Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fN0. 23, 'Seite 223. ' «Tiicli&elie Hundschau. einer Windstille Platz gemacht hat. Einerseits fürchten die Jude«! in ganz Russland — und ob wohl ohne Grand? — eine Wiederholung der Judenverfolgung bei jeder denkbaren Oe- ’ legenheit, in Kiew und Odessa zu Pfingsten, in Petersburg bei den Jubiläumsfeierlichkeiten, anderswo bei Streiks und Arbeiternot, bei Missernte und Unzufriedenheit, kurzum, sie leben in steter Angst vor dem Morgen und ln Furcht um das nackte Leben.*. ־.׳ '. . ' •י ־ Zugleich aber deutet alles darauf hin, dass sich. Juden״ massen in Bewegung setzen, an denen alle Wohltätigkeit der Vereine und Komitees in Westeuropa zu Schanden werden dürfte. Noch werden einige Wochen oder Monate vergehen, bis die Answanderung in vollem Gange sein wird, aber mar« kann an den Rüstungen der jüdischen Wohltätigkeit einen ungefahren Massstab für den erwarteten Massendurchzug gewinnen — und noch immer bisher, man denke an Rumänien, haben, sich die Zurüstungen als ungenügend x erwiesen. ln Amerika besonders macht man sich gefasst, auch dieses Mal den Hauptstrom der unglücklichen Heimatlosen zu empfanget!; man hält von dem Ertrage der Sammlungen einen erheblichen Teil zurück, um die Landungsgelder der Ankommenden zu bezahlen, damit sic wenigstens das Land betreten können, auf das sie ihre ganze schwache Hoffnung setzen. In fieberhafter Arbeit bereitet sich auch das Komitee, das die Jude;! von! Landungsflecken' losreissen und zur Erlangung besserer Lcbensbedingungen über die Vereinigten Staaten verstreuen will, zu seiner Arbeit vor. Auch die Regierung der Vereinigten Staaten hat von den Ereignissen Notiz genommen. Nach Berichten aus Amerika sind Tausende von Briefen an das Auswärtige Amt gelangt, die es zu einer Intervention äufforderu. Staatssekretär Hay hatte lange Beratungen mit dem russischen Botschafter, aber das natürliche und vorauszusehende Ergebnis war und musste sein, dass Amerika sich nicht hincimnischcn wird, wenn ihm nicht durch die starke Judeneinwanderung Gefahr drohen wird. Und diese Einwanderung kann es ja — und wird es leider wohl auch anhalten, wenn sie ihm lästig wird. ׳ Und was dann? Wohin dann? Wer will es wagen, den russischen Juden zum Verbleiben in Russland zu raten? Wir müssen dem ״Berliner Tageblatt“ Abbitte tun. Nicht von ihm, wie wir annahmen, ging dieser Rat aus, sondern es war einer jüdischen Organisation, dem ״Hi If s ve rein der Deutschen Jude n“, Vorbehalten, dieser. — sagen wir es deutlich — frjvolen Sr auszusprechen. Wenn das der Weisheit letzter Schluss in der Politik des Hilfsvereins ist, so ist dem Hilfsverein nicht zu helfen, wenn er dazu ein Mitglied seines Zentralkomitees nach der Stätte des Unglücks schickte, dann können wir zu seiner Zukunft und seiner Wirksainkclt in jüdischem Sinne kein Vertrauen haben. Muss ei die Juden in Russland haben, um ״Deutsche Kultur und Sprache“ unter ihnen zu verbreiten? Was sollen die Juden mit den 300 000 Mark, die er gesammelt hat, wenn sic mit diesem Herzen gegeben werden? ״Gebt das Sündengeld zurück!“ wird vielleicht manche Stimme in Russland sich hören lassen. — Man verzeihe, wenn mir die Bitterkeit in die Feder flicsst, aber ich kann nicht anders, wenn ich diesen Satz sehe, der sieb wie eine hässliche Schlange durch alle Blätter zieht, den furchtbaren Satz*. ״Soll eine starke Auswanderung der Juden vermieden werden — und darauf muss nach Lage der V e r h ä 11 nl s s e hingearbeitet werden“-nach Lage der russischen Verhältnisse etwa? Oder halt! Sollte der Hilfsverein etwa zu der Einsicht gekommen sie!1, dass eine Auswanderung ohne Ziel überhaupt die Judenfrage nicht weiter bringt, dass wir vielmehr eine gesicherte Wanderung nach einer Zentrale der Juden unter gc* setzlicheu Oaranticen brauchen? Ich glaube, wir trauen dem Hillsverein zu viel zu, wenn wir das annohmen, das zeigt seine Schlussfolgerung; aber gleichviel! Ucber seinen Kopf hinweg soll und muss das jüdische Volk zu der Erkenntnis kommen, dass nur eins uns not tut: r . Ein c.