Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651321--00589-2657388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' *•»י », *•" ן׳ ,►!״“■y•»*... S». <1,««j*t(::t»,•!•:»««.; ,:zAieL v»;■ No. 32. -t__ \ Jlfdlsdie Rundschau Seite 329. Der neue Indianer. Von Dr. E. Simonson, Schöneberg-Berlin. Einer meiner Bekannten, welcher mehrere Jahre in Arnerika gelebt hat, erzählt mit Vorliebe von einem Inüianerkampi, dem er einmal bcigcwoluit habe. Schauplatz der Handlung war ein Tclcgraphcnamt in Washington, und der Held der Ei- Zählung ein indianischer Journalist und Politiker in tadellosem GeScltscliaftsanzugc, die kurzsichtigen Augen mit einer Brille bewaiinct. Rin Parlamentsbeschluss bedrohte die Rechte seiner Stanmiesgenosscii,. und deswegen sandte er mit dem Eifer eines echt amerikanischer» Zeitungsmannes und Politikers inchrere Dutzend dringender Telegramme in alle Himmelsriehituigcn. um schleunigst Protestmeetings zu inszenieren. So sah der moderne Indianerkamp! aus, der zu unseren alten lieben Lederstrumpferinnerungen allerdings einen einigermasscu verblüffenden Kontrast bildet. Dass ein grosser Teil der Indianer sich vollständig zivilisiert hat. dass es bereits zahlreiche indianischen Aerzte, Prediger, Juristen, Lehrer etc. gibt, ist ja öiters von Zeitungen berichtet worden. Neu dürfte jedoch der grossen Mehrzahl der Leser die Tatsache sein, dass sogar schon eine indianische Littcratur im'Aufblühen begriffen ist, welche einen iuteressanten und überraschenden Einblick in das Seelenleben dieser Menschen gewährt und zugleich zeigt, dass das einstige Herrenvolk die europäisch-amerikanische Kultur zwar in sich aut'genomnicn hat, jedoch keineswegs bedingungslos in ihr aufgegangen ist. In der Jiilinuinmer der vorzüglichen Monatsschrift ..D e r Türme r“ veröffentlicht A. v. Ende- New-York einen Artikel ״Der neue Indianer“, in welchem er uns in die viel versprechenden Anfänge der neuen Indianischen Litteratur Einblick gewährt und uns damit einen Blick in die Volksseele dieses Stammes tun lässt, welcher unser höchstes Interesse wachrufen muss. Hochbegabte Indianer, welche die anglo-amerikanische Bildung in sich aufgenommen haben, greifen zur Feder und sprechen zu uns von den Erinnerungen und Stimmungen ihres Volkes. __ v. Ende bringt Beispiele aus einem jüngst erschienenen Buche des Omaha-Indianers Francis La Fleche, das zwar niassvoll und objektiv gehalten ist, aber doch manches ahnen lässt, was die Seelen der neuen Generation bewegt. Den leisen Spott, mit dem die fremde Kultur mit der eigenen verglichen wird; den Stolz auf! die Vergangenheit und den nie zu verwinden-! den Schmerz, den der Gegensatz zwischen! einst und jetzt hervorrufen muss. Der neue In- | dianer hat nicht vergessen, dass seine Väter einst die Herren i dieser Länder gewesen, dass er der einzige eingeborene Arne- 1 rikaner ist und einen ungehobene 11 Schatz von ז Kultur besitzt, an deren uralten Rätseln sich | weisse Gelehrte noch lange die Zähne aus- ו heissen werden. | Alle indianischen Schriftsteller ohne Ausnahme lassen zwischen den Zeilen das Bewusstsein der Tragödie erkennen, | die diese Menschen an sich erleben — die Tragödie einer ini neren Entwurzelung. . i Eine junge Dakota-Indianerin, welche als Lehrerin ausge- | bildet ist, betätigt sich als »Mitarbeiterin des ״Atlantic Monthj ly“. Sic schreibt übrigens unter ihrem indianischen Namen j Zit-ka-la Sa; offenbar empfindet sie nicht das Bedürfnis, ״sich; nicht zu erkennen zu geben.