Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 29. Jttdische Rundschau ‘ Seite 297. (fic Wage ,fallen; denn noch sind wir nicht so weit, uns den Luxus einer Wissenschaft zu leisten, die nur um ihrer seihst willen existiert und schafft; sie muss vielmehr in enger Fühlung mit dem Volke stehn und ,imstande sein, einen erhebenden und stärkenden Einfluss auszuüben — ■kurz die jüdische Wissen* Schaft muss heute tendenziös sein, aber tendenziös nui in diesem Sinne. Denn der schlimmste Feind ist in unserem eigenen Lager, es ist die Gleichgiltigkeit und Unkenntnis derjenigen, die sich daran gewöhnt haben, ihr Volk mit den Augen seiner Gegner anzuschauen; sic müssen das Judentum, seine Vergangenheit und seine Gegenwart erst kennen lernen,, und zu dieser erzieherischen Aufgabe ist nur die Wissen- Schaft fähig, die vom Leben des Judentums spricht, nicht jene, die sich in wcltcntlcgcnc Winkel flüchtet. Im Sinne einer lebendigen Entwicklung innerhalb des Judentums wäre cs daher dringend zu wünschen, dass die Gesellschaft diese Gedanken zu den ihrigen macht und sich so den Einfluss auf das Wachstum des jüdischen Geistes in Deutschland sichert, den sie verdient. Der jetzige Augenblick ist zweifellos sehr günstig; denn die Tatsache, dass in kurzer Zeit ohne erhebliche Werbetätigkeit eine Jahresbeitragssummc von 9000 Mk. zusatnmcngcknmnicu ist, beweist das steigende Interesse fiir jüdische Wissensebait. Diese Summe wird sich zweifelsohne schnell vermehren, wenn erst weitere Kreise von der Einsicht durchdrungen sein werden, dass cs sich hier um eine Frage handelt, die alle angcht und nicht bloss einige wenige Gelehrte. Werden aber die vorhandenen Geldmittel für Zwecke verpufft, die der ,Aligemcinheit keinen Nutzen bringen, dann wird das Interesse bald erlahmen, und bei der bekannten Gemächlichkeit der deutschen Juden in jüdischen Dingen dürften erst wieder Jahre vergehen, ehe sich das jetzt Versäumte nachholen Hesse. Darum ist es nicht nur wünschenswert, dass den beteiligten Kroisen diese Einsicht überhaupt, sondern, dass;sie auch recht bald käme: dann wird ihnen die Genugtuung zu teil werden, dass die Gründung der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissen- Schaft des Judentums“ ein Werk darstcllt, das für die Ent- Wicklung des Judentums in Deutschland von hervorragender Bedeutung sein wird. Der Anlass der bisherigen Betrachtungen hat für uns Zionisten noch eine besondere Bedeutung. Er drängt uns die Frage auf, wie es möglich ist, dass in massgebende 1 Kreisen noch eine solche Rückständigkeit herrschen kann, trotzdem uns doch die Gegenwart eine Erstarkung des Stannnesbcwusstseins und eine lebensvollere Auffassung des Judentums wiedergegeben hat. trotzdem der Zionismus seit nunmehr sechs Jahren immer wachsende Kreise zieht. Dabei springt es ins Auge, dass die Begründung der Gesellschaft seihst nur ein Produkt dieser Rcgcncrationsbcwegung ist, denn ohne sic würde wcd׳.r der Gedanke einer Belebung der Wissenschaft aufgetaucht noch seine beifällige Aufnahme in weiteren Kreisen möglich gewesen sein; und doch müssen wir hier vollständig den frischen pfauch des jungen Geistes vermissen, der jene durchdringt und beseelt Spüren wir den Ursachen dieses Wddcrspruclts nach, so stossen wir auf eine merkwürdige Tatsache, die uns zu denken gibt. Unter den Männern, welche die Gesellschaft ins Leben gerufen haben und für sie tätig sind, finden wir nicht einen Zionisten — es mutet beinahe wie Ironie an: als der mächtigste Hebel des Regenerationsgedankens wirkt der. Zionismus indirekt auch als Urheber unseres Vereins und die Zionisteil selbst verweigern die Mitarbeit. Diese Erscheinung ist kein Zufall, noch steht sie vereinzelt da. Wir linden cs vielmehr nahezu als Regel, dass Zionisten sich von allen jüdischen Bestrebungen fernhalten, die nicht einen ausgesprochen zionistischen Charakter tragen. Diese Gleichgiltigkeit ist eben so sehr de:s Ausfluss eines Skeptizismus, dem jegliche Tätigkeit ausserhalb des Zionismus als ziel- und wirkungsloserscheint, wie einer gewissen Selbstüberschätzung, die oft aus dem Kraftgefühl und der Zuversicht einer jungen Bewegung zu entspringen pflegt. Beide sind ebenso schädlich wie