Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Wer dem ersten Kongress beigewohnt oder gar als Mitglied an ihm •teilgenommen hat, dem wird zwar dieser historische Moment, der zum ersten Male wieder das jüdische Volk in einem Oesamtwillen zusammemasste, ewig gegenwärtig bleiben, aber ebenso wird er auch niemals der Debatten und der Erregung vergessen können, die ־ der Annahme der nunmehr ״Baseler Programm“ genannten Grmidven'assung unsc rer Gesamtpartei vorauigingen. Zwei Gruppen hatten sich schroff gegenüber gestanden und lange Zeit hatte es geschienen, als ob eine Einigung unmöglich sein würde. Die Zahl jener, die zwar ein radikales Programm bcfiirwerteten, aber bereit waren, sieb jedem — auch garnicht radikalen — Mehrheitsbeschlüsse zu unterwerfen, wenn nur erst ein Mehrheitsbeschluss gefasst wäre, war sehr gering. Und doch hat diese kleine Mittclpartci, die eigentlich in Wahrheit die radikalste, die wirklich radikale Partei war, den Sieg davon getragen. Es ist auch charakteristisch genug, dass die Selimollwinkler, die dem Zionismus von der einen Seite mit dem groben Knüppel drohen und ihm von der andern ein dräuendes Schach Zurufen möchten, aus den beiden entgegengesetzten Lagern hervorgegangen sind. Die gewesenen Zionisten, die heute dem Zionismus um so ärgere Widersacher sind, als sie sich gern bei ihrer Gegnerschaft als ״die besseren Zionisten" bezeichnen lassen, waren entweder solche, die unser Programm nicht radikal genug fanden, so dass sie sich allmählich so radikal von Ziouisnms fortentw ickelteu, dass von ihrem Zionismus nur noch der Name übrig blieb, und auch dann nur, wenn sie es für nötig hefaudeu, sich des zionistischen Namens zur Bekämpfung ihrer früheren Partei zu bedienen, oder sie waren ״praktische“ Leute, die bei dem Zionismus, der etwas praktisches für die ganze Nation schaffen will, nicht ihre Rechnung fanden. Ucber beide Teile ist der Zionismus schon in dem Augenblick zur Tagesordnung übergegangen, als er das Baseler Programm annalnn. Das war der Riegel, den man allen Elementen vorscliob, die entw eder aus dem Wort ein Prinzip machten, wo umgekehrt das Prinzip mir nach einem möglichst passenden Ausdruck gestiebt hatte, und es war auch schon implieite der Ausschluss aller Heimlichkeitsarbeiter, die in der offenen Verhandlung des Kongresses eine Ge¬ Hl fahrdung der Hintertüren sahen, durch die man Palästina oder sonstwohin hcrcinkriechen wollte. Und doch ist das Baseler Programm kein Kampf- Programm i 11 der Partei, sondern eine grossziigige Zus׳'mmemassung alles dessen, was die Gesamtpartei der Nationaliuden. was das schaffende jüdische Volk erstrebt. Die Schaffung einer öffentlich — rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina bedeutet an und für sich die Erreichung eines Zieles, dem unser Volk in der ganzen Zeit seines Unglücks bewusst oder unbewusst nachstrebte. Freilich war cs begreiflich, dass die einen oifen wünschten, dass im Programme von einem Judenstaate die Rede sein oder wenigstens eine völkerrechtlich ־ gesicherte Heimstätte verlangt werden sollte, wie es ebenso verständlich war. dass eine gewisse ganz kleine Gruppe ihre Maulw urfsarbeit innerhalb der zionistischen Partei nur fortsetzen kennte, wenn möglichst jede Schärfe oder jede offene Aussprache unseres Zieles vermieden worden wäre; aber darum war es doch ein für das Gesamtjudentum historisch-wichtiger Augenblick, als unter dem Jubel der weitaus grossen Mehrheit die Annahme des Programms in der Gestalt, wie es heute vorliegt, verkündet wurde. Wenn w ir mm auf diese Weise eine Heimstätte für unsere Nation erstreben, die unter öfientlich-rcclitlicher Garantie bestellen soll, so ist ein notwendiges Eriordernis, dass wir zu diesem Zwecke die Zustimmung der Regierungen erstreben müssen, die entweder selbst die Länder besitzen, in denen wir uns und unsere Brüder anzusiedeln gedenken, oder einen entscheidenden politisehen Einfluss auf diese Länder oder ihre öffentlichrechtliche Stellung im Völkerleben ausüben. Das aber gehört schon zu den Mitteln, die der erste Kongress in Aussicht genommen hat. um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Das ist nicht mehr eines von den P r in - zipien der Partei, sondern gehört schon zu seiner Tätigkeit. Dfese auszuiiihren ist die Pflicht des Aktionskomitees, und wer w ollte leugnen, dass seinerseits nicht jederzeit das Menschenmögliche geschehen ist, um gerade diesen wichtigen Punkt in sorgfältigster Weise zu bearbeiten? Auch der künftige Kongress dürfte in dieser Richtung eine glänzende Rechtfertigung des Aktionskomitees sein. Es hat wiederum alles getan und weit mehr, als wir von ihm erwarten durften. Nicht minder ist das Aktionskomitee und ebenso die ganze grosse zionistische Partei unermüdlich tätig gew esen, das Selbstbewusstsein der jüdischen Gesamtheit,