“ ’ Ein Besuch in der Heimat hat sic in einen inneren Zwic-! spalt hiueingcrissen und Zweifel in ihr aufsteigen lassen, ob! es eine würdige Aufgabe für sie sei. die Kinder ihres Volkes 1 in dem Yforstellungskreise und den Wissenschaften der einge-! wandorten Herren zu erziehen und sic damit zu heimatlosen Zwitterwesen zu.machen. Wie La Rieche, so drängt sich auch ihr die Erkenntnis auf, d ass trotz aller Assimilation Eigennutz und Interessengegensatz de;1 W e i s s c n in Feindschaft zu ihrem Stamme erhalten. Sie verliert nach mehrjähriger Tätigkeit die Liebe zu ihrem Beruf und gibt das Lehramt auf. Ergreifend und rührend zugleich ist es, wie sie diesem inneren Zwiespalt Ausdruck gibt: ״für des weissen Mannes Papiere hatte ich meinen Glauben an den gros.se» Geist hingegeben. Für dieselben Papiere hatte ich die Heilkraft der Bäume und der Bäche vergessen. Wegen meiner Mutter einfacher Lebensanschauung und wegen meines Mangels an einer solchen hatte ic'h sie verlassen. Und doch hatte ich keine Freunde gewonnen unter der Rasse, die mein Volk hasst. Einem schwachen Bäumchen gleich war ich entwurzelt, der Mutter, der Natur, Gott entrissen worden. Alle Zweige, alte Heiligtum und schleppte Kinder und Greise in die Fremde. Der Unglückstag wurde zum Verhängnisvollsten Tage in unserer Geschichte. Er brachte Unglück auf Unglück, und machte uns zu dem, was wir seitdem werden mussten, — zu einem Volke von müden Wanderern, das beim Geräusch eines fallenden Blattes zittert. — Ich stand auf und schlich mich hinaus auf den Hof. Die Nacht war schön und warm, lausende von Sternen strahlten und funkelten am Himmel, aber über allen lag ein Hauch von Wehmut und Trauer. Es war eine Wohltat, den leisen Wind über das Gesicht streichen zu fühlen, und man konnte sich einbildcti, eine weiche, zarte Hand berührte es tröstend. Ich setzte mich auf die Bank und liess die Stille der Natur auf mich wirken. Und allmählich fühlte ich, wie diese Stille in mein Herz zog, und wie mit den wehmutsvollen Vcrgangenhcitsbildern sich leise, leise ’die Hoffnung auf eine schönere Zukunft verwebten. Und diesmal war’s in der Synagoge. Zwar be- •*fanden sich oben in der Frauenabteilung nur wenige Frauen, aber unten war es voll. Es war nicht mehr die alte Einsamkeit, — da waren auch noch andere gekommen, die Trauerfeier zu begehen. Der Vorbeter begann, und die leise, traurige Melodie erfüllte den schönen Bau. Ich licss mich nach alter Gewohnheit auf die Erde nieder, und so im Halbdunkel sitzend, las ich wieder das alte Klagelied, und wieder stiegen vor mir die alten Bilder auf. Die Stimme des Vorbeters klang klagend an mein Ohr und drang mir ins Herz, und ich dachte daran, wie viele Brüder jetzt wohl aut der ganzen Erde mit uns um Jerusalem weinen. Unser Jerusalem! Wie im Traum stieg es vor mir aut, dieses Ziel unseres Strebens, dieses Land, das uns alle in unserer Zer- Streuung vereint, — eine gemeinsame Vergangenheit, und, — wilRs Gott! — eine gemeinsame Zukunft. Es liegt in Trümmern vor uns, verlassen von seinem Volke und seinem Gott, — aber ein Lichtstrahl stiehlt sich, schon durch das Dunkel herein, und bald blüht auf den Trümmern neues Leben! — Der Gottesdienst war zu Ende. Wir kamen *runter und wurden von Bekannten begriisst. Ich liess alles, w ie im Traum, an mir Vorbeigehen. Meine Seele war noch voll von Vcrgangenheitsbildern und meine Augen nass. Ich sehnte mich nach Einsamkeit und Ruhe. Sonja G r o n e m a tt n. & "!VM״«- <־ ״־.,** tf *••״•« rr וויד/:ד fr •y *־, * m* ^fp'ty’■***•** ׳ *«.*p#*' :־״.