Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Nr. 24. Jüdische Rundschau. Seite 239. zur Folge hatte, dass die Zionisten Ellenbogen zuriefen: Meschummad, warum sprechen Sic und Adler nicht so? Nach dem Studenten L c z i n s k y, der die Unterdrückung seines ruthenischen Volkes durch den Zarismus beklagte, bekam der Zionist Nathan Gross das Wort, wurde aber von Beifalls- und Missfallskundgebungen beständig gestört. Er polentisierte vornehmlich gegen Ellenbogen: der Wink der russisehen Regierung hat das russische Volk, ohne Unterschied der Klasse, mordbcrcit gefunden gegen das jüdische Volk ohne Unterschied der Klasse. Die revolutionären jüdischen! Atbeiter, ein kleiner Bruchteil der jüdischen Arbeiterschaft, die! wieder nur 3 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkcrung Russlands ausmache, dürfe nicht die Verantwortung tragen, diese dem russischen Racheschwert auszutieferu und die Sozialdcmokraten des Auslandes nicht der Verantwortung, ihre russischjüdischen Genossen in Kampf und Tod zu h etzc n durch Ermunterungen, hinter denen keine wahre Milte stehe. Denn selbst in dem gefahrloseren Oesterreich scheuen die Sozial• demokraten den Namen einer Judenschut/.truppc. Pie jüdische Milte schade übrigens den Genossen indirekt durch Weckung anti• semitischer Instinkte mehr, als sie indirekt nütze. Und wenn schon die russische Konstitution erkämpft wäre, würde Kruschiwan Abgeordneter, wie Lueger und Herzog in Oesterreich, Ahlwardt in Deutschland etc. Die Juden sind müde, unbedankte Kammerknechte der Regierungen, aber auch solche fremder Freiheitsbewegungen zu sein, wie der Sozialdemokratie. Nur die eigene Heimat, der Zionismus, könne ihre Existenz und ihre Kultur retten. Nachdem noch ein .,deutscher“ Assimiiant unter allgetncinem Gelächter begeistert sein Deutschtum als Palliativmittcl gtgen alle künftigen Kischinew etc. sollte nach angenommenem Debatteschluss Ellenbogen das Schlusswort halten, doch musste er wegen des Tumultes und allseits sich entspinnenden Handgemenges davon abstehen und so wurde die denkwürdige Ver- Sammlung nach Mitternacht, ohne Annahme der geplanten revolutionären Resolution abgebrochen. Die Tagcsblätter haben natürlich das Eingreifen der Zionisten mehr oder minder wegretouchicrt oder doch entstellt. i Wiert, 8. Juni. Lcmberger Blätter erhielten heute nachmittags Meldungen über eine neue Judenlictze In Russland, deren Schauplatz gestern das Städtchen Bercsteczko, vier Meilen von Brody entfernt war. Anlässlich des Jahrmarktes kämen 20000 Bauern dahin und drohten, sie würden die Juden so wie ln Kischinew massakrieren. Unter den Juden entstand eine Panik, alle Läden wurden geschlossen und an den Gouverneur um Hilfe telegraphiert. Hunderte von Juden vcrliessen ßerestcczko und nächteten nach dem österreichischen Grenzort U z y n. Während des Burenkrieges war der irische Parlamentarier Michael Davltt wegen seiner Engländerfeiudschaft hochangcsehen bei der frommen ״Kreuzzeitung", wie bei der nationalen ״Tägligljco. Rundschau!‘.. Ob.^as jetzUnoch so bleiben wird? - Michael Davitt nämlich traf •am3. Juni aus Kischinew, wo er die Ursache und den Umfang der jüngsten Ausschreitungen gegen die Juden untersucht hat, in Berlin ein. Davitt ist auch dadurch allgemein bekannt, dass tr als Protest gegen Englands Ver'IValtctf im Buren kriege auf seinen׳ -Sitz im englischen Unterhausc —- er vertrat die Grafschaft Mayo.in Irland — verzichtete und nach Südafrika ging, wo er mit Botha, Dewet und Steün in nähere Beziehungen trat. In Kischinew hielt sich Davitt länger als eine Woche auf. Im Gespräche mit dem Berichterstattcr vom ״Tag“ über seine dortigen Erfahrungen erklärte er, dass die furchtbare Wirklichkeit der Orcucttatcu das, was selbst In der jüdischen Presse veröffentlicht worden Ist, weit in den Schatten stellt. Seine Angaben beruhen aui den Aussagen von Dutzenden von Augenzeugen der Mordtaten und Vergewaltigungen, auf Mitteilungen von Juden und Christen. Die grössten Schandtaten wurden von einer Bande von Ru- mänen