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Jüdische Rundschau · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 328. «Jlidisolie Hunclscliau. « _ *_ _ _ No. 32. .das Nationalgefühl und Volksbewusstsein zu stärken und, wo es schlummerte, zu wecken. Auch hier sind wir ein gutes Stück vorwärts gekommen. Jeder neue Zionist, jede neue Gruppe bedeuten eine Etappe vorwärts auf dem Wege. Die ganze reiche, neue jungjüdische Literatur gehört dahin. So notwendig diese Hebung des nationalen Gedankens liir die Wiederbelebung unseres Volkes in unserem Lande ist, so sicher war der rüstige Fortgang unserer Sache in diesem Sinne. Dieser Punkt bedeutet viel, unendlich viel, aber nicht Alles. Auch die Gliederung und Zusammenfassung der Judcnheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen hat durch die immer weiter um sich greifende zionistische Organisation grosse Fortschritte gemacht. Vom Zionisnms lernen auch die andern zu organisieren, und der zionistische Bund bedeutet einen Zusammenschluss zu ergiebiger Arbeit. Es fragt sich nur, ob die zionistische Partei immer Gelegenheit hatte, auch die an erster Stelle seines Programms genannte zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetreibende ins Werk zu setzen. Freilich müssen wir sofort gestehen, dass wir keine Förderung der Kolonisation auch nur im Entferntesten wünschen, wie sie durch die Gründung und ״Sanierung“ der Kolonie Machanajim stattgefunden hat. Denn das ist das Gegenteil vom Zweckdienlichen. Wir wünschen, dass etwa ncuangelegte Kolonien nicht auf Korruption auigebaut werden und dazu dienen sollen, die Kolonisation zu schädigen und zu blamieren. Aber wir haben es stets bedauert, dass in früheren Jahren der Zionismus, der doch schliesslich die ganze palästinische Kolonisation ins Lehen gerufen hat, nicht in der Lage war, diese seine Frühtätigkeit fortzusetzen. Und doch warten wir alle sehnsüchtig, von imserm ersten Führer an bis zum letzten Gefolgsmann, dass wir endlich in die Lage kommen möchten, zweckdienliche Arbeit für die Be- Siedlung Palästinas zu leisten. Je gebieterischer die Not an den Türen unserer rumänischen Stammesgenossen und unserer russischen Brüder pocht, um so mehr haben wir das Bedürfnis nach Arbeit. Wir wollen endlich beginnen, etwas Dauerndes zu schaffen, wollen endlich in dem Lande tätig sein, das das Land unserer Tätigkeit sein soll. ן Das erste, was unsererseits geschehen, war die jetzt! in Angriff genommene Einrichtung der Bank, die soeben ( in Jaffa ihre Tätigkeit beginnt. Aber das ist doch nur der kleine Anfang, dem eine grössere Arbeit folgen soll und muss. Der sechste Kongress wird sich besonders dadurch gegenüber seinen Vorgängern auszciclmen. dass wir von unscrin Aktionskomitee praktische Hinweise einer Arbeit im Heiligen Lande erwarten dürfen. Viel-; leicht werden die Grenzen Palästinas, die ja auch liistorisch nicht unbedingt feststehende waren, nicht mit der heutigen politischen Grenzlinie Zusammenfalle», aber so lange es sich um Palästina handelt und um die zweckdienliche Förderung seiner Besiedlung mit jüdischen Ackerbauern lind Gewerbetreibenden aller Art, so lange haben wir nicht nötig, auch nur im Geringsten an eine Aenderung unseres Programms zu denken, das uns jede | Tätigkeit erlaubt und zur Pflicht macht, wenn sie gei eignet ist. unser Volk dem Ziele entgegenzimihrcn. das! wir programmmässig anstreben. Und jede praktische Tätigkeit, die nicht durch Hintertüren schleicht tmd J nicht durch Baclischtscligehen und Bachscliisclmeliuicn 1 korrumpiert wird, ist eine willkommene Vorbereitung j des Endzieles, das der Zionismus für das Jüdische Volk erreichen will. . Es liegen also nach keiner Richtung hin zwingende I Gründe vor, das Parteiprogramm abzttätidern, zu er-! weitern oder cinzuengen. Und so lauge das nicht der Fall ist, halten wir dogmatisch an dem icst, was in einzigartiger Einmütigkeit der erste Kongress als die | Grundlage der neuen Partei tmd des altneuen Volkes bej schlossen hat. Unser Programm ist das beste, das wir haben können, tmd wir lassen kein Jota daran ändern. Was wir an praktischer Arbeit wünschen, werden w ir in Uchereinstimmung mit unserem Aktionskomitee und im vollsten Einklang mit dem Wortlaut des Baseler Pro- | grammes auf dem sechsten Kongress beschHessen. Wir ' lassen nichts hinzufügen. und nichts davon wegnehmen! Wir s t c 11 c 11 fest auf de 111 Grunde des Base- I e r Programmes! Heinrich L o e \v e. V,./' 4׳ Feuilleton 3'?י f־־V CC■*»» **״■ ג « %» Nach Tischah-b'Abh. Es war zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich am Tiscliah-b’Abh abends in der Synagoge war. Bis dahin hatten wir diesen Abend stets in der Einsamkeit des Hauses verlebt. So war für mich Tischah-b'Abh und Einsamkeit etwas Unzertrennliches gewesen. In meiner Vorstellung sah ich immer ein grosses, dunkles Zimmer, mit verschlossenen Fensterläden. In einer Ecke brannte auf einem Stuhl eine einsame Kerze, und vor dem Stuhle auf der Erde sass meine Mutter, mit ihrem Gebetbuche in der Hand. Sie murmelte leise, mit gebrochener Stimme, die alten Klagelieder, und wischte sich verstohlen die herunterflicsseitden Tränen. Ich kauerte mich im Nebenzimmer in einem Winke! nieder und las beim matten Schein der Lampe in meiner Bibel. Ich w'agte kaum meine Stimme zu erheben. Schon mit dem Einbruch der Dämmerung, überkam mich ein Gefühl der Angst und der Wehmut. Es war, als wenn das tausendjährige Unglück meines Volkes in dieser Nacht iu seiner ganzen Selireckensgestalt aufstiege und auf mir lastete. Alles war in tiefe Trauer gehüllt, kein Lichtstrahl, keine Hoffnung auf Ausgang aus diesem Elend. Dort draussen waren andere Leute, die das nicht anging, die ihr ganzes Lehen froh sein konnten. — iiir uns aber war alles hin, — unser Ziott lag in Triitumern, und wir wanderten müde und verlassen im irenrden Lande, dessen Sonne für uns keinen warmen Strahl hatte. Meine Augen füllten sich mit Tränen, aber ich wischte sie weg und starrte wieder in meine Bibel. Da war es, das alte Klagelied, das so viele Geschlechter vor mir wiederholt haben. Alle hatten sie dieselbe Sehnsucht im Herzen getragen, die Sehnsucht nach Zion, der heiligen Stadt. Und alle hatten sic vor sich gesehen, in ihrem ganzen Glanze, mit dem Tempel auf dein Berge Moria und den lachenden Gärten. Frohe Stimmen stiegen zum Himmel auf, — dort durfte man lachen und froh sein! Hatte doch kein Mensch geglaubt, dass in Jerusalem der Feind cinziefien wird! Und doch zog er ein, verhe rte die schöne Stadt, verbrannte das

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