Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ich bin vielmehr der Auffassung, dass der Kongress sich über die Hauptpunkte In Kürze schliissig werden kann, um einige andere für die Entwickelung unserer Bewegung überaus bedeutungsvolle F'ragcn zn besprechen. Zunächst wird es notwendig sein, das Organisationsstatut einer Nachprüfung zu un* terzichcn, und auf Grund der gemachten Erfahrungen, dasselbe abzuändern oder zu ergänzen. Es ist zu erwarten, dass das Aktionskomitee eine Vorlage über diesen Gegenstand dem Kongress unterbreiten wird, dessen Durchberatung eine weitere Aufgabe des Kongresses bildet. Von hervorragender Bedeutung wird jedoch die Erörterung einer Fraktionierung der zionistischen Bewegung sein. Seit dem ersten Kongress haben sich die Zionisten der einzelnen Länder gemäss ihrer Organisation aueli auf dem Kongress als Landsmannschaften konstituiert. Die wichtigen Vorlagen werden in den Landsmannschaftssitzungen vorberaten. Die Organisation der einzelnen Landsmannschaften wurde zentralisiert in dem Permanenzausscluiss des Kongresses, in welchen die einzelnen Landsmannschaften nach der Zahl ihrer organisierten Mitglieder ihre Vertreter entsandten. Diese Organisation erscheint als eine Notwendigkeit, wenn man bedenkt, dass die Vielsprachigkeit und Mannigfaltigkeit der Lebensanschauung der Delegierten aus den verschiedenen Ländern sonst eine Verständigung überaus erschweren w'iirde. Schon der Umstand, dass die meisten Mitglieder der russischen Landsmannschaft nur die russische oder jüdische Sprache vollkommen beherrschen, und auch die englische, polnische und deutsehe Landsmannschaft sich am besten In ihrer Mutterspräche verständigt, lässt diese Ordnung als die natürliebste und zwcckmässigstc erscheinen. Auf dem letzten Kongress tauchte nun zum erstenmale eine sogenannte ״Demokratisch - zionistische Fraktion“ auf, welche noch ohne festes Programm sich aus den verschiedenen Lailidsmannschaften rekrutierte. י*>ח peinlichen Auftritte, welche dies zur Folge hatte, sind bekannt. Die Fraktion hat mittlerweile ihr Programm veröffentlicht und ilir Gegenstück in einer von dem Rahbincr Reines in Lyda geleiteten orthodoxen Fraktion ״Misrachi“ gefunden. Der Kongress wird nun zu entscheiden haben, ob cs bei der gegenwärtigen Organisation sein Bewenden haben soll und der Kongress lediglieh das von der Gemeinschaft aller Zionisten proklaniiertc Programm bis zur Erreichung des zionistischen Zieles als verbindlich anerkennen will, oder ob derselbe zum Tummelplatz der Parteileidenschaftcn aller Ströinungen innerhalb des modernen Judentums gemacht werden soll. An dieser Stelle liegt es mir fern, hierüber meine Meinung zu äussern, cs unterliegt aber keinem Zw eifel, dass diese Frage leidenschaftliche Debatten hervorrufen wird und es eine wichtige Aufgabe aller kühl und nüchtern denkenden Delegierter sein wird, das Für und Wider dieser Frage mit Ruhe und Besonnenheit abzuwägen, da die Entscheidung derselben eine Lebensfrage iür das Jüdische Volk sein kann. Von geringerer Bedeutung dürfte eine Frage sein, welche von jugendlieh stürmischen Littcratcn mit grosser Energie und einem an sich sehr löblichen Eifer als die wichtigste der ganzen zionistischen Bewegung hingcstellt zu werden pflegt: nämlich die sogenannte K u 111! r f r a g c. Viele strebsame Kräfte unter den Jungen unserer an und für sich jugendlichen Bewegung halten die Schaffung einer neuen jüdischen Kultur für noch w ichtiger als die der Erw erbung eines Charters für das jüdische Land. Dabei herrscht über die Form und den Inhalt dieser ״jüdischen Kultur“ 111 den beteiligten Kreisen noch die grösste Unklarheit• und Verwirrung. Den kreisenden Pol in der Flucht dieser Erscheinungen bildet die Schaffung einer jüdischen Hoclisehulc. An allen diesen Bestrebungen wäre gewiss nichts auszusetzen, wenn nicht von den Freunden derselben die Forderung gestellt würde, dass die zionistische Bcwegung durch Kongressbeschluss dieselben sanktionieren und in ihr Programm aufnelnnen möge. Die Entschcidüng dieser Frage dürfte kaum prinzipieller Natur sein, sondern lediglich von Zweckmässigkeitsgründen abhängen. Jedenfalls bedarf auch diese Frage einer reiflichen Prüfung. In letzter Linie taucht vor dem Kongress die in privaten Zirkeln schon vielfach erörterte Frage auf: w׳eiche Stellung der Zionismus zu praktischen Kolon i s a t; o n s p r 0 j e k t e n zu nehme;; bat. Der Kongress wird sich darüber schlüssig zu machen haben, ob das Aktionskomitee ermächtigt werden soll, unbeschadet des zionistischen Zieles, so lange dieses noch nicht erreicht werden kann, in Verhandlungen über Schaffung jüdischer Kolonieen in anderen, Palästina benachbarten,