Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 292. I «JUdi&elic* Hundschau. No. 29. t Ländern einzutreten. Diese Frage bildet schliesslich 1 ebenso einen Teil des Gegenwartsprogramnies, wie die ׳ sittliche, soziale und wirtschaftliche Hebung des j Jüdischen Volkes. Voraussetzung für die Entscheidung I dieser Frage dürfte jedoch ein umfassender und eingehender Bericht des Aktionskomitees sein, welche Aussichten sich in dieser Beziehung bieten. Diplomatische Rücksichten dürfen nicht dazu verleiten den ganzen Komplex dieser Fragen in tiefes Dunkel zu hüllen. Man j erwartet vielmehr, allenthalben in den Kreisen unserer Anhänger die Mitteilung aller hierüber gepflogenen Korrespondenzen, soweit dies der diplomatische Gebrauch! zulässt und keine Schädigung schwebender Verhandln!!-! gen hiervon zu befürchten ist. Vielleicht cntschlicsst sich! dast Aktionskomitee ein kleines Blaubuch zur Orienticj rung über diese Frage dem Kongress vorzulegen. Ausser I diesen Fragen werden gewiss noch eine Fülle von An- | trägen und Anregungen dem Kongress unterbreitet wers den. Es ist aber nicht daran zu zweifeln, dass dieser Kongress gründlicher vorbereifet, und darum in der Lage sein wird, mehr positive Arbeit zu leisten als seine I Vorgänger. Sache der Delegierten wird es sein, das vor- 1 gelegte Material zu bearbeiten und die Sache des jt'ij dischen• Volkes einen grosen Schritt seinem Ziele näher i zu bringen. Der Schrecken der Ereignisse von Kischi- \ new wird wie ein blutiges Wahrzeichen über dem Kongresse schweben und den Entschluss bei unseren Briidem stärken, unter allen Umständen mit vereinigten Kräften an der Schaffung einer Heimat für unsere unglücklichen Volksgenossen zu arbeiten. Die Schatten von Kischlnew. Von E I i j a 11 u. Wenn irgendwo ein Stein ins Wasser gewoiicn wird, so gclien die Wellen immer noch in weitere Kreise, auch wenn es im Mittelpunkt, der di& Bewegung auslöst., ruhiger geworden ist Heute ist Kischincw, auf das wir wochenlang mit fieberhafter Spannung unser Auge richteten, aus dem Zentrum des Gesichtskreises herausgerückt, an seine Stelle ist die grosse Judenfragc getreten, die von neuern — ach. zum wievielten Male? — in ihrer ganzen Furchtbarkeit und Trostlosigkeit aufgerollt wordcu ist. Dass mit dem Morden und seinem Aufhören, oder mit dem lügnerischen offiziellen Berichte der russischen Regierung die Tragödie nicht zu Ende war, musste auch der blindeste Optimist sehen. Vor allem lag von Tag zu Tag die Gefahr vor, dass an irgend einer Ecke Russlands ein zweites Kischincw erstünde, ln Kiew, in Tiraspol, in Petersburg,?.1 Odessa, in Nowogorodse• wersk und anderswo rührte cs sich gegen die Juden, und übercinstimmend wurde von allen diesen Orten her berichtet, dass das Volk sich zu den Judenmassacres von der Regierung her berechtigt glaubt. Hier und da wurde im voraus ein bestimmter Tag für das fromme Werk angesetzt. Der Vergleich mit Hamans Zeit lag nahe genug; aber wenn eine jüdische Zeitung — im sicheren Deutschland natürlich grade in dieser schwersten Zeit der Not den Vergleich dahin richtete, dass man sicher erwarten könne, die jüdische Glaubensgemeinschaft werde wie aus allen Gefahren, so auch aus diesen ungescliüdigt und triumphierend hervorgehen, so ist für eine solche leichtsinnige Zuversicht die Sachlage denn doch zu ernst. Die W irkung der Ereignisse auf die russische Judenhcit Ist oatiirgemäss eine gewaltige, aber doch verschiedenartige. Hiei Angst und namenlose Bestürzung, dort Schritte zu beherzte»• Gegenwehr, nur an einer Stelle ist es weiter gekommen. In Lodz haben jüdische Arbeiterdemonstrationeii stattgcfuiidc'i. Wenn man den Berichten glauben darf, so durchzogen einige Tausend jüdischer Arbeiter mit mehreren roten Fahnen die Stadt, um gegen die Behandlung der russischen Juden zu demonstrieren. Bei der Ruhestiftung durch Polizei und Gendarmerie sind dann mehrere Juden getötet, viele schwer verwundet worden. Wir sind die letzten, die dem Juden das spärliche Recht einer Demonstration absprechen wollten, aber e i n Moment muss jedem warm jüdisch Empfindenden schwere Bedenken erregen. Haben diese jüdischen Handwerker und -.Arbeiter als Juden oder als Sozialisten demonstriert? Wir fürchten, dass hier, wie so oft, die Juden durch falsche Agitation aus ihren eigenen Reihen verleitet, das letzte heile Fleckchen ihrer?.erschundenen Haut zu Markte getragen haben, nicht um für sich, sondern für den Sozialismus die Kastanien aus dem Feuer zu Itolevi, das andern Händen zu heiss ist. W ieder einige Tote - dahin führt die sclbstverneinende Politik des jüdischen Sozialismus in Russland. Trotzdem wissen wir, dass es Heuchelei ist, wenn der Minister des Innern als Grund fiii die Bedrückung der Juden I ihre revolutionären Neigungen angibt; cs liegt hier vielmehr Feuilleton JTt r% Kulturelle Streifzüge im jüdischen Orient. (Nachdruck verboten.) IV. In PI1ö!1ikie11. Der kleine neue Hafen von Beirut, der uns aufgenommen hat, stellt nur einen geringen Teil der breiten Georgsbai dar. Vor uns liegt die grosse Handelsstadt, auf deren Rlicedc sieh viele Barken und Schiffe schaukeln. Doch ehe wir landen können, vergeht einige Zeit. Denn andere Schiffe, welche Gäste und Begleitung des Deutschen Kaisers tragen, haben die meisten Landungsboote in Anspruch genommen. An• fangs betrachten wir die von allen Seiten an der Küste emporsteigenden Höhen mit ihren grünen Pinien. Dann aber wird uns die Langeweile in anmutiger Weise verkürzt. Auf dem kleinen Boote zwischen unserem Schiffe und einem naheliegenden Segler sitzen zwei schöne braune Knaben. Als sie bemerken, dass wir nach ihnen schauen, schlagen sie uns ein Geschäft vor, das mit panischem Witz und Geschäftsgeist ersonnen ist. Sie machen sielt anheischig, im, Wasser schwimtuend türkische Geldmiinzen antznfischcn, die wir ins Wasser würfen. Was sie fangen würden, gehöre ihnen, was dagegen ihrer Schnelligkeit entginge, bliebe unser. Ich gehe auf das Geschält ein. Der jüngere etwa neunjährige Knabe springt darauf ins Meer mit den Kleidern, die er dann bis auf eine kurze Unterhose auszieht und seinem älteren Kameraden im Kahne reicht. ״Jdllalt!“ (״Nun los!‘) Ich nehme also ein Mctallik, eine dünne Silbernüinze, die gewöhnt ist, aus Scham über ihre ausserordentliche Dünne und ihren hohen Kupfergelialt bescheiden zu erröten, und werfe sie hinab. Er fängt sie auf und reicht sie seinem Kameraden im Kahn. Einige Male weiss er auch das Stück, das nur langsam untersiukt, tauchend auizufischen. Einmal taucht er aber