Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651315--00487-2657280
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 257. JUdisclio Ä11»d13el1a,11. che sich die Diskussion über den N.-F. auf dem Kongresse bewegen wird; die Festsetzung aller übrigen Detailfragen im Sinne des zionistischen Programms und des Beschlusses über die Gründung des N.-F. vom fünften Kongress werden zweckmässig aus der Diskussion ausgeschieden und der Festsetzung durch die Nationalfondkonunission überlassen. (Ein zweiter Artikel folgt.) . Mission und kein Ende. Man pflegt sonst selten in der grossen Ocffcntlichkeit über Kanzelpredigtcn und deren Wirkungen zu reden. Es geschieht dies zum Teile deshalb, weil sich die ״andächtigen Zuhörer“ begreiflicherweise gewöhnt haben, bei den Predigten nichts zu denken; zum Teile jedoch, weil die Gemeinden in ihrer Assimilationswut, die Rabbiner als Paradestück des Gemeindeinventars betrachten, die nicht im Volke zu wurzeln und dem lebendigen Judentum zu dienen haben. Nicht die Willigkeit, die Gesinnung wird gesucht; der Schönredner, der Komödiant ist das wichtigste. Das zionistische Judentum ist die Partei, der die Wah rlieit über alles geht, der es zuiällt und die sich nicht scheut, alles Schlechte und Verrottete im Judentum zu bekämpfen. Der Zionismus ermangelt zur Zeit, dieser Institution die nötige Aufmerksamkeit zu widmen; er würde gut tun, es in der Folge anders zu machen. — Es hat dem Herrn Rabbiner Dr. Maybaum gefallen, uns am vergangenen Samstag wieder mit einem Speech heimzusuchen, ln formvollendeter Weise sucht er* uns ein Judentum einzupauken, das angeblich eine Mission unter den Völkern zu erfüllen hätte, wir Juden haben - den Völkern, den Monotheismus gegeben und so die Basis für alle menschliche Kultur geschaffen item brauchen wir, trotz aller Verfolgungen, trotz aller Leiden, nicht zu verzagen. Wir vertrauen auf Gott und felsenfest ist unser Glaube au den endlichen Sieg des allgemeinen Menschheitsgedankens, wo dann uns unser Recht werden wird. Dies der Tenor seiner Predigt, ähnlich die Resonanz aller Predigten. ... Wie einen Faustschlag ins Antlitz musste jeder ehr- Hohe Jude solches Reden empfinden; es klang wie ein Hohn auf die jüngsten Ereignisse von Kischinew, die uns wie eine Blutspur Tag und Nacht folgt. In der Tat, es gehört ein eigenartiger Mut dazu, am offenen Grabe einer Massenabschla'chtung unserer Brüder von einer Mission des Judentums oder der Juden zu predigen. Worin soll eigentlich diese Mission bestehen! Was haben wir in der Gegenwart zu tun, um dieser Mission gerecht zu werden? Wem soll sie nützen, uns oder den Völkern? Liegt vielleicht die Mission darin, Massenmorden an unseren Brüdern ruhig zuzusehen, oder bestenfalls es ruhig hinzunehmen, als Menschen zweiter Ordnung betrachtet und behandelt zu werden, um auf diese Weise irgendwelche Suporiorität zu dokumentieren oder die uns zugemutetc Inferiorität unserer Rasse abzuwehren? Es ist wahrlich ein Unsinn, in dem keine Methode steckt. — Natürlich wollte der Herr Rabbiner auch diesmal cs sich zum Schlüsse nicht nehmen lassen, dem Nationaljudentum, — ohne freilich offen das Kind beim Namen zu nennen —, einen Scitcnhieb zu versetzen und bedauerte die goldene Jugend, die falschen Idealen nachhängt und die besten Kräfte vergeudet, anstatt sie in den Dienst der Kultur zu stellen. Nun, wir können es dem Herrn Rabbiner naclifiihlcn, der zwar erst auf deutschem Boden sein deutsches Herz entdeckte und auch aichen Hess; dass er trotz aller Ereignisse, trotz Polna, Xanten und Könitz von dieser Kultur, welche uns nicht an erkennen will und