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Jüdische Rundschau · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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'' ' » t&J, Am״״ '* kLcÜI ז Seite 238 TUdisolie Hiindschau.» _ _ .... . 1 . _ _ —. . — * - - — ־ ~..w : . k - - ־ . . ' . Nr. 24. Es gibt nur eine Erklärung für diese Geschichte, und die sollte man nicht so einfach ad acta legen. In dem ״gebildeten Westen“ ist .es nicht Brauch, dem Nebenmcnschcn Hilfe zu leisten. Sochc ״Wcrkheiligkeit“ ist etwas so Auffälliges, dass der barmherzige Samariter, zumal wenn er Jüdischen Stammes ist, in den merkwürdigsten Verdacht geraten kann. Das Zentralbureau der internationalen Sozialdemokratie in Brüssel halte die Parole ausgegeben: ״Entrüstung über Kischlnew“ und so mussten auch die Sozialisten von Wien in den bitteren Apicl beissen und sich angesichts ihrer antisemitischen Gegner für Juden entrüsten. Damit diese humane Entrüstung aber nicht zu judenknechtisch aussehe, fand irgend ein Piiifikus den Ausweg, Kischincw mit dem wenn auch nicht aktuellen, so doch gut christlich-arischen Finnland zu garnicreu. Und so tauchte in den Judciiblüttcrn eine verschämte Notiz auf: ״Mittwoch; d. 3. .(5., im Ronachcrsaal Versammlung über ״Finnland und Kischincw.“ Als erster Referent war D/. Ellenbogen angekündigt, der konfessionslose Abgeordnete der Lcopoldstadt. der krasse Assiniilant, der noch vor Wochenfrist im Parlament bei Beratung des Sonntagsruhegesetzes die, doch sicher gerechten Forderungen der jüdischen Kaufleutc Galiziens mit einem verächtlichen Achselzucken, abgeschüttclt hatte. Die Zionisten, welche schon darum Unrat rochen, waren in grosser Zahl erschienen, sie trafen auf andere Juden, Arbeiter waren nicht sichtbar. Ellenbogen legt zunächst ausführlich dar, dass das Kischinewer Massacrc keine gewöhnliche antisemitische Hetze, sondern von dem durch die allgemeine Revolutionsstimmung bedrängten Zarismus arrangiert war. ״Denn, wenn die Volkswut in keiner Weise zu besänftigen ist, dann öffnet man das Ventil gegen die Juden, denn Hetzen gegen diesen verachteten Volksstamm geniessen auch in zivilisierten Ländern viele Sympathien.“ Gleichzeitig sollte speziell die jüdische Proletarier-Bcwcgung getroffen werden. Schrieb doch der ״Bessarabetz“ nach vollbrachter Tat: ״Da,s war die Antwort auf die revolutionäre Bewegung der jüdischen Arbeiter" und wurde diesen doch in ganz Russland offen bedeutet, wenn Ihr den 1. Mai feiert, geht es gegen alle Juden, und wurde doch den jüdischen Soldaten von ihren Vorgesetzten bedeutet, vor der Revolution daheim zu warnen. Wenn auch reiche Juden fielen, so waren sic eigen:- lieh nicht gemeint. Die jüdische Bourgeoisie habe sich den Ihren als Proletariern des eigenen Volkes gegenüber schmählieh benommen, diese den zarischen Henkersknechten denunziert und ausgclicfcrt, so dass gerade durch das Leid die Gegensätze der Klassen verschärft wurden, wie ein angebliches Manifest ‘des Bundes in grösster Schärfe betont. Die jüdischen Proletarier sollen in ihren! heldenhaften Ringen trotz der feigen Tatenlosigkeit und Kriecherei der jüdischen Bourgeoisie aus־ harren, die Internationale bewundere sic und stehe helfend hinter ihnen, bis der Sieg errungen sei. — Ellenbogen wurde trotz seiner versteckten und offenen Provokationen gegen die Zionisten und trotzdem jedem wahren Juden das Herz bluten musste, wenn er sah, wie aus dem nationalen Unglück parteipolitisches Kapital geschlagen und gewaltsam Klassengcgen- Sätze herausgequält wurden, nur hier und da durch Zwischenrufe unterbrochen. Als zweiter sprach Pcrnerstorfcr über Finnland. Die planmässigc Entnationalisierung dieses tapferen Völkleins seitens des Zarismus sei ein politisches und ein Verbrechen an der KulturcntwicKlung der Menschheit, gegen das selbst mit den Waffen sich aiifzulchncn, heilige!,flicht sei. Das Entnationalisieren eines, wenn auch kleinen Volkes, bedeutet Zerstörung einer Kultur. Die Kleinheit