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Jüdische Rundschau · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 310. Jüdische H 11nclsol1a.il• No. 30. Knaben dem ״Bassarabetz‘* in Kischinew sowie der ״Deutsehen Tageszeitung" und andern ähnlichen Bcrliner Blattern zu der Ausstreuung Anlass gab, dass die Juden 'den Knaben zu rituellen Zwecken ermordet hatten. Dieses Märchen vom Blutmord war alsdann einer der Faktoren, die den Anreiz zu den scheusslichcn Juden- ' metzeleien in Kisshinew geboten haben. Wie wir erfahren, hat der Mörder fitzt die Tat eingestanden. »Im eisernen Ofen“ wollen die russischen Juden nicht bleiben und nur ganz gefühllose und rohe Patrone könnten ihnen das verdenken. So sind in Zürich, als Vorläufer einer grösseren Plüchtlingstruppe Juden aus Kischinew ciugctroffcn, die aussagen, die geheime Agitation unter der russischen Bevölkerung nehme derart zu, dass in kurzer Zeit neue Unruhen zu erwarten seien. Die anscheinend mit Geldmitteln vcrschcnc.1 Flüchtlinge wollen sich in Genf nicdcrlassen. Auch wir sind darüber unterrichtet, dass sich die Zustände in Kischinew nicht gebessert, sondern nur verschlimmert haben. Mit dem Antisemitsmus In der Kölner Turncrschaft beschäftigt sich ein Eingesandt in der Kölner Israelitischen Ge* meindezeitung, das zeigt, wie ungern die Assimilation von ihrem Optimismus lässt: "Ein Vorfall, der so recht geeignet ist, davon Zeugnis abzulcgcn, wie weit der antisemitische Geist auch in die Kreise der Studierenden der hiesigen Handelshochschule chgedrungen ist, hat sich dieser Tage ereignet. Der allgemeine studentische Turncrvcrband, der satzungsgemäss keine Juden auinimmt. hat beschlossen, die hiesigen Mitglieder des an der Hochschule bestehenden Turvercins aufzuuehntcu■ Damit scheiden vo>. selbst die jüdischen Turner aus. die zudem noch alle Mitbegründer des Turnvereins an der Kölner Handelshochschule sind. Ein bedenkliches und verwerfliches Zeichen unserer Zeit, zumal wenn man bedenkt, dass weder Hansca noch Ubia. die beiden farberitragenden Verbindungen an der hiesigen Handelshochschule Juden aufnchnien. So hat man ihnen also auch an der Stätte, wo ein freier kaufmännischer Geist herrschen sollte, den Zugang völlig versperrt." Jedenfalls ist das wieder ein Beweis, wie notwendig eine kräftige jüdisch-nationale Turnbewegung ist. Dass in Kischinew jetzt Alles wieder in Ordnung Ist, möchte man die deutschen Juden gern glauben machen und sie in ihr Schläfchen wieder cinlullcn: Wie sich das ״Berliner Tageblatt" berichten lässt, hat der neue Gouverneur von Bessarabien, Fürst S. D. Urussow, bei seinem Eintreffen in Kischinew eine jüdische Deputation unter der Leitung von Dr. Mutschnik empfangen und ihr auf das Bestimmteste versichert, er würde alle Massnahmen treffen, um die gestörten Beziehungen wieder zu regulieren. Er bat die der Deputation angehörenden Juden, offen mit Ihm zu reden und ihm in seiner Aufgabe zu helfen. Dasselbe sagte Fürst Urussow einer Cbputation jüdischer Aerzte. Als der Gouverneur dem Dr. Mutscbnik und dem Rechtsanwalt Königschanz. den Leitern der Deputatoin, am nächsten Tage ihren Besuch erwiderte, machte dieses ii den Annalen der Geschichte Kischincws nie dagewescuc Ereignis einen tiefen und beruhigenden Eindruck auf die ganze städtische und namentlich die jüdische Bevölkerung, welche darin den Beweis einer Gleichstellung der verschiedene^ Bcvölkcrungsschichten unter dem neuen Gouverneur erblickte. — Gleichzeitig liegt die Meldung vor, dass die Landpolizei des Kreises Kischinew