Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 274, Jttdische Rundschau No. 27. seien. Die Vereine!eisten Vorzügliches. Was Qeiger aus seiner Inspektion berichte, das melde heute Oberlehrer Schäfer aus Steglitz. In dem Versuche, die Subventionen für die Synagoge״- vereine nach Massgabc der von den Mitgliedern dieser Vereine gezahlten Gemeindesteuer fcstzusctzen, läge die offene Absicht, den armen Vereinen nichts zu gebet», während man die doch notorisch reiche Rcformgcmeindc mit mehr als 20 000 Mk. Jährlich unterstütze. Das sei das System: ״Ihr zahlt nichts, also bekommt ihr nichts!“ ״Dazu gehört ein Hochmut, für den mir das Verständnis fehlt.“ In der Frage der Schulbibliotheken habe der Vorstand des Synagogenverbandes, Lewinski, namhaft gemacht, was für Bücher er meint. Geiger sei zwar ein ausgezeichneter Schulinspizicnt. aber er solle einmal bedeckten Hauptes in die Kirche gehd». (Hier unterbricht der Vorsitzende Locwenbcrg die Rede Blumenthals auf längere Zeit, indem er in einem laut geführten Privatgespräch Prof. Geiger und Genossen vom schön verlaufenen Stiftungsfest des Vereins ״Adass Jeschurun“ erzählt. Erst nach wiederholten vergeblichen Versuchen gelingt cs B1 u m e n t h a 1. fortfahren zu können:) Wie wolle man die 5S00 Synagogenplätzc der Vcrcinssynagogen von Gemeindewegen besorgen, wie für die 12!>n Jn den Vercinsschulen unterrichteten Kinder genügenden Religionsunterricht beschälten? Und das sei gesetzliche Pflicht der Gemeinde. Emanucl Sachs bemängelt Geigers Handlungsweise als Schulinspizient als unpädagogiscli und Aaron Hirsch wiederholt das noch einmal. Louis Sachs, derselbe Liberale, der in der letzten Repräscntantenversammlung den ausländischen Juden gegenüber einen so entschieden deutsch-nationalen Standpunkt vertreten hatte, schlug sich naturgemäss auf Geigers Seite. Das seien Vorwürfe, die gegen die Gemeinde sich richteten, dagegen solle sich der Vorstand wenden. Diese kleinen Vereine haben überhaupt keinen Wert, und sie verfolgen ganz andere Zwecke, als sic angeben. Kollege Baginsk.v, ״Sic kennen ja diese Nebenzwecke". (Baginsky: ״Nein.") ״Der Zusammcuschluss dieser Vereine (B a g i n s k y : ״Sprechen Sie sich doch aus: Was für Nebenzwecke dieser Vereine kenne Ich, ich möchte cs doch hören. Heraus mit der Sprache!*‘) ״Ich will mich darüber nicht aussprechdi und ich bedaurc nur, dass diese Angelegenheit hier zur Sprache gebracht worden ist.“ Geiger: Er bedaurc nicht, dass diese Sache hier zur Sprache gekommen sei. Er habe nicht alle Vereine in ihrer Tätigkeit verdammt, er habe einige Vereine ausgenommen. Blumenthal erwidert, er habe von diesen Ausnahmen nichts gehört. Welche Nebenzwecke Louis Sachs gemeint habe, soll er sagen. Das sei eine Unterstellung. Bagfnsky erklärt, er wisse wahrhaftig nichts von Nebenzwecken und liest die Statuten des Vereins ״Adass Jeschurun‘* vor. Da handele es sich um Religionsunterricht, Gottesdienst, um Beistand in Krankhcits- und Stcrbcfüllcn. Was etwa einzelne Leute für Nebenzwecke haben könnten, sei nicht zu erörtern, so wenig wie die Nebenzwecke, die einzelne Leute im Vorstand oder unter den Repräsentanten mit ihrer Stellung etwa verbänden. Er wolle aber etwas bestimmtes hören. Der Schulinspektor hat tatsächlich die Pflicht, auf die religiösen Anschauungen der Kinder einige Anstandsrficksichtcn zu nehmen. Blaschkc sagt, er sei ein simpler Lehrer, kein Inspektor. Geiger, der nicht gemeint sei, habe ausdrücklich den Schulleiter befragt. Welcher Schulinspizicnt sei gemeint? Zum Punkte I sei ein A'.itrag in der Oeffentlichkcit besprochen worden, der nur dem Vorstände und der Subventionskommission bekannt sein konnte: denn der Antrag sei unter strengster Diskretion der Subventionskommission übergeben worden. Seit l1-־ Jahren träten die Vereine ganz anders prätentiös auf, als das früher der Fall war. Wo seien die Beschwerden? Statt dessen ver« lange man! Wie kommt cs, dass diese Dinge vom Grunde des Meeres, wo sic