfenende-ßesprechtuigj Die Judenmassacres In Kischinew von Told. Mit einen*. Wcihcblatt von t*. M. Lilien und Illustrationen. Preis eine Mark. .1 ii d i s c h c r V e r I a g, G. m. b. H.. Berlin SAV. ■[/:' ״Diese Schrift von Metzelei und Mord ist nicht dazu bestimmt, irgend einem Bedürfnis nach schaurigen Sensationen zu dienen. Soviel sie atmlecken wird au Jammer und Grauen, s;e will keine Tränen und kein Mitleid erpressen. Aufstacliehi. aufriitteln will sie «las öffentliche Gewissen.“ In diesem (!eiste hat sich der Jüdische Verlag entschlossen, eine zusammeiüassende Darstellung der Ereignis*•, von Kischinew heraus/ugebeii. Ein Dokument zur Judeufragc. das ist vor allen Dingen die vorliegende Schrift. Proteste verhallen, Versammlungen tagen und gelten auseinander, liier aber wird man. solange es noch ein Exemplar des Buches gibt, die Akten von Kischinew niedergcicgt finden. Und sie sind sorgsam gesammelt: das merkt der Kenner der entsetzlichen Vorgänge daran, dass er aus der Vorgeschichte und dem Krawall selbst zahlreiche ihm bisher unbekannte Einzelheiten erfährt, die das Verständnis des Ganzen wesentlich fördern. Aber nicht die historische Treue, der allgemeine Gesichts-, paukt ist cs, der dem Buch seinen eigentlichen Charakter gibt. Es kam dein Verfasser darauf an, den Zusammenhang de:־ augeiibliekbchen Vorgänge in Kischinew mit der ganzen Judenfrage in Russland und weiterhin mit der Judeufragc ilbcrliaupt und ihrer Geschichte zu zeigen. Dieser Gedanke ist das treibende Moment der ganzen Darstellung. Er weist den einzigen Weg. auf dem es gelingen kann, aus der momentane׳! Aufwallung des Mitleids mul der Bruderliebe, die siel! in den Juden der ganzen Welt regte, ein dauerndes Leitmotiv fiir zielbewusstes Handeln bei allen denen zu machen, die den Willen