dafür Sorge tragen soll, dass die nach dem Blutbad aus Kischinew aufs Land geflohenen Juden wieder in die Stadt zurückkehren, weil nicht die geringste Gefahr für sic mehr vorliege. — Diese Darstellung des ״Berliner Tageblatts“ ist nach den Meldungen jüdischer Zcitungd! in Russland dahin zu verstehen, dass die Landpolizei die entflohenen Juden in den Dörfern aufgreift und sie mit unerhörter Grausamkeit ״in den eisernen Ofen" nach Kischinew zurücktransportiert. Dass man jüdische Kinder vergiften wollte und zum Teil vergiftete, wird gleichzeitig aus verschiedenen Orten der von christlichen Europäern bewohnten Kulturländer gemeldet. Audi aus Saloniki kommen solche Nachrichten. Dort bemächtigte sich eine rasch umsichgrcifende Panik der jüdischen Einwohner- Schaft, als bekannt wurde, dass in einer jüdischen Schule einige Vergiftungen vorgekommen waren, die man den revolutionären Bulgaren zuschricb. Die Schulkinder hatten in dem Schulhofe Zuckcrwcrk gefunden, das sic rasch unter sieh verteilten und verzehrten. Es zeigten sich bald Vergiftuugserscheinungcn. Erbrechen usw. Auch der Lehrer hatte von dem Zuckerzeug genossen und erkrankte. Es verbreitete sich im Nu die Nachriebt, dass einige Sterbefüllc vorgekomme•1 waren, und die aufgeregten Eltern hatten nichts eiligeres zu tun. als in die Schulen zu lauten, um die Kinder von den Bänken herab nach Hause zu bringen. Hierbei kam es zu vielfachen Kundgebungen, die Polizei batte sich in Bewegung gesetzt und die Schulen mussteil geschlossen werden. Es ist nun allerdings nichts ungewölmliebes, wenn oft nichtige Ereignisse i‘1 Saloniki das ganze äugstliehe jüdische Volk in Bewegung setzen. Die Giftaiiärc ist noch nicht aufgeklärt. Man hält cs indessen nicht fiir ausgeschlossen, dass die gegen die Juden infolge der treuen Haltung zu den Türken aufgebrachten Bulgaren nun eine•! niederträchtigen Rache gedaüke:! zur Ausführung bringen, um zugleich die aufs höchste gereizten mohammedanischen Elemente zu böswilligen Ausschreitungen zu bewegen. Zwei sehr interessante Inserate brachten im Abstande vor! acht Tagen die M״sseschcn Blätter. Wir geben ihnen auch ohne Kommentar gern weitere Verbreitung: I. Alle Juden, welche die Sozialdemokratie als das schlimmste Uebcl im Staate betrachten, welche den politischen Radikalismus der Juden für verderblich halten und wieder Fühlung mit den nationalen Parteien suchen, wie zu Laskcrs Zeiten, werden geheten. ihre Adresse zur Bildung einer Vereinigung mederailcgen unter ״Deutsches Vaterland“ bei dem Anuouccnbureau von A. Stollberg, Berlin N.O. 18, Kleine Frankiurtcrstr. 24. II. Judo in geachteter sozialer Stell, von einer Vereinigung D c 111 s c h ־ n a t i o n a - l e r (antisozialdemokrat.) Juden als führende Persönlichkeit ges. Meldung unter E. 5 Annoncenbureau. Kleine Frankiurtcrstr. 24. ft Eine Diskussion zur Judcnfrago?£יגו dem Jahre 1840. Man darf nicht glauben, dass die jüdisch-nationale Beweguug von heute ״der gestern datiert. Wer die jüdischen Zeit- Schriften von Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts durchsucht, wird immer um! immer wieder überall zerstreut die Keime finden, aus denen die heutige Bewegung erwachsen ist. Die Blutlüge von Damaskus, welche zu Mitte des Jahres 1840 all•: Gemüter in dauernde Erregung hielt, bot zwar nicht den Grund, wohl aber den äusseren Anlass, dass ein Jude aus Konstanz am Rhein unter der Chiffre D. V. H. an die Redaktion des ״Orient" folgende Zuschrift richtete, die in genannter Zeit-

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