unbegründet, denn sic verleiten zu Untätigkeit und Zufriedenheit, den schlimmsten Hemmnissen eines wirklichen Fortschritts. Was ist überhaupt unsere Aufgabe unter den deutschen Juden? Eine Erziehung in lebendigem Jüdischen Oeiste, welche uns «He verloren gegangene Einheit und Geschlossenheit des Wesens, die nur im jüdischen Volkstum wurzeln kann, wieder verleiht und uns so fähig macht, den Anforderungen eines künftigen nationaien Gemeinwesens zu genügen. Wenn es auch unmöglich ist, dieses Ziel schon hier in den alten Verhältnissen zu erreichen, po müssen wir doch unverzüglich ans Werk gehen und uns nicht darauf vertrösten, dass die Verpflanzung in unsere Heimat schon ohne weiteres Volijuden aus uns machen wird. Denn wir sind von dieser Reife noch weit entfernt, die Folgen des Assimilatkmsgcistes eines Jahrhunderts, der Einfluss der deutschen Kultur und Umgebung sind viel zu stark, als dass die notwendige Umbildung anders als in einem langen Zeitraume allmählich vor sich gehen könnte. Darin liegt ia gerade der natürliche Unterschied zwischen den Aufgaben des Zionismus Im Osten und Westen, der nicht vertuscht und verkleistert zu werden braucht, so wenig es auch, zulässig ist, dass zwischen den östlichen und westlichen Zionisten selbst Scheidewände erichtct werden: jenen fehlt zur Oesundung das Land, uns das Judentum. So liegt für den Zionismus in Deutschland die wichtigste Arbeit in der Gegenwart; diese ist aber nicht anders möglich, als wenn wir jede Gelegenheit benutzen, die uns eine Ein- Wirkung in unserem Sinne erlaubt. Jede Tätigkeit, jede Be- Strebung, die irgendwie für das Judentum oder Juden wirkt, ist ihrem innersten Kern nach zionistisch und erheischt unsere Mitarbeit. Wie soll denn sonst eine Beeinflussung möglich sein, wenn wir uns immer In unsern Schmollwinkel zurückziehen? Wir dürfen nicht darauf warten, dass unsere Brüder von selbst zu uns kommen, sondern wir müssen sie autsuchen. und am besten da, wo sic sich schon regen. Bereits auf einem der ersten Kongresse hat Herz! die Losung angegeben: ״Eroberung der Gemeinden.“ Wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir gestehen, dass wir in Deutschland seither aut dem Wege, den unser Führer uns gewiesen hat, recht wenig vor- \.ärtegcschritten sind. Gewiss habet» wir den Versuch ge- .nacht. Er musste aber ohne Eriolg bleibe•.!, da wir in die Veri.etungen eher als in die Gemeinden eindringen wollten. Die Verkehrtheit unseres Beginnens hat uns zum Beispiel das Ergebnis der Wahl zur Berliner Repräscntantcnvcrsanimlung bewiesen, und die Wiederholung im nächsten Jahre wird nicht anders ausfailcn. Schöne Reden und Programme tun cs nicht, denn wenn die Wähler von uns verlangen werden ״Beweist aus eurer bisherigen Tätigkeit, dass ihr eure sozialen und kuiturellcn Forderungen wirklich vertreten werdet“, so müssten wir schweigen. Denn um auf eigene Faust eine grössere Wirkeamkeit zu entfalten, die auch weiteren Kreisen sichtbar wird, sind wir nicht stark genug; und von der Beteiligung ait Arbeiten, die von anderer Seite ausgehen, halten wir uns bis jetzt zurück. Hier muss der Hebel eingesetzt werden, unser Gruudatz muss lauten: ״Nichts Jüdisches sei uns fremd!“ A11 Arbeitemöglichkeit fehlt cs nicht, dank den» regeren Innenleben, das sich jetzt in der deutschen Judenheit geltend macht. Wohl mag manche der vorhandenen •Bestrebungen sich in kleinlichen Formen äussem, oder in verkehrtem Fahrwasscr sich bewegen; da liegt es aber gerade in unserer Hand, einen frischen Zug hrncinzubringcn, von Irrwegen abzulenken, und so wertvolle Kräfte grossen Aufgaben zuzuführen.- Und sind nicht die meisten dieser Bestrebungen den unseren verwandt, gewissermässen Kinder eines Geistes. Ich nenne die ״Vereine für jüdische Geschichte und Literatur“, die schon jetzt eine stattliche Macht bilden und, hi richtigem Geiste gcleitet, eine bedeutsam erziehliche Rolle spielen können. Dass sie auch zu grösseren Aufgaben gewillt sind, beweist der letzte Verbandstag, wo weiter vorausschauende Beschlüsse über Fortbildungskurse, Förderung der populären Literatur, Schaffung eines Geschichtewerkes u. a. gefasst wurden. Was für diese Vereine gilt, gilt für alle Bildungsvereine de! ver-