ruhten, auf die Oberfläche kommen? Wo seien sic denn seit 30 Jahren gewesen? ßlumcuthal erwidert, er habe seiner Zeit in einer Interpellation an den Vorstand den Namen des Schulinspizientcn genannt. Bis vor I1-־ Jahren hätten die Vereine nicht gewagt, ihr Recht zu wahren. Abc: wie gebandelt würde, das führe zun» Antisemitismus und zu; Taufe. Genügt es nicht, dass man aus dem Gebetbuch alle Stellen von der Anserwähltheit des Volkes gestrichen habe? Geiger erklärt, gegen den Verein ״Adass Jeschurun“ habe er nicht er» Wort gesprochen. ״Ich kenne ihn absolut nicht, aber ich stimme dagegen!“ Martin Simon erklärt, der Vorstand habe noch keine Stellung genommen; er wolle nur gegen Blumenthals Worte sprechen. Es müsse dem Taktge/iihl jedes einzelnen Inspizienten überlassen bleiben, w •0 er handeln wolle. Anderskonfessionelle Bücher auszusclieiden, sei unmöglich. Die Schule solle das jüdische Bewusstsein stärken, nicht verwirren. Alle Sympathien habe er für dieRciigiousverciuc, deren Begehrlichkeit man aber nicht dadurch stärken solle, dass man von ״Lottcrci“ in der Gemeinde spräche, wie das geschelten. Andere Anschauungen waren es. nicht Lotterei, was in der Gemeinde geherrscht, wenn auch viele dieser An• schauungcn bedauerlich seien. Ferner erklärt Lachmann (vom Vorstand), dass cs sich um ein Lesebuch der Mädchendu, wenn du den. Trieb hast, auch ohne mich, Leonliard!“ . . . ״So könntest du mich nicht lieben?“ versetzte er bitter. ״Nein,“ erklang cs ohne Zögern zurück, ״und auch nicht das nötige Vertrauen besüsse ich, um mein Schicksal ganz an das deine zu fesseln. Was hast du getan, um mir wirklich nahe zu kommen? Aber du glaubtst, du brauchst nur zu begehren, weil dein Reichtum dir zur Seite ist." Er wollte amfahren, bezw ang sich aber, und es w^ar ein schmerzlicher Klang in seiner Stimme, als er nun sagte: ״Gut, ich werde gehen! Der Zeitpunkt ist nun da, wo ich dir lästig bin!“.Nicht so, Leonhard, icli bitte dich, zürne mir .nicht!“ . . . ״Ich will deine Freundschaft nicht,“ rief er nun doch heftig. ״Ich werde fortgehen, soweit es eben angeht, damit ich nicht versucht werde, zurückzukehren. Ich will versuchen, dich zu vergessen, wie du cs verlangst!“ . . . Sie trat ihm einen Schritt näher und legte leicht die Hand auf seinen Arm: ״Gut, so gehe! Prüfe dich, und wenn du wiederkehrst, will ich glauben, dass es keine Laune, dass es wirkliche Zuneigung ist!“ . ... Sie reichte ihm die Hand, die er einen Moment fest In der seinen hielt. . . . Dann war er gegangen. . . . Leonhard traf alle ן Vorbereitungen, die, wenn inan eine weite Reise antreten 1 will, unerlässlich sind. Mindestens ein Jahr gedachte er fortzublcihen, und so übertrug er seinem Prokuristen alle die Obliegenheiten, die sonst der Chef selbst erledigte. Es hicss in seinen Bekanntenkreisen, er wolle geschältliehe Verbindungen in fernen Ländern anknüpfen . . . Nach einigen Wochen sandte er Marianne von der Reise aus einen langen Brief. Es war ein lebendiger Bericht der Eindrücke, die er draussen empfangen, eine intcressante Schilderung von Land und Leuten, und sie erfreute sich an diesen farbenreichen Bildern, die sie formlieh überraschten, so tiefer Beobachtung hatte sic ihn kaum fähig gehalten! Zum Schlüsse bat er sie, falls sie eine freie Stunde opfern wolle, sich einmal in seinem Hause umzuscheu. Auch mögen sie seine beiden kleinen Schützlinge nicht vergessen, die seine regelmässigen Besuche wohl vermissen würden! . . . Marianne freute sich seiner Fürsorge für die Kleinen. Es waren zwei vaterlose Waisen, denen auch noch unlängst die Mutter entrissen wurde. Sic selbst hatte ihn auf den Gedanken gebracht, den armen Kleinen eine neue Heimat zu geben, und auf ihren Rat w aren sie in einer kinderlosen Familie imtergebrucht worden, wo sie sich prächtig entwickclten. . . . Gewissenhaft kam sic seinen Wünschen nach, dann hörte sie lange nichts mehr von ihm. ... Da, I eins Morgens, ganz unerwartet., traf er Marianne in üuciu