Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 340. No. 33. «Ftidi&clie Rundschau• kaufen können, lind dieser Boden ist in nichts dem bcssarabischen gegenüber minderwertig. Warum also die grossen Summen der Hilfsgelder für den Erwerb 'eines Stückes Land zu verwenden und zu verschwenden, das uns teuer wird nur durch den unverhältnismässig hohen Kaufpreis und das man doch nur mit dem Blute unserer ermordeten Bauern düngen wird! Wie aber kommt es denn, dass ein solcher Plan, ein so unerhörter Versuch, unsere Brüder ihren Mördern wehrlos auszuliefern, von jüdischen Köpfen auch nur gedacht werden kann? Und da müssen wir zuerst entschieden einen falschen Verdacht zurückweisen, der leicht durch unrichtige Kombination entstehen könnte. Da nämlich nicht nur in Russland bekannt ist, dass die Barone Oinsburg, die für das russische Judentum mehr bedeuten als unsere jüdischen Finanzbarone für die deutsche Judenschaft, seit einiger Zeit in ihren Vcrmögensverhältnissen so zuriiekgegangen sind, dass sie bei weitem nicht mehr den Glanz früherer Tage erreichen, so weiss man, dass sie gezwungen sind, mit andern Liegenschaften auch das Gut zu veräussern, auf das das Kiscliinewer Hilfskomitee sein Augenmerk gerichtet hat. Nun liegt nichts näher, als zu vermuten, dass das Haus Ginsburg die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen will, das Gut an den Kätner zu bringen. Dem ist aber nicht so. Von dieser Seite sind die einzigen tätigen Schieber Angehörige jener jüdischen Advokatur in Petersburg, die durch die vielen fetten Judenprozesse reich geworden ist, und die ihr einziges Interesse in einer Assimilation erblickt, die selbst dem assimilationswütigstcn deutschen Juden stets unverständlich, unbegreiflich und unangenehm bleiben wird. Diese würdigen Vertreter russischen Rechts sind es. nicht aber das Haus Ginsburg, von dem diese Machenschaften ausgehen. Sie agitieren mit dem Schlagwort, in R u s s ־ I a n d die Judenfragc lösen zu wollen und ködern damit die Gimpel, die durch die unglücklichen Ereignisse von Kischincw auf Posten berufen wurden, denen sic nicht gewachsen sind. Aber gerade um so mehr lockt diese Leute die Aussicht, dauernd das Haupt einer grossen Institution zu werden. Denn wer anders wäre berufen, die neue innere Kolonisation unter die schützenden Fittige zu nehmen, als solche Leute, die durch ihre Stellung im Kiscliinewer Hilfskomitee in persönliche Fühlung mit den Leitern und Sekretären der westländischcn Hilfs- Kcscllschaftcrt getreten sind! Und Menschenmaterial gibt es in Hülle und Fülle. So ungeheuer gross ist die Zahl der Juden in Kischincw, in deren Fenster der Hungertyphus hineiuglotzt, dass man nicht zwciieln darf, dass sich unendlich viel mehr Bewerber finden werden, als man Kolonisten ansiedcln kann. Nicht zum wenigsten aber zu diesem widersinnigen Versuche hat der Beschluss Veranlassung gegeben, dass man um keinen Preis die Kiscliinewer Juden auswandern lassen soll. Man hat ja sogar diesem hartherzigen Be- Schluss rückwirkende Kraft verliehen. Die westländischen Juden der Hilfsvereine, die das Geld, das ihnen zu solcher Verwendung von den Spendern nicht gegeben wurde, festgchalten haben, wollen unter allen Umständen jede Einwanderung und Durchwanderung russischer Juden nicht sehen. Sie haben einen Widerwillen gegen das Elend — und gegen •die Elenden. Drin sollen sie bleiben, ״im eisernen Ofen‘‘, im heiligen Russischcn Reiche. Sie wollen׳ nicht mit jener grossartigen Hochherzigkeit helfen, die durch Cremicuxs Aufruf der Alliance Israelite Universelle vom Mai 1870 so herz* erquickend weht. Die Aufnahme der Unglücklichen ״i n den Gemeinden Europas u 11 d