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Jüdische Rundschau · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 256. «JUdlsehe R wadscliau. Nb. 26. diese Frage anbelangt, stehen sich zwei wichtige Gesichtsponktc gegenüber. Der eine, welcher vorwiegend von unseren russischen Freunden vertreten wird, gipfelt darin, dass der NationaHond sobald als irgend möglich zum Ankauf von Land in Syrien und Palästina verwendet werden soll. Es ist offensichtlich, dass dieser Gedanke dem Wunsch entspringt, anderen Bewerbern', um Land zu möglichst niedrigem Preise den Rang abzulaufen, da man annimmt, dass zur Zeit besonders günstige Gelegenheiten zum Landerwerb vorliegen. Auch ist man wohl der Meinung, dass der Besitz von Ländereien es dem Nationalfond ermöglichen würde, jetzt schon überschüssige Arbeitskräfte auf• diesen Territorien anzusiedeln. So wünschenswert beides wäre, besonders wenn man die unendlich traurige. Lage unserer Stammesgenossen im Osten Europas be> trachtet, sind diese Gründe dennoch nicht ohne weiteres stichhaltig. Erstens ist es ein anerkannter Grundsatz der Nationalökonomie, dass der Boden um so billiger erworben wird, je grösser das Territorium ist, um dessen Ankauf es sich handelt und je bedeutender das Kapital, weldies dem Liebhaber zur Verfügung steht. In zweiter Linie, wäre cs verkehrt, und würde den Prinzipien der Bewegung durchaus widerstreiten, die Ansiedelung verhältnismässig grosser Menschenmassen in Syrien und Palästina in Aussicht zu nehmen, che der ״Charter‘‘ erlangt ist. Dagegen ist e i n Grund iiir die Setzung einer Minimalgrenze entscheidend. Der Nationalfond bedarf nicht nur eines unentgeltlich arbeitenden Yerwaltungsrates, es wird vielmehr für denselben ein Apparat von besoldeten Beamten geschaffen werden müssen, welcher die fortlaufenden Geschäfte desselben erledigt. Ein Teil des Zinsertrages des Nationalfonds wird zur Deckung dieser Ausgaben verwandt werden müssen. Wenn die Kapitalien unmittelbar zu unproduktiven Landankäuien verwendet werden sollen, ist dies nicht möglich. Die Verwaltung wäre dann von unsicheren Einnahmequellen abhängig, und eine ordnungsmässige Geschäftsführung ausgeschlossen. Dagegen ist eine zuverlässige Einnahmequelle vorhanden, wenn ein angemessener Betrag zinsbringend angelegt werden muss. Die Grenze zu bestimmen, in welcher diese beiden Anschaumigen sich begegnen, ist gleichfalls die Aufgabe des Kongresses. Ein vierter Punkt ist die Frage der Zusammensetzung des Verwaltungsrates. Hierfür dürften 101־ gende Gesichtspunkte massgebend sein. Der Zweck des N.-F. ist Itn Statut fcstzulcgen und ist der Verwaltungsrat an diese Bestimmungen gebunden. Ein Einfluss der* zionistischen Gesamtorganisation darf sich aber nicht auf die Geschäftsführung im einzelnen geltend machen. Eine Einmischung in diese Geschäftsführung ׳während einer Verwaltutigsperiode muss völlig ausgeschlossen bleiben, wenn dieser Verwaltungsapparat nicht lediglich eine Marionette sein soll, deren Drähte in der Hand des Aktions- Komitees in Wien zusatnmcnlaufen. Sollte dies beabsiehtigt werden, so wäre cs am einfachsten, wenn der Kongress den Beschluss fasste, dass die jeweiligen Mitglieder des engeren Aktionskomitees zugleich den Verw altungsrat des Nationalfonds bilden. Auch wäre es eine überaus schädliche Störung für den Geschäftsgang, wenn der Verwaltungsrat in allen sehen Massnahmen und Rechtshandlungen von einer ausserhalb des Verwa!