Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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No. 29, Seite 296. #־ «TUdlesolie Rundschau. h den verschiedenen Ländern ein unerschöpfliches Feld; zwar Ist hier viel Stoff schon aufgchäuft, aber in Monographien und Zeitschriften derart verstreut, dass eine Ucbersicht sehr schwierig wird, und db ebenso charakteristische wie bcschämende Tatsache, dass das einzige Werk, welches eine Zusammenfassung des ganzen Gebietes versucht, von einem Nichtluden, R. Andröc, stammt — daher auch seine Mängel —־, ist wohl nicht dem Zufall zuzuschrcibcn. In den letzten Jahren hat sich die ״Gesellschaft für jüdische Volkskunde“ ri Hamburg um diesen Zweig der Wissenschaft verdient gemacht, ihre Wirksamkeit wird aber gerade jetzt durch den Fortgang ihres Oründers und Leiters, M. Grunwald, möglicherweise in Frage gestellt. Das Bestreben dieses Vereins, wie verwandter, in Frankfurt und Wien, die Ucbcrrcstc der Vergangenheit, faisbesondere künstlerischer Natur, zu sammeln und zu bewahren, ist um so notwendiger, als die nivellierende Jctzzcit in dieser Beziehung bei uns Juden verheerender als snistwo gewirkt bat. Im Zusammenhang mit den biotischen Verhältnissen stehen die wirtschaftlichen Fragen der Beschäftigung. Wohnungszuständc. Beschränkungen etc., deren genaue Kenntnis, auch von realem Standpunkte betrachtet, immer wichtiger wird, ic mehr die Lebenshaltung der jüdischen Massen im Osten und auch schon im Westen zuriiekgeht; das Studium der KrankheitsvcrhäUnissc und die Kriminalistik schlossen sich an. Hier wie vorher wären Studie! »reisen, namentlich von volkswirtschaftlich geschulten Leuten, anzuregen und zu unterstützen. Bei der allgemeinen Unkenntnis, welche über alle diese fundamentalen Fragen in den weitesten Kreisen herrscht, ist es freudig zu begrüssen. dass der ,.Verein für jüdische Statistik“ unter der verdienstvollen Acgidc A. Nossig's das schwierige Werk unternommen hat, in der Sammlung des gesamten einschlägigen ״Materials, vor allem des zahlcnmässigen, eine unanfechtbare, systematische Grundlage für jede weitere wissenschaftliche und praktische Arbeit freiwillige Kräfte eifrig an der Sammeltätigkeit, auch grössere Institutionen wirken in anerkennenswerter Weise durch Beiträge mit, so dass der erste Band der ״Jüdischen Statistik“ bald zu erwarten ist, trotzdem ist eine viel kräftigere Unterstützung nötig, um die wertvolle Arbeit naci» Gebühr zu fördern. In ein bedeutungsvolles Stadium ist heutzutage die Kolonisationsfrage d»gctreten, und doch fehlt cs nahezu an jeglicher Wissenschaftlicher Vorbereitung und Untersuchung der Kulturfälligkeit, der wirtschaftlichen Aussichten, der technischen Möglichkeiten derjenigen Länder, in denen Ansiedlungcn entweder ausgeführt oder geplant sind. So haben alle Kulturvölker an der Frforschling Palästinas mitgearbeitet, nur wir Juden haben auf selbst ein Haschischesser war. Fs scheint, dass der König das Laster von den Amatckitcru gelernt, seine Verbreitung unter dem Volk Israel aber strengstens unterdrückt hatte. Dadurch wird im weiteren Verlauf jener Frzähiung auch der Umstand erklärt, dass Saul und Jonathan bei dem auf das Verbrechen des letzteren folgenden Gericht gemeinsam durch das Los getroffen wurden. Fs ist auch schwerlich anzunchmen. dass der Ungehorsam Sauls, der wider das Gebot des Propheten die besiegten Amalekiter und ihre Herde geschont hatte, der Anlass zu seiner Verdammung geworden sein sollte. Der eigentliche Grund wird vielmehr in seiner Hingabe an das Haschisqhlaster zu suchen sein. Die Juden hatten sich — und darin bestand ein grosser Teil ihrer Uchcrlcgcnhcit — von den Lastern ferngehalten, deren Folgen die umwohnenden Völker zu Grunde richteten. Daher musste der Prophet Samuel die Finschlepptm ׳ des Haschisch und seinen Gebrauch durch den König selbst aufs Schärfste verfolgen, um das Volk vor' diesem Gift zu retten. Der Siegeslauf, den Jonathan, nachdem er von jenem ..Honig“ genossen, gegen die Philister ausführte, war vermutlieh eine Art von Amoklauf, wie er bei gewissen indischen und malayischen Völkern noch jetzt unter dem Finfluss berauschender Mittel und in einem eigentlichen Wahnsinnszustand vorkommt, wobei alles dem Laufenden in den Weg Tretende vernichtet bezw. getötet wird."