Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 34 Seite 355, *Jtidiselie Hundschaü. Infolgedessen wirklich wichtige Anträge gamicht zur Beratung gelangten. Sind wir in Fraktionen gegliedert so ernennt einfach jede» Fraktion für den zur Beratungstehenden Punkt denjenigen aus ihrer Mitte zum Gcncralrcäner, den sie für den urteilsfähigsten in der betreffenden Sache ansicht. So ist es Brauch in allen Parlamenten, und cs ist nicht einzusehen, warum wir in unserem Jüdischen Parlament uns dieses überaus grossen Vorteils begeben sollen. Sind in irgend einem Falle in derselben Fraktion verschiedene Ansichten vorhanden, nun daun wird die Fraktion selbst auch Je einen Vertreter Jeder in ihr herrschenden Meinung zu Worte kommen lassen. Auf diese Weise wird die Debatte nicht durch eitclc Schwätzer ins Uferlose gedehnt werden können, und cs wird auch nicht mehr nötig sein, den Schluss einer Debatte herbei/.ufiiliren. weil bei dem blossen Wortschwall nichts hcrauskommt. Fs ist cingcwandt worden, dass uns die Gliederung in Fraktionen deswegen schaden müsste, weil bisher nur ein Bruchteil des jüdischen Volkes hinter uns stunde und wir sonnt unseren Gegnern das traurige Schauspiel eines inneren Zwistes böten. Es mag zugegeben werden, dass es tiir ein Land w>c Deutschland, wo wir erst eine so kleine Schar von Anhängern besitzen, besser gewesen wäre, alle Meinungsverschiedenbeiten unter uns vorläufig möglichst zurückzndrüngen, um desto stärker In geschlossener Phalanx den Gegnern des Zionismus entgegeutreten zu körnten, huless müssen hier die Länder entscheiden, in denen schon gewaltige Massen unseres Volks hinter den Zionisten stehen, und iiir di.ese Länder war die Fraktionierung entschieden nicht mehr verfrüht. Den kleinen Nachteil, den sie vorläufig für Deutschland bringt, werden wir also in Kauf nehmen müssen. Auch wird cs hei einiger Besonnenheit der Führer gelingen, dass stets das. was die Frästinnen einigt, lebendiger in uns bleibt als das. was sie von ci 1־ ander trennt, und dass da, wo die Zionisten es mit Gegnern zu tun haben, die Fraktionen sieb nicht unter einander h:־ kämpfen. Sind also die Vorteile, welche die Fraktionierung an una für sich mit sich bringt, ungleich grösser als ihre Nachteile, so muss auch weiter noch gesagt werden, dass Anlass speziell zur Gründung einer demokratisch-zionistischen Fraktion wahr* lieh hinlänglich gegeben war. Mag man das unvergleichliche Verdienst Hcrzls, den ersten Zionistcnkongrjss einberufen und zustande gebracht zu haben, auch noch so hoch schätzen, man wird doch zugestehen müssen, dass se׳t dieser Zeit der detnokratische Zug aus dem Zionismus fast ganz verschwunden ist. Dass ein solcher Zug in der vorherrschen Zelt alle Gesinnungsgenossen durchdrang, wissen alle alten Zionisten. Demokratisch war die von Nathan Birnbaum in Oesterreich begründete jüdisch-nationale und zionistische Bewegung, demokratisch die vom Verein ״J u n g ־ I s r a e 1“ in Deutschland begonnene jüdisch-nationale Agitation, demokratisch auch vo: allem der Zionismus der russisch-jüdischen Studenten in Westcuropa unter Mozkins Führung. Und wenn nun auf dem letzten Kongresse Anhänger der alten Führer und Mozkin seihst wieder an der Spitze zur Rettung des demokratischen Gedankens die demokratisch-zionistische Fraktion begründet haben, so haben sio das nicht aus Eigensinn oder Oppositionslust getan, sondern weil für sie die demokratische und dij Jüdisch-nationale Idee unzertrennlich ineinander verflochten sind. Denn sie handeln dabei im Geist der Männer, auf deren Gedanken die weltgcschiclitlichc Grösse des jüdischen Volkes beruht, im Geiste des Moses und des Jesajas, die cs dem Reichen zur dringendsteil Pflicht machten, den! Armen zu helfen, ohne ihm auch dafür nur das kleinste Vorrecht zuzugcstchen. Dass die stärkere Geltendmachung des demokratischen Gedankens berechtigt war. begründet u. a. die ,.Fraktion“ nicht nur mit der Bevorzugung der