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Jüdische Rundschau · 1903-08-14 · Heft 33 (14.8.1903) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 33 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Es gehört zum Hausrat moderner Staatskunst und Staatskünstler, im eigenen Lande den Hoden zu suclien. den man sonst nur durch Aus- Wanderung für den landbediirfti^cn Ucbersclmss der Bevölkerung findet. Unser preussisclier Staat hat seit Jahrhunderten mit Erfolg eine solche Politik der systcmatischen Bauern- und Biirgeransiedlimg in seinem eigenen Gebiete betrieben. Es ist daher nicht verwnnderüch. wenn die Juden, die auf dem Gebiete der Wanderung und Siedelung der grössten Kenntnisse bedürften und die geringsten besitzen, versuchen, wie weit sie mit innerer Kolonisation kommen. Es ist natürlich, dass in Deutschland diese Unternehmung kaum über das Experiment hinaus kommen wird. Alle Verhältnisse und unsere ganze Entwicklung stehen einer grösseren jüdischen landwirtschaftlichen Betätigung entgegen. Anders muss man Länder beurteilen, wo eine grosse und in tausendfältiger sozialer Not bedrückte jüdische Proletarierbevölkcrimg mit Sehnsucht nach einem Stückchen Erde ausschaut, wo sie im Schwcissc ihres Angesichts das Stückchen trocken Brot für ihren Hunger erarbeiten kann. So sind die russischen Juden seit mindestens einem Jahrhundert vergeblich bemüht gewesen, sich als kleine Bauern auf dem Lande anzusicdeln. Aber während uiigemesscne Landstrecken des besten Tscliernosjom unbebaut daliegen, weil cs an Arbeitskräften für sic gebricht, hat das Russische Reich mit der ihm eigenen eisernen Konsequenz seiner äusseren und inneren Pohtik ־-- die Judenpolitik gehört bei ihm zu den auswürtigen Angelegenheiten — nur in wenigen Ausnahmefällen imgetauften Juden gestattet, Bauern zu werden, und bat auch gleichzeitig diesen wenigen Ausnahmen den dauernden Landbesitz wieder unmöglich gemacht. So lange das Russische Reich existieren wird, wird diese Politik nicht verlassen und den Juden kein Landbesitz dauernd cingeräumt werden. Darüber sind sich alle unbefangenen Beobachter russischer Geschichte ohne weiteres einig. Umso eigentümlicher berührt eine Nachricht, die uns von unserm Kischincwcr Berichterstatter übermittelt wird. Unser Gewährsmann schreibt uns: Das Hilfskomitee für die geplünderten Juden von Kischincw beschloss, das im Kreise Orgejew (Gouvernement Kischincw) gelegene Gut des Baron Qinsburg anzukaufen. Pas Gut ist mehrere Tausend Hektar gross, mul der Kaufpreis beträgt 225 Rubel (600 l'raiiken) per Hektar. Das Geld soll in der Weise beschafft werden, dass das Kischinewer Hilfskomitee 50 000 Rubel dazu hergibt, den grossen Rest aber sollen der Berliner ililfsvcrein der Deutschen Juden und die Jcwisli Colonisation Association zulegen. Aut diesem Oute sollen die durch die Plünderungen brotlos gewordenen Juden angesicdelt werden. Man liest und traut kaum seinen Augen. Scheint es doch, als ob es dem Kischinewer Hilfskomitee selbst nicht bekannt ist, dass es seine Existenz nur der Pliin־ derung und Ermordung von Juden verdankt. Könnte man doch beinahe glauben, dass die Kischinewer Vertraucnsleute der Hilfsaktion zum mindesten das Blutbad schon vergessen haben, infolge dessen eine jüdische Bevölkerung von mindestens 50 000 Seelen an den Bettelstab gebracht und zur Auswanderung gezwungen ist. Oder sollten die verantwortlichen Personen wirklich nicht wissen, dass vornehmlich die russischen und moldänischen Bauern und nicht zum wenigsten die aus dem Kreise Orgejew cs waren, die sich von der russischen Priestersciiaft und dem Beamtentum bereitwillig dazu gebrauchen licsscn. die Gewalttaten zu verüben, deren Erinnerung allein jedem Menschen mit ein wenig Gefühl das Blut in den Adern erstarren macht. Es klingt geradezu unglaublich, dass mau diesen Henkern und Mördern unsere Brüder schütz- und wehrlos ausliefern will. Demi der geringe Schutz, den die Juden im Ghetto durch ihr Ziisammcnwolmen haben, würde ihnen auch noch genommen und sic wären unter die Bauern versetzt, die cs für ein Stück frommer Religiousiibung erachten, die Juden möglichst grausam hinzuschlachteii. Oder sind diese Bauern seit einigen Tagen durch die liebevolle Duldung, die ihre Taten durch Regierung und Richter im Lande Sehcmjakas erfahren haben, andere Menschen geworden? — Aber auch aus rein pekuniären Gründen — und solche Gründe verstehen ja unsere reichen Juden viel eher — ist es kaum empfehlenswert, in einem Lande Grund und Boden 7.11 jüdischer Ackerbaukolonisation zu erwerben, wo die Scholle schon recht teuer ist. Denn wenn man den Preis des Bodens in Palästina bei grossen Ankäufen zu 150 franken mid den in Kleinasien längs der anatolisehen Balm zu etwa 50 Franken ansetzt, so; würde man für den gleichen Kaufpreis viermal so viel Boden in Palästina und zwölfmal so viel in Anatolien

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