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Jüdische Rundschau · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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t . <\ . t I , ■ . . . ,, No. 30. Jüdische ftund&cliau• Seite 311. Schrift auf Seite 200 und 201 der Nr. 26 (Jahrg. 1840) abgedruckt ist. Der Schrcihcr, der die Lage Kuropa's im Jahre 1840 beobachtet, musste annehmen, dass das Ende der Türkei gekommen sei, und mit diesem Faktor rechnen. Das Türkische Reich bat nun freilich seine Erwartungen glücklicherweise gründlich getäuscht, denn es hat eine Lebenskraft bewiesen, die eine Qcwähr dafür ist, dass es noch recht lange fortexistieren wird. Im letzten Winkel seines Herzens hegt auch tatsächlich der Verfasser der Zuschrift die geheime Hoffnung, dass die Türkei forte.vistieren möge, wenn er die Erwartung ausspricht, ,.der Sultan in Stambui werde sich überzeugen lassen, dass es für ihn vorteilhafter wäre, der Schutzherr eines friedlichen und reichen Volkes zu sein.“ Wir sparen unsere weiteren Beincr• kungen auf für den Schluss und geben die genannte Zuschrift irn Wortlaut: Konstanz a. Rhein, 11. Juni. Zum vierten Male wird soeben das Säkularfest der Presse geleiert, das grösste und bedeutsamste Fest im Reiche des Geistes, aber noch bedeutsamer für Israel, wenn die Stimme der Wahrheit, die Worte der Anregung und Belehrung weithin au das zerstreute jüdische Volk erschallen darf, ungehemmt durch Parteisucht, und ungehindert von den eigenwilligen Führern der öffentlichen Organe. Kein Volk der Erde hat die Wohltat der Presse so nötig, als Israel, das von Pol zu Pol hin verstreute und versprengte, dessen Dasein und religiöse Gemeinschaft nur durch die Raum und Zeit verlachende Presse erhalten werden kann. Vertrauend auf die Unparteilichkeit des Orients, des trefflichsten und gediegensten Organs des Judentums, ersuche ich die Redaktion ergebenst, folgende Herzcnsergiessung eines Juden an seine Brüder, bei Gelegenheit der jüdischen Biutirage, aufnehmen zu wollen. Entströmt aus einem, für das Wohl unserer Brüder tiefgefühlten Herzen, werden die begeisterten, geflügelten Worte vielleicht in manchem Herzen ein Echo finden, wenig* stens hier und da manches Gemüt anregen; der, wenn auch nicht viel doch weit verbreitete Orient möge als einziges unparteiisches Blatt des Judentums, dessen Leiter keiner besonderen Partei angchört, meinen Worten einen Platz in seinen Spalten gönnen. ״Der Tag des Herrn wird erscheinen, nicht ewig ruhet sein Zorn auf dem unglücklichen Geschlechte Abrahams! Jahrhunderte hindurch führte er uns durch die Wüste der Entbehrung, des Jammers; aber die Prüfung gehl zu Ende! Schon schimmert der Tag der Erlösung aus dem Osten, aus dem Lande unserer Väter, dessen Verlust wir mit blutigen Tränen beweinen. — Unser Erbteil, durch das völkervertilgende Schwert der Römer 1ms entrissen, verheert und verödet durch die Sturmfluten der Araber, Seldschucken, Mongolen und Osmanen, harret seiner rechtlichen Besitzer, um sich aus dem Zustande des Nichts zu der Höhe zu schwingen, welche David, der Herrscher In Jerusalem und Damaskus ihm einst verliehen hatte. Jetzt oder nie! — Das türkische Reich fällt in Trümmer, die slavischen Provinzen des Nordens haben ihre eigene Regicrung geschaffen; Griechenland hat sich losgerissen, die Wallachen zählen die Tage bis zu ihrer völligen Unabhängigkeit. — Die Araber, durch M^hemed Ali’s gewaltigen Szepter geleitet, haben vor unseren Augen dem sinkenden Throne Osmans de׳•! letzten Stoss versetzt, keine Macht der Erde ־wird dessen völligen Einsturz verhindern. Schon lodert die Flamme der Zwietracht im Herzen des Reichs, in Adrianopel und Smyrna stehen sich Christen und Türken kampfgerüstet gegenüber — will Israel allein die Hände in den Schooss legen?! — Die Ereignisse im Orient sind der Finger des Herrn; dort eröffnet sich uns eine Wirksamkeit, dort wird sich unser Schicksal entscheiden! Oder, wozu anders hätten wir, mitten unter den nordischeti sprach- und stammfremden Völkern so manches Jahrhundert hindurch bis auf den heutigen lag unsere heimatliehen Sitten und Gebräuche, unsere Sprache und Religion