Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651322--00608-2657408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«Jüdische 3R undgclia« Seite 343. No. 33. ~t_- Wickelung der Pflanzen in nicht minder hohem Masse abhängig ist, wie von der Atmosphäre, ist der Boden. Die Kenntnis der chemischen und physikalischen Eigenschaften eines Bodens bildet die Grundlage einer jeden rationellen Kultur. Der Gehalt des Bodens an Pflanzcnnährstoffen, seine Durchlässigkeit für Luft und Wasser, seine Wärmekapazität usw.. sind Fragen, welche nur von einer europäisch eingerichteten Versuchs- Station beantwortet werden können. Dass in dieser Beziehung in den Kolonien nichts geschieht und nichts geschehen kann, braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden. Zur Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen, die ja alle für d:c Praxis von hoher Bedeutung sind, gehören zunächst geeignete Personen und dann die entsprechenden wissenschaftlichen Einrichtungen (Lab•)־ ratorien, Apparate). Und wenn es vielleicht an den erstcren in Palästina auch fetzt nicht mangeln mag, so gibt es sicherlich kein einziges chemisches Laboratorium im Lande. *) Die praktisch-wissenschaftlichen Fragen, die die Pflanze zu ihrem Gegenstände haben, wie die der Pflanzeuernährung, der Düngemittel, der Diiugungsversuchc. wollen wir nun kur;/ als besondere Punkte der Tätigkeit einer Versuchsstation erwähnen, trotzdem sic von ganz besonderer Wichtigkeit sind. War müssen aber damit rechnen, dass ja unsere Jüdische Volk־.;- zeitung kein landwirtschaftliches Blatt ist und ihre Leser keine j Landwirte sind. I i Wir wollen daher nur noch den für die weiiihauenden Ko-; Joitien ausserordentlich bedeutenden Punkt des Wein- und Obst- , baucs und deren Verwertung hervorheben und nennen in Au-; Schluss an diesen, als in die speziell wissenschaftliche Tätigkeit * cinschlageuden Gebiete der Gärung, Bakteriologie, Pflanzen- Pathologie (man denke an die Feinde der Obstkultur, besou- | ders die Reblaus, von denen auch die jüdischen Kolonien zu j leiden haben). *) j Das sind kurz die Fragen, welche auf die Pilanze Bezug haben und deren Beantwortung eine weitere Aufgabe der Verstichsstation.wäre. Im Nachfolgenden wollen wir noch die Forschungsgebiete erwähnen, die sich auf das Tier beziehen, *) Als solche können die 111 Rischon und Sicliron mit den Weiukclloreien verbundenen Einrichtungen zur Untersuchung der Weine nicht bezeichnet werden. Das vor zwei Jahren in Mikwph-Israel sehr hübsch eingerichtete Laboratorium wurde mangels einer geeigneten Kraft bei der Alliance brachte Universeile bald wieder geschlossen. Vcrf. *) Die Verheerungen, die die Reblaus in Siehron-Jaakob augerichtet hat, sind wohl jedermann bekannt. Vcrf. um damit das Programm der wissenschaftlichen Tätigkeit der Versuchsstation abzuschliessen. Der zweite Integrierende Hauptteil eines jeden landwirtschädlichen Kleiiibetriebes — und gerade der Kleinbetrieb ist in der Frage der jüdischen Kolonisation am massgebendsten — ist die Viehzucht, richtiger die Viehhaltung. Die Kombination von Ackerbau und Viehzucht ist für den Kleinbetrieb in der Landwirtschaft von ganz besonderem Werte. Und wir schell ja1 auch, dass man in der letzten Zeit in den jüdischen Dörfern der Viehhaltung •- von Viehzucht kann wohl kaum die Rede sein -- besondere Aufmerksamkeit schenkt. Die Beth-Halcvyselten Berichte in der Nr. 27 der ״Jüdischen Volkszvitung“ bringen auch kurze Nachrichten über die Milchwirtschaft in Pethach-Thikwah, welche Käse und Butter liefern soll, wie sic in ähnlich guter Qualität in Judäa noch nicht gesehen wurden. Es lässt sich denken, dass die übliche Qualität dieser Produkte in Judäa schlecht genug ist. tmd da ist es nicht schwer, besseres zu erzeugen, ohne dabei etwas besonderes zu bieten. Dass jedenfalls auch in dieser Hinsicht noch viel zu machen ist, wird wohl von niemandem angezwcitelt werden. Die