Geldaristokratie (wie sie z. h. i1׳ der Anlegung des ״Goldenen Buches" hervortritt), sondern auch mit dem Byzantinismus, der sich leider vielfach in unsere Reihen gedrängt hat. sowie auch mit dem nicht mehr vereinzelten ״kleinlichen Streben nach zionistischen Ehren, das jcdvn Idealismus tötet". Weist eine geschlossene Fraktion auf solche Schäden hin, so wird auch die grössere Fraktion, die mit ihnen behaftet ist. eher an ihre Beseitigung denken, als es sonst der Fall wäre. Der demokratische Gedanke, nach, dem sich ja die Fraktion benannt hat, ist auch das wirklich Wesentliche in ihr. nicht der ״Kulturzionismus“. der nur den äusseren Anlass zur Spaltung gegeben hat. Man kann daher demokratischer Zionist sein, auch wenn nun die Meinung vertritt, dass die Forderung der jüdischen Kunst und Littcratur nicht vor eh politisches Parlament gehört oder wenigstens erst, wenn das jüdische Volk sicher unter Dach und Fach gebracht ist. dort und auch nur dann in gewissen Grenzen zur Sprache kommen kann. Dagegen wird mau sich als radikaler Zmnist -- tir.J die demokritischen. Zionisten sind ja auch die radikalen — nur darüber freuen können, dass die demokratische Fraktion die Pflege tinserer hebräischen Nationalsprache so dringend verlangt. Man könnte nur noch wünschen, dass sic auch die Forderung jiidinies die Möglichkeit geben, in jeder Lebenslage wirb scliaftlicb unabhängig zu werden. Wie in den polnischen Ländern, besonders in Litthaucn und Galizien, ist auch heute noch der Zahl seiner Schüler nach das wichtigste und bedeutendste Unterrichtsinstitut hei den orientalischen Juden jene Art von Einrichtungen, die wir unter dem Namen Chcder kennen. Nur sind die scphardischen Chcdarim, wenn sic auch über den Mangel ihrer Anlage nicht hiuauskonunen können, doch durchgängig besser als die gleichnamigen Institute hei den Aschkenasim. Dabei betrachtet man sic auch dort, wo von europäische״ Juden eingerichtete Schulen bestellen, als unentbehrliche Ergänzungen zu diesen Lehranstalten; mit welchem Rechte sott hier nicht entschieden werden, da dies abhängig ist von der Art des Unterrichts, der selbst bei den verschiedenen Allianceschulen, die ja alle nach gemeinsam vorgeschriebenem Seh11Inrogramm arbeiten, ein recht verschieden»rtiger ist. Wer aber die orientalischen Schul- Verhältnisse einem betrachtenden Studium unterziehen will, muss wohl oder übel von der Institution des Chedcrs ansgehen. da es nach wie vor noch das Hauntunterrichis-Institut ist. das leder Knabe einmal besucht hat. Der grösste Ucbelstand des. Cheders besteht darin, dass meist auf einem sehr engen Raume, häufig in einem kleinen, ungesunden Zimmerchen eine übergrosse Zahl von Kindern vereinigt ist. In einem scphardischen Chcder in Haifa, das aus einer Art von niedrigem Kellergewölbe neben einer der zahlreichen Betstuben bestand, fand ich einen greisen spagnolisehen Chacham. der etwa (»fl Kinder. Knaben und Mädchen, im Hebräischen unterrichtete. Diese Schule ersetzt zugleich den Kindergarten, die Spiclscluile und eine Elemcntarklassc. Während die Kinder teils rings an den Wänden auf einer niedrigen Steinschwelle hockten, teils auf dem Estrich uinlicrkrochen. las ein etwa vieriähriger Knabe laut aus einer hebräischen Bibel vor, die vor dem Chacham lag; dieser übersetzte •es sodann in die jüdisch-spanische Mundart und in den arabischen Volksdialekt, und alle Kinder schrieen laut nach, was der Knabe und der Lehrer' verlasen und vorsprachen. In Damaskus war ich über die Zustände dieser ״Schulen“ ganz entsetzt, und doch waren sie Musteranstaltcn gegeniiher dem. was ich in Jerusalem oder gar in Safcd und Tiberins vorfand. Es ist nur natürlich, dass diese Chcdarim die Träger aller möglichen Krankhefts- Stoffe sind ur.d besonders zur Uebcrtragung der heriiditigten ägyptischen Augenkrankheit ausserordentlich beitragen. So sehr nun aber die unangenehmen Seiten dieses scphardischen Cheders in die Augen fallen, so