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Jüdische Rundschau · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No; 32. Seite 335. Jüdische Handschau. Fortschrittes in der Humanität rühmen darf, so ist es gewiss diejenige Staatstheorie, die sich bemüht, dem Unterschiede der Qcburt und des Qlauhens den mindest möglichen Einfluss auf bürgerliches und staatliches Leben zuzugestehen. Dass gerade unsere Zeit selbst in stammverwandten Nationen ein Streben hervorgerufen, sich durch Sprache und Verfassung zi sondern, wie es z. B a* *~ Magyarentum, Släventum etc. zu sehen, zeugt nicht, wie ein oberflächlicher Beurteiler etwa glauben könnte, gegen, sondern gerade für uns; denn selbst diese gestatten gern jedem einzelnen oder auch grossem Teile eines andern Volkes sich ihrem Bürgcrvcrhand mit voll* Rommcner Gleichstellung anzuschlicsscn, wie uns das Volk der Magyaren ein schlagendes Beispiel an die Hand gibt.4) Oder denkt Ihr Korrespondent etwa, in seinem neiigcgrundctcn Staate auch nur den Fluch gegen die schwarzen Söhne Chams aufrecht zu erhalten, dessen gänzlicher Aufhebung sich nur noch rein iiicrkantilisches Interesse vergebens entgegenstemmt? Möge Ihr für das Edle begeisterte Korrespondent nur z. B. die jüngst in der Antislavery-Socicty gehaltenen Reden in Anschlag bri;rgen, um seinen in Stammvcrschicdcnhcit gesuchten Grund iiir den Hass der Juden und die bürgerliche Ausschliessung derselben besser zu würdigen, und ihn etwas tiefer suchen lernen. — Was sollen wir aber noch dazu sagen, wenn Ihr Korrespondent meint: ״Beim Volke und seinen Wortführern sind wir noch heute so angefeindet. als irgend einmal! Sehet in die Staaten, wo das demokratische Element das Uebergewicht hat; Hass und Verachtung, aber kein Wohlwollen!‘‘ Soll etwa die Judenverfolgung zu Damask dem Volk und seinen Wortführern zur Last gelegt w erden? Ist der neue ״Häman“ hier als Wort- ,ffihrcr der französischen Nation zu betrachten?') Oder begründen die Worte des Conseil-Präsidenten (wenn man sic nicht nach der Verfälschung und Verdrehung einiger deutschen Blätter liest) ein solches Urteil? — Aber wir sehen schon, der Verfasser lebt in der mit Unrecht demokratisch gescholtenen Schweiz,״) und haben es allenthalben erfahren, dass Staaten und Orte, die keine Juden kennen, sic am meisten hassen. ז) Und dennoch auch hier die ehrenvolle Ausnahme Norwegens. Ihr Korrespondent, die Vorteile seiner Idee nun in’s Auge fassend, gibt uns eine Schilderung Palästinas in seiner inneren Ergiebigkeit und äusseren Stellung als Zentralhandelsland zwischen Orient und Occident, der wir niclits wesentliches entgegenzusetzen hätten. Allein wieder wird uns ein Beruf zum Handclsvoik vom ersten Entstehen an zugeschrieben, dem aber der Geist und die Eigentümlichkeit des mosaischen Gesetzes als agrarisches wesentlich cutgcgcnstcht. Man sollte doch glauben, dass solche Dinge, die bereits über allen Zweifel hinaus ln gelehrten und publizistischen Schriiten abgemacht sind, nicht wieder kommen, viel weniger von einem Juden, am wenigsten von einem solchen, wie Ihr Korrespondent, wieder aufgewärmt werden sollten. Er weiss cs gewiss auch nur zu gut, dass den Mosaiten •.er nervus alles Handel,sverkehrs, der Zins verboten war‘) dass der Handel mit den Produkten Palästinas, von dem uns die Bibel erzählt, von den *) Indem der Korcspondcnt von der ״oberflächlichen Bcobaebtung‘‘ abschen will, geschieht ihm gerade hier, dass er Staatsbürgerin! und Nationalität, Staat und Nation verwceliseit. ל Die heutige, französische Republik rechtfertigt zum mindesten die Anschauungen des angegriffenen Korrespondeuten. *) Die Verfassung der Schweiz ist Inzwischen die denkbar demokratischste geworden, während der Judenhass (cf. Scliächtverbot) nur noch zugenomtnen hat. Uebrigens ist Konstanz auch damals nicht schweizerisch, sondern badisch gewesen. ל Gerade das Gegenteil ist tatsächlich der Fall. Vgl. u. a. Rumänien. Russland oder Marokko. ל Das biblische Zinsverbot (Deut. 23,!0 20.) erstreckt sich auf den Handel mit Juden und laudansüssigcn Fremden, nicht aber auf den Handel mit dem Auslande. Und ebenso wie die Bibel auch Baba Mczia 62 a, 72 a, ferner Jore Dea 