Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ko. 23. 8efto US. Jüdische Hundeohau. gefunden, sondern geradezu als Verhöhnung der Vorurteils- und, urteilslosen jüdischen Opferwilligkeit gewürdigt. »Besonders bemerkenswert aber ist eine Affäre, die sich erst vor wenigen Wochen abgespielt hat und bisher über einen kleinen Kreis nicht hinausgekommen ist. Zum ersten Mal fand hier ein Sanitätskolonnentag statt, an dessen Verbandlungen und Uebungen auch Juden lebhaft beteiligt waren; bei dem anschliessenden Bankett, an dem die Spitzen der Militär«, und Zivitbcliörden tcilnahmen, hielt auch der neue Ober- ( Präsident eine Ansprache, in der ״wiederholt der christlichen Liebe Erwähnung geschah. Darüber beschwert sich ein jüdisches Vorstandsmitglied der hiesigen Sanitätskolonnc tags* darauf beim Polizeipräsidenten, und dieser konnte sehr bald im Aufträge des Oberpräsidenten v. Waldow mitteilcn, dass er sich hei jener, so sehr geläufigen Phrase nichts weiter ge* dacht habe; eine Verletzung anwesender Juden habe ihm durchaus fern gelegen und er lege überhaupt das grösste Ciewicht auf die Mitarbeit der jüdischen Mitbürger. Man kann dieser selbstbewussten Entschlossenheit, die auch div־ Redensart von der christlichen Nächstenliebe nicht schweigend hinnimmt, seine Achtung nicht versagen, und cs war gewiss nicht unwichtig, dem obersten Beamten der Provinz gleich bei seinem Amtsantritt zu demonstrieren, dass die Juden sich’s hier nicht an der Selbstverleugnung genug sein lassen. Das Verdienst dieser Aktion gebührt einem Mann, der wohl als Vorstandsmitglied der Zentralvcreiüsfdiale gelernt hat, die Ohren steif zu halten, wo cs sich um Antastung unseres Selbstgefühls haudelt. Der Zentralvcrcin als solcher leistet hier im übrigen nicht mehr als anderswo; immerhin hält er steh wenigstens von deutschtfimclnder Prostitution fern. Lassen Sie mich nun noch vom jüdischen Turnverein berichten. Ihre Leser wissen wohl, mit welchen Widerständen wir hei der Gründung zu kämpfen hatten; erst nach zwei stürmischen Versammlungen war cs gelungen, gegen Angstmcicr und Mischmasch Politiker den jüdischen Charakter des Vereins statutarisch festzulegen. Freilich mussten wir uns zu mancherlei Konzessionen versieben, vor allem zu einem färblosen Verein,maincn und dam! zu jenem lächerlichen Pangraphen, welcher ausdrücklich ״alle politischen, sozialen, nationalen, insbesondere zionistischen und antizionistischen Be- Strebungen" aus dem Verein ausschlicsst. Wir fügten uns חי all dies, weil wir der Meinung waren, dass vom Gesichtspunkt der körperlichen Hebungsbestrebungen die Förderung des Turnens unter den Juden schlechthin, ohne alle Nebenabsichten Wir hatten öfters kleine Abendgesellschaften in einem jüdischen Gasthause, das durch Sauberkeit und gute Bedienung sich auszeichnete, und blieben meist in stundenlangem Gespräch beisammen. Da auch zwei portugiesische Juden aus Manchester an diesen Unterhaltungsabenden tcilnahmen, so wurde das Gespräch gewöhnlich in der uns allen verständlichen Sprache des biblischen Altertums geführt. Wie cs im einzelnen kam, weiss Ich nicht anzugeben, aber iin allgemeinen drehten sich die Unterhaltungen um die Frage des Zionismus. Obwohl ich nach Möglichkeit mich mit meinem Urteile zurückhielt, bekannten sich alle mit Ausnahme eines .einzigen Herrn als eifrige Anhänger des Zionismus, und zugleich als heissspornige Patrioten des osmanischen Reiches. Hut ein Einziger erachtete sich für genötigt den krassen Standpunkt weitgehendster Assimilation, natürlich ln französischem Sinne, zu befürworten. Es war das ein Lehrer der Allianceschule In Dardanelli, der sich einige Tage in Oalata aufhielt, um dann In seine neue Stellung nach Haifa