Erfahrunge; in bezug auf die Viehzucht sind in Palästina noch gering. Und somit eröffnet sich einer Versuchsstation auch auf diesem Gvbiete ein bedeutendes Wirkungsfeki. Die Frage der Futtermittel zunächst, alsdann I'iitterungsversuclic, einerseits solche, die über die Verdaulichkeit und Wirkung einzelner Nährstoffe Aufschluss geben.und andererseits die Fiitierungsversuche 55:1 Betriebe der landwirtschaftlichen Praxis, sind weitere Punkte des Arbeitsprogramms einer Versuchsstation. Die Ausbildung des Mo'kerciweseus. in welcher Richtung schon die Anfänge gemacht worden sind (siehe oben), würde ein weiteres erspriessliches Feld der Wirksamkeit bilden. Somit wären die Hinkte der wissenschaftlichen Tätigkeit der zu begründenden Versuchsstation, soweit sie direkt de. Landwirtschaft dienstbar ist, erledigt. Aber auch die Frage der menschlichen Nahrungsmittel und der Hygiene, sowie allgemeine chemisch-analytische Arbeiten könnten in den einzelnen Fällen von der Versuchsstation erledigt werden. Die praktische Tätigkeit im engeren Sinne würde zunächst auf die Untersuchung von Sämereien. Düngemitteln, Futtermittein. Milch- und Molkerciprodukten, Erden und niineraüsehen Substanzen, Wasser (sehr wichtig!), menschlichen Nahrungs- und Gcmissmitteln, Pilanzcnbeschädigungen hinausgehen. Diesen Laboratorienarbeiten schlossen sich •die praktischen Anbauversuche an, welche auf Initiative der Versuchs- und den Jammer, das Blut und den Tod von Millionen ' und Millionen unseres Volkes gesehen. Sei du fortan; die Mahnung und das Sinnbild, dass Israel sich auf sich; selbst besinnt, damit es dir vergönnt ist, auch wieder ׳ einmal glücklichere Tage zu schauen. j Allerlei. Abraham Geiger als Gegner der Kolonisation Palästinas, j Indem die Augsburger Allgemeine Zeitung in der Beilage j vom 20 d. (No. 325 S. 4939) die Versuche einer Kolonisation Palästinas durch Deutsche als verunglückt und auch für die Zukunft unfruchtbar darstellt, teils weil das heisse Klima eine solche dem Nordländer nicht gestattet und die Ansiedler ers: uingestalten, aber auch ermatten müsste, teils auch well die gegenwärtigen staatlichen Verhältnisse unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg iegen, sagt sie in einer Amtierj kung: ״Warum tun den״ aber die J udeu selbst garnichts, um, 1 wozu heutzutage gewiss Gelegenheit wäre, ihr altes Vaterland, wenigstens für einen Teil ihres Stammes, wieder zu gewinnen? Sie beten allwöchentlich in der Synagoge'um ihre Rückführung dahin, vergessen aber dabei das ״Hilf dir selbst und Gott wird helfen.“ An Geld fehlt cs ihnen wahrlich nicht und auch nicht an diplomatischeiiVerhindungen. Freilich müsste man dann im Schweissc des Angesichts arbeiten.“ Per Berichterstatter kennt also jene, freilich gleichfalls fruchtlosen Bemühungen nicht, welche von Seiten schwärmerischer Juden gemacht worden und werden, ihre dort weilenden Glaubensbriider zum Aekerbaue anzuleiten, Landbesitz zu gewinnen und Kolonien zu gründen. Freilich geht dies blos von demjenigen Teile der Juden aus, die entweder wirklich die Rückkehr mit dem Munde erflehen, wenn sie auch selbst im Merzen nichts dabei empfinden, oder von denen, die zwar nicht mehr glauben und beten, aber an einer romajitischen Verehrung für Palastt:*a kranken. Die Erstcren hoffen zwar die Erfüllung ihres Wu.!- sches von wunderbaren, nicht von natürlichen Vorgänge: 1; wenn sic in neuerer Zeit dennoch zu diesem die Hand bieten, so ist dies ein Zeichen, dass ihr alter Glaube sich abgesohwäent und modernisiert hat. Der gebildete tatkräftige Teil der Judenheit jedoch ist von dem Nationalitütsschwindcl frei, er erkennt in Palästina die Geburtsstätte, aber nicht die dauernde ersehnte Heimat, ihn beschleicht kein Heimweh und er fühlt sich, trotz allen unerquicklichen Spöttereien des ״allgemeinen“ Berichterstatters nicht dazu berufen, seine Kräfte, die er anderswo nützlich, nicht blos für sich, verwertet, dort zu ver-