159, I und 171, 1. Phöniziern und anderen Völkern nach aussen geführt w׳urdc, und dass erst die äusseren Verhältnisse der Exilierten ihnen den Schachergeist aufgezwängt, den man zum Vorwände genommen, um ihnen alle anderen Erwerbszw׳eige, namentlich Ackerbau und Handwerk vorzuenthalten. Und die ,Erfahrung lehrt, w׳ie sie sich bald in ihrem ursprünglichen Beruf wieder zurecht zu finden, Vorurteil und Gewohnheit zu beschämen gewusst. Ihren Korrespondenten aber hat nur seine Thesis auf einen Augenblick zu einer falschen Prämisse verleitet. Zweifeln Sie noch? Lesen Sie doch seine eigenen bald darauf folgenden Worte: ״Kein Gewerbe, keine Kunst Ist, die wir nicht geübt, keine Wissenschaft, in der wir nicht glänzende Vorbilder aufzuweisen hätten.“ Warum also, w׳o man selbst eines Besseren überzeugt ist, der Unwissenheit oder Bosheit das Schwert selbst in die Hände zu liefern? — Ein Gleiches gilt, wo Ihr Korrespondent dte Möglichkeit seiner Idee zu zeigen fortfährt; ״Haben doch die Christen mitten durch feindliche, kriegsgeübte Völker den Weg über die Dardanellen sich zu bahnen gewusst: warum nicht wir, die wir nirgends Feinde haben?“ Also alle Stamniverschicdenheit, aller Hass auf einmal ver» schwunden? .Etwa sobald wir fortzicheu? . . . ״Kein Phara׳» wird unsere Wallfahrt hindern!“ Waren denn die Israeliten Aegyptens gehasster? oder waren sie nützlicher als wir »!1־ seren Staaten zu sein und hei erweitertem Wirkungskreis noch nützlicher zu werden uns schmeicheln? . . . Dass zivilisierte Israeliten für Mchemed Ali oder den Sultan bessere Untetv tanen. für Syrien bessere Einwohner, für den umgebende!! Orient und Occident bessere Nachbarn wären, als cs die jetzigen sind, wollen wir Ihrem Korrespondenten nicht abstreiten; dass es der Humanität und der Politik der europäischen Machte eben so genehm sein dürfte, wollen wir ihm eben so gern zugestehen. Andrerseits schätzen und würdigen wir seine Bcgcistcrung und Vorliebe für das gelobte Land unserer Väter. Haben wir'doch im verflossenen Jahre öffentlich eine Stimme vernommen, weiche die Potentaten Europas zu einen! Kreuzzuge, zu einer kriegerischen Expedition auirief. um die Stätte des einstigen Waltcns des Begründers christlicher Religion ihren Bekennen! zu unterwerfen; warum sollte nicht auch einmal einem Juden die Idee einer friedlichen Ansiedelung in: Lande, das seine Vorfahren einst beherrscht, unter dem Schutze seines rechtmässigen Oberherrn und der Bürgschaft der zivi• lisiertcn Macht, eben so gut in den Sinn kommen dürfen? Allein es mag dem einzelnen Juden — den innere Verhältnisse seines Vaterhuides, oder Veräiidcrmigslichc, Hoiimmg auf Verbcsserung seines Zustandes ״der Vorliebe für ein anderes zum Wechsel verleiten —* eben so gut wie jedem andern Rcligionshckeimer freistchcn, nach dem bestehenden Gesetz seines Vaterlandes dies auf immer zu verlassen, und sich ebensogut von Palästina wie Von Nordamerika oder einem anderen Staate aufnehmen lassen. Und glaubt er dort für den hohe:! Beruf des Judentums Menschlichkeit und Gesittung auf friedliche Weise, namentlich durch das eigene Beispiel unter seinen eigenen Glaubensgenossen zu verbreiten, mehr Veranlassung zu finden, so würde man es ihm mit Unrecht missgönnen, sich auf solche Weise neben den Umtrieben fanatischer Bekehrer und Gewalttätigkeiten roher Haufen bemerkbar zu machen, und durch eigne Humanität bei der herrschenden Macht eine Wehr gegen die Unbill jener 7.u finden. Mit einem Worte: die Auswanderung des Einzelnen nach Palästina ist etwas Gleichgütiges, aber die Bestrebung, seine jüdischen Bewohner zu zivilisieren, gewiss ebenso rechtmässig als lobenswert, und geschieht besser durch Errichtung von Fabriken und Beförderung der Handwerke, als durch die reiclrlich dahin fliessenden Almosen, die den heimischen Armen entzogen, dort meist nur dem in Religiosität maskierten Mfissiggange zuteil werden. Noch immer vernehmen wir Klagen über diesen Missstand, obsclion bereits vor zw׳ci Jahren der deutsche Ansiedler Sachs Europa bereiste, um behufs eines betreffenden Vereins blos vorläufige Subskription eines später abzulieforndcn Beitrags

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