am Karmel überzuskdeln. Ueber den Chacham-baschi war das allgemeine Urteil kein günstiges. Man rechnete ihn zuי den Protest- Rabbinern schlimmster Art, und sprach offen die Befürchtung aus, dass der furchtsame Mann, um jeden Vcr- und gleichviel unter welcher Flagge, eine wichtige Aufgabe sei, und־ trösteten uns überdies mit der Hoffnung, dass Jeder Jüdische Turnverein schon fetzt der Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls, der Stärkung von Geradsinnigkelt und Selbstbewusstsein oine Stätte bereitet und in weiterer Entwickelung nolens volens zu einem kraftvollen Instrument der nationalen Bcfreiung sich entfalten müsste. Nun, es scheint, dass wir uns nicht getäuscht haben Statt umständlicher Beweise möge hier ein Bericht über unsere letzte Turnfahrt folgen. Ihr Ziel war das ca. 8 km entfernte Gut Neuhof, das der ״Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den deutschen Juden" erworben hat, um dort jüdische junge Leute praktisch zu Landwirten heranzubilden und alsdann an Ort und Stelle anzusiedeln. Die Anregung, auf einer Tumfahrt diese neueste Schöpfung jüdisch:r Wohlfahrtshcstrchimgcn kennen zu lernen, war von dem Oeschäftsfiihrcr der BodenkulturgCÄcllschaft ergangen, der selbst Mitglied unserer Altc-Herren-Riegc ist. Trotz des wenig günstigen Wetters hatten sich an KO Vcreinsmitglieder um 3 Uhr am Sammelplatz eingefunden. Muntere Marschgesiingc und dis von unserer Trommler- und Pfciifer-Riege gebotene Marschmusik würzten und kürzten den reizlosen Weg und schufen eine wanderfrohe Stimmung, der auch wiederholte Regenschauer nichts anhaben konnten. Nach!1׳-*stündigem Marsch hielt die stattliche Turnerschar in Reih und Glied Einzug in den beflaggten und mit Ehrenpforten und Ginrlanden geschmückten Gutshof, jubelnd begrüsst von dem Guts verstand und den wettergebräunten Eleven. Die im Grünen aufgeschlagene, b!umcngcschnv"ckte Kaffeetafel, hot den hungrigen Wanderern reichliche Labung; liier wechselten der Geschausfüll rer der Bodenknlturgesellschaft u;.d der Vorsitzende des Turnvereins markige, mit stürmischem Beifall amVi-nomnieae Trinksprüchc. wobei sie übereinstimmend auf die gemeinsamen Ziele beider Vereine lünwiesen find zur treuen, };Ingeherden Arbeit für die körperliche Hebung ehr Juden auiforöerten. Unser Vorsitzender konnte niittcilen, dass der Turnverein korporativ und 20 seiner Mitglieder einzeln der Bodenkultur- Gesellschaft beigetreten seien. Dann folgte die Berechtigung des Gutes; Ackerland. Obst- und Gemüsegarten, Vichsiall und Gefiügelhof zeigten sich vohlbesielfi und gut erhallen, und man kann hoffen, schon in dieser Kampagne einen befriedigenden Nutzen aus dem Gut herauszuwirisebaften. Reges Leben und Treiben entwickelte sich alsdann auf dem Gutshof; Turnspiele wechselten mit heiteren Vorträgen, in der Scheune dacht, Zionist zu sein, abzulenken, im Divan falsche und unfreundliche Meinungen über die Zionisten verbreite. Mit Interesse erwartet man die Gründung und eine erste Aktion der Kolonialbank. Ich hätte gern die Meinung meiner dortigen Freunde über die Audienz gehört, die Se. Majestät der Deutsche Kaiser wenige Tage nach meiner Abreise dem Vorsitzenden des zionistischen Aktionskomitees im Palais beim Yildiz-Ktosk gewährte. Im allgemeinen kann man wohl sagen, dass die Juden in Konstantinopcl Zionisten sind, bei denen dieses Gefühl noch nicht in das Bewusstsein gedrungen ist. Wenn es erst einmal die Schwelle des Bewusstseins überschritten hat, und eine gute Organisation die Bewegung leitet, so werden Gafata und Pera Hauptstützen nationalen indischen Lebens sein. Ein guter Anfang ist schon da. Doch eilen wir zum Schiff, das uns nach südlicheren Gestaden führen soll. ״ ' ״. . - .*'וי. -