־ tungsapparates stehenden Körperschaft abhängig wäre. Der Verwaltungsrat könnte auch keine Yerantwortung für seine Massnahmen und Geschäfte übernehmen, wenn die Dnrchfiiiirnng derselben jeden Augenblick von dritter Seite durchkreuzt werden könnte. Dagegen muss der Einfluss der verschiedenen zionistisehen Faktoren iiir die Zusammensetzung des Verwaltungsrates in der Richtung massgebend sein, dass die Anhänger unserer Bewegung das unbedingte Vertrauen zu der Pflicht- und sachgcmässctt Erfüllung der Aufgaben des Verwaltungsrates haben können. Hierfür ist vor allem erforderlich, dass der überwiegende Einfluss, auf die Wahl der Mitglieder des Verwaltungsrates in den Kongress selbst verlegt wird. Da der Kongress jedoch eher geneigt sein w ird, das Hauptgewicht auf die Gesitinimgstücluigkeit der Mitglieder des Verwaltungsrates r.u legen, dürfte es sich empfehlen, behufs gründlicher Prüfung der Fähigkeiten der M. d. V. in geschäftlicher und fachmännischer Be- Ziehung auch dem engeren Aktionskomitee und dem Direktorium der Kolonialbank, welche voraussichtlich die Verwaltung der Gelder des N.-F. übernehmen wird, einigen Einfluss auf die Zusammensetzung des Verwaltungsrates zu gewähren. Der Kongress dürfte sich auch mit der Frage zu befassen haben, ob es zweckmässiger ist. eine vielköpfige Korporation aus verschiedenen Ländern oder einen kleineren Ausschuss zu konstituieren. Dies scheinen mir die Hauptfragen zu sein, um welniwPMMj .:jVrv. Feuilleton 41#;§££ 42# sxsc ׳ftsrJt.JV, M *.-־Vf 11 '׳ ii ״Reminiscenzen.“ Skizze von B. Leiser. (Nachdruck verboten.) Vor ihm lag der Brief mit breitem Trauerrand. Er sali nachdenklich darauf nieder, ohne eine klare Empfindung dessen, was ihn bewegte. Es war nicht Trauer, kein tiefes, schmerzliches Gefühl und dennoch — er emipand es mit Staunen, eine leise Wehmut hatte sich seiner bemächtigt und hinderte ihn am rechten Genuss des delikaten Frühstücks, da$ vor ihm auf dem Tisch stand . . . Ein Bild stieg vor ihm auf, . . . er sah cs wie in einem Rahmen,. . . zauberhaft deutlich und frisch, ein Märchen dünkte es ihm nun gleich denen, die er damals mit Andacht und Spannung vernommen . . . Zwei kleine, fast gleichartige Häuschen mit grünen Läden und einer machtigen Kastanie vor dem einen, die liebevoll — ziemlich gleichmässig — den Bewohnern rechts und links Schatten spendete ... Er sah sie in Sonnenglanz getaucht und dann wieder die Dachfirst dicht mit Schnee umhüllt. Ein kleines, schwarzlockiges Mädel, wild wie ein Bub, hauste in dem einen mit der Mutter, seiticr Tante, das andere hatten seine Eltern innc. Die Häuschen waren von den Grosscltern ererbt . . . Und er sah sich neben dem kleinen Mädchen auf der Ofenbank hocken ... es war Winter. Der Wind sauste um die Schornsteine und fegte den Schnee an Fenster und Türen vorüber, sie achteten dessen nicht. Das Mädchen hatte die Hände ineinandergelegt; mit offenem Miindchen, die grossen, schwarzen Augen träumerisch in die Höhe gerichtet, sass sic da, und er selbst, die Kniet: emporgezogen, förmlich zusammengeduckt vor Erregung, sah und hörte nichts anders, als die kleine, zierliche Frau, die am Fenster mit irgend einer Arbeit beschäftigt, ihnen so wundervolle Geschiehteben erzählte. Dfe meisten hatte sie Wohl aus sich selber •geschöpft. Aber dann und wann erzählte sie den atemlos Lauschenden von ihrem Urahn, Tantes Grossvater. Das

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