so unverzagt gegen alle Stürme gewahrt, als um durch eine ärm- Iic?he Emanzipation angelockt. In ein Nichts aufzugehen? Aus Erbarmen, oder habsüchtiger Spekulation wirft man uns nach unendlichem Petitionieren einige auf allen Seiten beschnittene Vergünstigungeil zu. Wer ist's am Ende, dessen Gnade wir solch magere Gaben zu verdanken haben? dem Volke, das nie anders, als mit höhnischem Auge uns als Nachbarn duldet? — Beim Volke und seinen Wortführern sind wir heute noch ebenso angefeindet, a’s irgend einmal. Sehet in die Staaten, wo das demokratische Element das Ucbergewicht hat; Hass und Ver• achtung, aber kein Wohlwollen! — Als Fremdlinge werdet» wir geduldet, nirgends gesucht, nirgends geliebt. Die Verschiedenheit des semitisch-südlichen Urstainmes von den .blonden Abkömmlingcii des Nordens ist zu unvertitgbar in Körper und Seele gezeichnet, als dass je eine Ausgleichung möglich wäre. Wir sind keine Deutschen, keine Slaven, auch nicht Welsche oder Griechen, wir sind die Kinder Israels, Stammverwandte der Araber, welche ihre ruhmbedeckten Waffen vom Kaukasus bis 21» die Säulen Herkules getragen. — Das Gastrecht bei fremden Völkern in Anspruch zu nehmen, zwang uns unsäglichcs Unglück, aber nicht ewig sollten wir, unter ihre Flisse getreten, des heiligen Namens — Vaterland — entbehren. Wir hätten ein Vaterland, das Erbe unserer Väter, schöner, fruchtbarer, den» Verkehr wohlgelegener, als manche der gepriesensteu Striche des Erdboden. Umgeben vom Schluchtenreichen Taurus, den lieblichen Gestaden des Euphrats, den Hochsteppen Arabiens und des felsigen Sinai, zieht sich unser Stammland längs des Mittelländischen Meeres hin, bekränzt von den turmhohen Ccdcrn des Libanon, dem hundert kleine Flüsse und Bäche entquellen, Fruchtbarkeit über die schattigen Talgründe. Wohlhabenheit über die genügsamen Bewohnet verbreitend. Ein herrliches Land! Am tiefsten Busen des Meers, das drei Weltteile verbindet; — über das schon die Phönizier, unsere Brüder, ihre zahlreichen Flotten bis an die Gestade Albions und die reichen Küsten der Litthauer sandten; nahe dem Roten sowohl als dem Persischen Meere, den ewige״» Bahnen des Weltverkehrs; auf dem Wege von Persien, Indien, an’s Kaspische und Schwarze Meer, das Zentralhandelsland s vischen Orient und Occidemt. Jedes Land hat seine Eigentümlichkeit, jedes Volk seine ihm innewohnende Natur. Syrien und die es umgebenden weiten Flächen, einem geregelten Ackerbau ungünstig, sind ein Land des Durchzugs, der Vermittlung, der Handcikarawaneh. Kein Volk der Erde hat seinem Berufe vom ersten Entstehen an so treu gelebt, als wir; wir sind ein Handelsvolk, geboren für das Land, wo wenig Nahrung nötig, diese dem nüchternen Bewohner fast freiwillig von der Natur geliefert wird, nicht aber die schwerscholligen Fluren des rauhen Nordens. In keinem Lande der Erde sind unsere Brüder so zahlreich, als in Syrien, in keinem leben sie als geschlossene Masse so unabhängig von den Umwohnern, in keinem bewahren sie so treu den Glauben an die Verheissung der Väter, als an den schonen Ufern des Orontes. In Damaskus allein wohnen an 60 000. Der Araber hat seine Sprache und sein Stammland behauptet; am Nil, In den Wüsten bis zum Sinai, und Jenseits des Jordans weidet er seine Herda». Auf det» Hochebenen Kleinasiens hat sich der Turkotnane ein zweites Vaterland erfochten, das Stammland der Osmanen; aber• Syrien mit Palästina sind ledig. Seit Jahrhunderten das Schlachtfeld zwischen den Söhnen des Altai und der arabischen Wüste, den zur See heranwogenden Abendländern und dem halbnomadisehen Perser, hat noch keines sich darin festzusetzen und seine ׳ * rufrecht zu erhalten gewusst: es gibt kein Volk, das den Namen ״Syrer“ in Anspruch nehmen könnte. Ein chaotisches Gemisch aller Stämme und Zungen, Ucberbleibsel der Wanderungen aus Nord und Süd, stören sich im Besitz des herrlichen Landes, worin unsere Väter so manches Jahrhundert den Becher der Freude und des Jammers geleert, w0׳ Jede Scholle mit dem Blute unserer Helden getränkt ist, wo Ihre I Leiber unter den Trümmern von Jerusalem begraben liegen.

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