des Volkes sagt garnichts, eine für die Menschheit wertvolle Varietät, eine Individualität darf nicht ausgelöscht werden. Dann zu Kischincw zurückkehrend, sagte der wackere Pernerstorfer, er müsse leider seinem Kollegen Ellenbogen widersprechen. Die Zionisten und alle Juden, auch wenn sie keine Proletarier seien, hätten ein Recht, das nationale Unglück von Kischincw mitzufühlcn und mitzubeklagen. Dahin verstehe er die heutige Erregung der Zionisten, nicht dass sie die einzelnen Denunziationen der jüdischen Bourgeoisie billigen oder gar die Versammlung sprengen wollten. Gerade als national bewusster Deutscher fühle er den Zionisten nach. Auch hiertands hätten sie recht, dass sie als Juden gedrückt, sich als Juden zur Wehr setzten. Wenn ich Jude wäre, würde ich mich dessen n i c 111 schämen, einem Volke anzugehören, das 2000 Jahre durch ein Meer von Blut und Tränen ging. Doch jeder wahrhaft Nationale müsse auch demokratisch sein. Vereinigen wir uns zur Demonstration für Freiheit und Völkerentwicklung! Der Jubel der Zionisten über diese Herzensworte des deutschen Pernerstorier war von überquellendcr Dankbarkeit, die jüd. Soz. hingegen standen ganz verblüfft und protestirten sogar stellenweise, was * ו i < wieder beweglich geworden zu sein. Wir werfen vom marmorner Pracht in Cypresscn und Platanen liegenden ruhig dahingleitcnden Schiffe einen letzten Blick auf die I Schlosse zu dem eleganten Kuppelbau der entzückenden breite Oeffnung des schwarzen Meeres, das von Böjük- J Moschee, während der Muezzin mit hclltönendcr Tenordere aus wirklich schwarz erscheint, und kehren zurück stimme die Gläubigen zum Gebete ruft. Da tönt ein einzur Stadt, um am folgenden Tage das Selamlik besuchen z« können. Das Wort Selamlyk bedeutet eigentlich das Einpfangszimmer, wird aber auch die grosse Feierlichkeit angewendet, die an jedem Freitag vor sich geht, wenn der Grossherr in seiner Würde als Chalit’e sich vom Yildiz-Kiosk in die von ihm erbaute Hamidije-Moschce bcgibt, um dort namens und für die Gläubigen das feierliche * Gebet zu sprechen. Schon stundenlang vorher harren unzählige Meiischenmassen, um das einzigartige Schauspiel zu geniessen, während Bataillon auf Bataillon des herrlichen türkischen Militärs anrückt mit fliegenden Standarten und schmetternden Fanfaren. Wenn dann . die Strassen gesäubert, gestreut und gesprengt und prachtvolle Teppiche auf den Stufen des Gotteshauses gelegt sind, kommt mitten in seinem prächtigen Hof- Staate, umgeben”von seinen Generalen und den Gesandten der Mächte der Kaiser der Osmancn, der Beherrscher der Gläubigen. Man glaubt sich in die Zeit der Märdien von Tausend und eine Nacht, nach BaghdAd, in die Residenz eines Hariin-ar-Raschid versetzt, wenn man die feenhafte orientalische Pracht sieht, die sich jetzt entfaltet. Langsam bewegt sich der Zug von dem in stimmiges Padischahym tschok jascha. Der Chalife naht. In einer prächtigen Kutsche sitzt er, ihm gegenüber ein Greis in prachtvoller Uniform, dessen freundlicher Blick die Energie leuchten lässt, die ihn zum grössten Hdden seiner Nation gemacht hat. Es ist der Löwe von Plewna, Othrnan Pascha, der Siegreiche. Man sieht cs diesem Heldenantlitz an, er wäre der Mann dazu, den Feinden seines Herrn noch heute ein zweites Plewna zu bereiten. Der Chalife sitzt in der!Rückseite des Wagens, indem sein ernster, fast trauriger Blick gutmütig auf denen ruht, deren Griissc er freundlich erwidert. Während alles in goldgestickten Uniformen prangt, hat der Herrscher des Morgenlandes nur einen einfachen schwarzen Rock und einen schmucklosen roten Fez. Während des Gebetes in der Moschee werden die europäischen Oäste im Fremdenpavillon auf echtem goldenem Geschirr mit Tee und Zigaretten bewirtet. Dann findet die Parade statt und der prächtige Zug kehrt in die Hofburg zurück, wobei der Sultan freundlich die Grüsse erwidert, mit denen er stürmisch bcwillkommt wird. ׳־־,Tr*!

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