öffentlich-rechtlich, g e s i c'h c r t e. Heimstätte ln Palästina. . Etljj'ahu..' Eine Heimat! / Die grause Tragödie von Kischinew spricht eine erschreckcnd-cindringlichc Sprache. Auch die Schwerhörigen werden und müssen sie verstehen; und selbst die Blödesten werden die Ereignisse in Kischinew anfügen an alle die Einzelcrschcinungen der letzten Jahrzehnte, und die Erneuerung alter Erinnerungsbilder wird ihnen eine ewige laute und bestimmende Vorstellung werden. Die Ringe sch Hessen sich zur Kette; und die Symptome wachsen zum System empor. Der Quell unserer Tröstungen versiegt allgemach. Unser lebensfreudiger Optimismus, den Gott seinem auscrwählten Volke als Lebensodem!11 die Seele blies, erschlafft unter der Wucht gigantischer Nöte. Er »al uns getragen durch die Zeiten und unsere Sinne schmeichelnd und kosend umnebelt in drohender und drängender Gefahr, dass wir sie leichter fanden und leichtcr überwanden, denn die Nebenwirkungen der Gefahr, oft schlimmer als diese, Angst und Schrecken lähmten unsere Tatkraft nicht. Das neunzehnte Jahrhundert, das 'die seelischen Grundkräftc unseres Volkes in ihren Aeusserungen so wesentlich umgesetzt hat, sah unseren lebensgierigen Optimismus sich eigen betätigen. Die äusscrliche Ruhelage, die uns in grossartigster Pose, die mit Meuschheitsphrasen ausgepolsterte Kultur der Neuzeit gestattete, kleidete unser Optimismus mit allen Reizen und Schönheiten einer wahrhaften Gleichstellung aus. Allein wie er uns früher gab, unser Leid zu vergessen, so spornte er jetzt uns, uns selbst zu vergessen und wo er einst den Mut schuf, immer wieder an neuer Stätte ein neues Helm zu bauen und neue Hoffnungen zu pflanzen, so verpuffte er sich jetzt in dem sprühenden Feuerwerk naiver Tröstungen und erschlaffender Entschuldigungen. Fortschritt und ״Zeitgeist“ werden uns retten. Und, wo immer das alte Judenleid sein bleiches, starres, tränenloses Antlitz zeigt, hatten es nur Verhetzung oder. Unbildung wieder aufgescheuclit, die ja demnächst aufhören mussten, und Rückfälle in die Barbarei, die schliesslich unvermeidliche Atavismen sind. Der Liberalismus mit seiner Back* fjschwcishcit, dass Bildung, Zivilisation und Kultur die seelische Struktur der Menschen wandeln könnten, wäre uns fast zum Verhänignis geworden, wenn nicht die beschleunigte Ab״ Wicklung der historischen Perioden im neunzehnten Jahrhundert die miriniglichen liberalen Theorien beseittigt hätte, die in früheren Zeitläuften für viele Jahrhunderte den an sich schon durch das Christentum geschaffenen Dualismus zwischen menschlichen Triebleben und Treibhauslebcn gesteigert hätten. Wir fangen an, die wirklichen Faktoren im Leben der Mcnschcngruppcn zu begreifen; die treibenden Kräfte historisehen Werdens zu analysieren und ihre Polarität zu erkennen, die Abstossung und Anziehung bedingen. Dabei lösen sich die grossen Ereignisse auf als die notwendigen Eruptionen und Ex* plosioncn, die die Uebcrspannungen der wirkenden Urelemente weder zu normalem Ausgleich führen sollen . . — So drängt denn alle Befrachtung — Verständnis der Vergangenheit und Bauplan für die Zukunft — von ethischen und formal-logischen Wegweisern, nach denen die Menschen sich richten sollen, hin zu dem Schöpfer und Träger der Geschichte, dem Gruppenmenschen, dessen Seele wir hi ihren Komponenten begreifen müssen. . . Für uns Juden aber ist dieser Fortschritt der Erkenntnis von. grundlegender und spornender Bedeutung. Die Gnadengcschcnkc. die uns die abstrakten Ideen boten, was können sie uns sein, wenn die Menschen, mit und unter denen wir j leben, sie als Erpressungen empfinden und uns als Erpresser behandeln? Je mehr Türen uns ethische Thcorieen geöffnet i haben, umsomehr Türen hat uns instinktive Abneigung, die