und bulgarischen Räubern verübt, die, wie Davitt behauptet, von den Anstiftern der Unruhen eigens nach Kischinew gebracht worden waren. Der Zweck der Ausschreitungen war nach der. Meinung Davitts ~ ein politischer, die Greueltaten waren sorgfältig geplant und wurden verübt, um den Juden von Odessa bis Warschau Furcht cittzujagcn und sie wegen ihrer angeblichen Propaganda für den Sozialismus und wegen ihrer Feindschaft gegen Russland zu strafen. Das war das wirkliche Ziel derjenigen, welche sich des Rassenhasses, des Blutdurstes und der Habgier des Pöbels bedienten, um ihr Mütchen an den Juden zu kühlen. Viele Polizeibeamte von Kischinew waren in die Verschwörung cingcwciht. und die Führer des Pöbels waren junge Seminaristen. Nach Davitts Ueberzctigung ist der Minister dos Innern von Plchwe nicht ohne Schuld, da er. obgleich er ohne Zweifel von dem geplanten autijüdischen und antisozialistische.1 Aufruhr wusste. Kischinew in der». Händen eines so schwachen Gouverneurs, wie es General von Rauben war. b.liess und keine Gegenniassregeln traf. Ein Dutzend Kosacken hätte am ersten Tage den Unruhen ein Ende machen können. Dass weitere Unruhen in Kischinew bevorstehen, ist Davitts feste Ansicht. Die arme jüdische Bevölkerung der Stadt war. als er Kischinew ver־ licss, in furchtbarer Aufregung. Sie möchte gern dem Beispiele ihrer wohlhabenden Stammcsgcn.ossen iolgen und die Stadt verlassen, ist aber ohne alle Mittel und muss auf Monate hinaus unterstützt werden. Von dem Vize - Gouverneur Ustrogow haben die Juden keinen Schutz zu erwarten. Wie unwahr die Berichte sind, welche von der russischen Regierung über die Vorgänge in Kischinew verbreitet wurden, beweist folgende Tatsache: Bekanntlich wäre□ nach der amtliehen Darstellung die Unruhen in der erregten Bevölkerung dadurch zum Ausbruch gekommen, dass ein jüdischer Karussellbesitzer eine christliche Frau vom Karussell gestossen haben soll. Die Unwahrheit ergibt sich daraus, dass am ersten Osterfeitrtage die Benutzung der Karussells von der Polizei überhaupt verboten war. Man sieht, dass dk Fabel nicht inKischinew aufgekommen sein kann, wo man den Sachverhalt kannte, sondern in Petersburg ihren Ursprung haben muss. Wie das Hilfswerk In Kischinew geleitet wird, darüber Näheres zu erfahren, wird gewiss die Wohltäter interessieren, welche für Kischinew ihren Beitrag geleistet haben. Die Stadt ist zum Zwecke der Hilfeleistung in 24 Bezirke geteilt, von denen jeder einem Kurator unterstellt ist. Gesuche, welche an die Hilfskonimission gerichtet werden, werden dem Kurator des Bezirkes, in welchem Petent seinen Wohnsitz hat, zur Recherche überwiesen. Der Kurator des Bezirks bildet mit 3 Kuratoren anderer Bezirke eine Subkommission, w elche' auf Grund der Recherche Bericht zu erstatten, und Vorschläge zu machen hat. Diese Vorschläge gehen an eine zweite Kornmission, die zur Hälfte aus Kuratoren, zur anderen Hälfte aus angesehenen Bürgern besteht, welche Sachkenntnis haben, um verursachte Schäden zu schätzen etc. Diese zweite Kommission bestimmt, in welcher W'eise die Hilfe zu erfolgen hat, und welche Beträge hierfür auszusetzen sind. Der Beschluss dieser Kommission bedarf indessen noch der Genehmigung der schon früher in Kischinew in Tätigkeit gewesenen ständigen Konimission für Wohltutigkcitsangclegcnhcitcn, welche unter dem Vorsitz des Dr. M u t s c h n 1 k tätig ist. Jede der 46 Familien, denen der Ernährer geraubt worden ist, hat ihren Kurator. Es ist das eine . נזצוה , um die sich die angesehensten Mitglieder der Gemeinde eifrig beworben haben. Ein »esonderes Damenkomitee, welchem aus Russland Spenden an Kleidungsstücken zukommen, und w׳clchcm zur Ergätizung auch gewisse Beträge vom Hauptkomltec zur Verfügung gestellt sind, befasst sich mit der Verteilung dieser Kleidungsstücke und unterhält für Kinder ein Tagesasyl. Eine besondere Kommission besteht für die indirekt Leidenden (Fuhr• teilte, Handwerker etc.), welche durch das vollständige Darniederliegen von Handel und Verkehr in Bedrängnis geraten