- Eigentlich hätten wir diesen Bericht besser in unserer LustTgcn Fckc wiedergegeben. diesem Gebiete nichts geleistet, und doch sollte es selbst einem deutschen Rabbiner nicht so schwer fallen, für Palästina, das Land unserer Vergangenheit — und hoffentlich auch unserer Zukunft, — Interesse zu erübrigen. Krst in neuester Zeit wird von mehreren Seiten, so vom ״Verein für wirtschaftliche Frsclicssung Palästinas“, eine Aendcrung angestrebt. Mögen nun vielleicht manche dieser Zweige der Wissen- Schaft unseren Gelehrten, die meistens philologisch und litorarisch vorgebildct sind, fernerliegen, so gibt cs doch auf Ihrem eigensten Felde ein überaus anziehendes Gebiet, das nur von wenigen nach Verdienst gewürdigt wird, ich meine die neuere jüdische Literatur. Der Genius der hebräischen Sprache ist seit mehreren Jahrzehnten wiedererw׳acht und hat ihr solche Schwungkraft verliehen, dass sie ein neues, reiches Leben erlangt und eine eigenartige Literatur hervorgebracht hat, die in einzelnen Werken eine hohe künstlerische Stufe erreicht. Dass sich trotzdem das Ncuhebräischc bei uns allgemeiner Unbckanmhcit erfreut, kann nicht wundernehnien, wenn sogar ein Berliner Rabbiner jüngst öffentlich erklären konnte, dass ihm diese Literatur ganz unbekannt sek Noch schlimmer ergel»t es der verkanntesten aller Sprachen, der jiidiscli-dciitsehen, gemeinhin ״Jargon" genannt. Am meisten wurde sie grade durch diejenigen Juden diskreditiert, die sie selbst noch als Umgangssprache benutzt hatten, aber, durch einen Wohnungswechsel plötzlich germanisiert, sich bemühten, sie durch ein uni so schlechteres Deutsch zu ersetzen. Frst jetzt beginnt ganz langsam eine gerechtere Würdigung des Jüdisehen einzusetzen, das die Sprache der Mehrzahl unseres Volkes ist und nichts mit den! .,Mauscheln“ gemein hat. Derjenige, der sich die Mühe gibt liebevoll in sic ciuzudrhigca. wird über Frwartea belohnt durch den Reichtum und die Innigkeit, die in ihr verborgen liegen, wie nur in irgend einem Volksdiakkt und sich auch in seiner Literatur kundgeben, die tiefe Finblicke in die jüdische Seele gewährt. Das verdienstvolle Werk, uns durch Uebersetzungen aus dem Hebräischen und Jüdischen in diese uns leider noch so fremde Welt cizuführen, steckt erst in den Anfängen. Ebenso wie der jüdischen Sprache selbst, ergeht es ihrer wissenschädlichen Behandlung, die gerade uns deutsch sprechende Juden ausserordentlich locken müsste; während früher nur die ältere, fast ausschliesslich religiöse Literatur und ihre Sprache vereinzelt behandelt wurde, hat die neue erst vor kurzem in J. Gerzon zürn erstenmal einen Bearbeiter gefunden. Doch genug; zwar Hesse sich die Reihe' der Beispiele noch ohne Zwang vermehren, doeli dürften die angeführten ausreichen, um den Beweis zu erbringen, dass cs auch ausserhalb der von der Gesellschaft gezogenen Grenzen noch ein weites Feld der Betätigung gibt, ein Feld, auf dem obendrein die gewünschte Arbeit nicht erst an den Haaren herbengezoge!» zu werden braucht, sondern schon Jetzt mit Freuden geleistet wird, und der nur das Fine fehlt, was unser Verein gerade zu bieten imstande ist. die ausreichenden Mittel. Nun körnte vielleicht van gelehrter Seite der Finwand erhoben werden, dass der eine oder andere der angeführten Gegenstände nicht genügend wissenschaftlichen Charakter trüge, um »n das Arbeitsgebiet der Gesellschaft hineinzugeliören. Selbst wenn dies berechtigt wäre — cs bleibe dahingestellt — ,würde eine solche Inkonsequenz nicht eben ins Gewicht fallen könne״, da sic auch von jenen Herren begangen wird - - ich brauche nur auf das Beispiel der ״Apfnogetik“ zuriiekzuverweisen. Und wenn schon auch andere, als rein wissenschaftliche Gesichtspunkte gelten dürfen, glaube Ich, dass cs tausendmal wichtiger ist. einem der Unseren einen ungetrübten Einblick (1 die Lage seines Volkes zu ermöglichen, ihm die ungeheure Not darzustellen, welche die meisten scüicr Brüder niederdrüekt, und dagegen wiederum die innere Schönheit und Kraft zu enthüllen, die trotz alledem noch das Judentum durchstrahlt und belebt, ab einen Gegner davon zu überzeugen suchen, dass wir Juden doch nicht so schlechte Menschen seien. Die Forderungen des Lebens müssen gerade jetzt auch für unsere Wissenschaft in