A m e r i k a s“, das verlangt dieser Aufruf.' Und die Alliance tat selbst den ersten Schritt auf diesem Wege, indem ihr Pariser Komitee sofort 30 westrussischc Judeiikinder nach Paris nahm, wo sie adoptiert wurden» Das ist die Hilfe, I wie geholfen werden soll. Bei solchen Grundsätzen und einer solchen Tätigkeit westeuropäischer Judenhilfe könnte unsern russischen Brüdern nicht der Gedanke kommen, dass sic die Büttel sein sollen, um nur ja jeden Zuzug und Durchzug russischer Juden von Berlin fern zu halten. Das mag vielleicht die politische Weisheit einiger liberaler Politiker sein, die sich an jüdischer Wohltätigkeit aus Partei- und anderem Interesse beteiligen. Die Meinung der deutschen Juden ist das nicht! W i r wollen unsern Brüdern helfen! Wir wollen uns nicht zu Mitschuldigen der russischen Raubmörder machen, indem wir unsere Brüder zu ihnen cinspcrrcn. Nein, aus dem Projekt des Kiscliinewer Hilfskomitees dari nichts werden. Denn das hicsse unsere Brüder an die Mörder ausliefern. Wir aber verlangen für unsere russischen Juden Luft und Licht und Leben und Land. Heinrich L o e w e. Z1!m sechsten Kongress. Wiederholt haben wir auf die unendliche Wichtigkeit des Nationalfonds hingewiesen. Er bildet die 111ateriellc Grundlage einer zionistischen Lösung der Judenfrage. Während aber in Russland sogar von den Aermsten für diesen idealen Zweck mehr getan wird, als man billig erwarten dürfte, bleiben die Sammlungen in Deutschland weit hinter dem zurück, was wir für unser Volk fordern müssen. Es ist für die deutschen Zionisten geradezu beschämend zu vergleichen, was in der einen Stadt Odessa von unsern Freunden für den Nationalfond gespendet wurde, mit dem was in gleicher Zeit in ganz Deutschland gesammelt ist. Offenbar bat man die M ichtigkeit des Nationalfonds bisher bei uns noch nicht gc-!lügend verstanden. Unsere Absicht ist cs beute einen Vorschlag zu machen, der zeigen soll, wie auch in Deutschland erheblieberes für den Natioualfoud gespendet werden kann. Nach dem Organisationsstatut des Kongresses wären die Schekclzahlcr verpflichtet, ihren Delegierten die Reisekosten zum Kongress zu bezahlen. In Deutschland gcschieht das nicht. Ob das richtig ist, bleibe hier tinerörtert. Jedenfalls sparen die Schekelzahler hierdurch, wenn man im Durchschnitt auch nur 100 M. für die Kosten jedes Delegierten ansetzen wollte, in Deutschland allein rund 5000 M. Wir machen nun den Vorschlag, dass an stelle dessen zu Ehren des Kongresses jeder Schekelzahler mindestens eine Mark und jede Ortsgruppe eine entsprechende Summe für den Nationalfond spende und dass wir dafür die ״Zionistische Vereinigung für Deutschland“ in das ״Goldene Buch des Nationalfonds“ eintragen lassen. Man mag sonst gegen den phitokratischcn Charakter des Goldenen Buches seine Einwendungen machen, aber gegen die Eintragung der Vereine und Gruppen kann wohl n i e in a!1 d etwas vorbringen. Wenn jeder der 5700 Scliekelzaliier dies tut und die Ortsgruppen mit gutem Beispiel vorangchen. so werden w׳ir in den Kongresstagen in der Rundschau mindestens 6000 N\. auszuweisen haben. Und noch eins. Während des Kongresses laufen tausende von Begriissungslelegranimen aus allen Ländern der bewohnten Erde ein und können kaum auch nur ganz roh gesichtet werden. Zur Kenntnis des Kongresses kommen sie nicht. Wir richten an unsere Freunde die dringende Bitte, diese Telegramme gleichfalls durch entsprechende Spenden für den Nationalfond abzulösen, und wir werden auch diese zweckentsprechend in der Rundschau ausw eisen. Alle Gaben für den Nationalfond bitten w׳ir wiederholt nur an die Expedition der Jüdischen R u 11 d s ejt a u , senden •zu wollen.