uns keine Gerechtigkeit widerfahren lässt, nicht leichten Herzens lassen kann. Gibt’s doch viele Achnlichkciten in unserer Geschichte. Die Jaden waren immer das Volk des extremsten Optimismus, und Arthur Schopenhauer hasste die Juden, weil er deren Optimismus gar nicht begreifen konnte. Immer und überall kämpften sie für fremde Ideale, in allen Freikenskämpfen floss jüdisches Blut; ehrlich und tapfer bewährteil sie sich, stets in der Meinung, nun sei die Zeit gekommen, wo auch ihnen ihr Recht werden wird. Sie wurden stets enttäuscht und erhielten nur den üblichen Fusstritt. Die Konsequenz dieser historischen Wahrheiten konnte auch nicht ausblcibcii und so ist die Reaktion impulsiv in die Erscheinung getreten. Jung-Israel hat den Glauben an die Me 11 sch 11 cit verloren, und das ist das Geh ei m n i s unserer Re n a i s s a n c e s e 11 n su c h t. war ein Gelehrter gewesen, ein grosser, jüdischer Gelehrter. Die Leute waren stundenweit liergekommen, um ihn zu scheu und zu hören, sie nannten ihn den weisen ״Raw.“ Er sollte auch Bücher geschrieben haben über den Talmud, und er, Leonhard, erinnerte sich noch so deutlich, mit welcher Ehrfurcht er damals das alte Perträt dieses Mannes, das über dem Sofa gehangen, bctrachtete, den schmalen Kopf mit dem glatt gestrichenen Haar und den schwarzen, geistvollen Augen. Er hatte ja schon damals herausgefunden, dass die Tante und auch ihr kleines Mädchen dieselben sprechenden Augen be* sassen. Sonderbar, dass er beide so ganz aus den Augen verloren, dass erst der Tod, dieser garstige Geselle, diese Erinnerungen wachrief! . . . Seine Eltern waren rasch nacheinander gestorben, und sein Onkel hatte ihn bald nachher in einer Privatschule untergebracht, froh, der ganzen Sorge um den wilden Jungen auf diese Weise enthoben zu sein. . . . Einmal nur war er noch in das kleine Häuschen zurückgekehrt; fremde Leute hatten von ihm Besitz ergriffen, und er selber war später in der grossen Stadt, in welcher er nun lebte, gewaltig emporgekommen. Wohl hatte er flüchtig gehört, dass die Tante vor einigen Jahren auch hierher verzogen sei, niemals aber ein Lebenszeichen erhalten oder gegeben, er war so unendlich in Anspruch genommen. ... Nun, da die fettgedruckte Anzeige vor ihm lag, dünkte es ihm mehr als sonderbar, dass er nie daran gedacht, seine Verwandten aufzusuchen. Nachdenklich ging er an seinen Sekretär, um einen stilgerechten Kondolenzbrief aufzusetzen, aber dann schien ihm das doch zu fremd und kalt, es war doch immerhin die Tante gewesen, die da verstorben. So griff er zum Adressbuch und schlug nach. Wo sie wohl wohnen mochte? . . . Hier! . . . Witwe Max Sondhelm, Zollstrasse 7, zweite Etage. Er kannte die Strasse in diesem Viertel nur dem Namen nach, kam seiten in jene Gegend, dort im äussersteu Westen, ganz hinaus, . . . wo die letzten Mietskasernen stehen, in zum Teil noch ungcpflasterten Strassen, die wie Pilze aus der Erde wachsen und sich doch alle besiedeln. Zögernd nahm er Ueberrock und Hut ... Er ging nun zur Zoll- Strasse, ohne sich zu beeilen, ohne des trüben, nassen Wetters zu achten, und je näher er den! Hause kam, dessen zweiten Stock seine Verwandten bewohnten, desto mehr verlangsamten sich seine Schritte. Endlich hatte er es erreicht. Ein Riesenkasten von fünf Stockwerken, wo noch alles nach Tünche roch und ganze Fluchten leerstanden, mit unzähligen Fenstern und ohne jede Verzierung. Es fror ihn ordentlich, so kalt und unfreundlich sali es aus. Und hier sollte sie wohnen, die kleine Marianne, der wilde Bub mit der reichen Phantasie und dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.