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Jüdische Rundschau · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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-־w«$’•‘י*•»fV׳•־־** 1« \ts#f''#w י s Seite 222, # JlidtscheRundsehai». No. 23. ..sorgen״ als durch die Ausführung des Beikind'schen ־ Projektes, und nie ist eine günstigere Gelegenheit ge־, wesen, auf der Grundlage eines explosiven Unglücks .einen : bleibenden und dauernden Segen zu schatten. Zugleich kommen die Zionisten damit einer Verpflichtung nach, :die sie ja Bclkind gegenüber unzweideutig übernonnnen haben. V . / Und wir dürfen versichert ־sein, dass 'der Zionismus dabei von keiner Seite als lästiger Mitbewerber angesehen werden kann. Auch die Alliance IsraGite Universelle wird keine Konkurrenz für Mikweh-Jisrael darin erblicken können und wird cs höchstens für eine Ehrenpflicht halten, aus ihren Mitteln, die zionistische Gründung zu unterstützen, wenn cs auch im Wesen der Sache selbst liegt, dass sic auf die innere Leitung dieser ja doch hebräischen Schule keinen Einfluss nehmen■ kann. Nein, es' kann schon deshalb nicht an Mikweh-Jisrael gedacht werden, weil ja die Verminderung dieser Schule von ca. 240 auf ca. 60 Schüler im letzten Jahre nach den Angaben ihrer Organe der eigenen Initiative ent- Sprüngen ist. Und dann bezweckt ja auch das Beikind־ sehe.Projekt etwas ganz anderes, als was das Ziel von Mikweh-Jisrael ist. Beikind will ja das Hebräische mit Recht zur Unterrichtsspräche erheben und unter Ausscheidung alles unnötigen sprachlichen Ballastes den ganzen Nachdruck der Bildung auf die Realien, vor allem auf historische und naturwissenschaftliche Elementarbildung und praktisehe Schulung legen. Er will nicht kleine Beamte und allenfalls unselbständige Gärtner, sondern kleine Bauern erziehen, die von Jugend an im Judentum und der. es bedingenden hebräischen Sprache wurzeln. Darum kreuzen sich die beiden Anstalten in ihren Zielen und Wegen nicht und können und sollen neben einander bestehen und sich ergänzen. . Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir ein so lange'sorgsam gehegtes Projekt ins Werk setzen können und sollen. Wenn wir nicht diese Gelegenheit, diese Notwendigkeit ergreifen, so werden wieder Jahrzehnte vergehen, bis wir wieder daran denken dürfen, der Ausführung einer’ landwirtschaftlichen hebräischen Nationalschule in Palästina näher zu kommen. Wollen wir aber einen dahingehenden Kongressbeschhiss erreichen, wollen wir unser Aktionskomitee veranlassen, in dieser Richtung vorzugehen, um Prakftsclics zu leisten, so müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um die Mittel zu beschaffen, in Palästina für die Waisen unserer Märtyrer zu sorgen. Ohne uns dessen vorher vergewissert zu haben, sind wir überzeugt, dass wir durch diesen unsern Vorschlag einem innerlich gehegten Wunsche unseres gesamten Aktionskomitees laut entgegenkommen. Es ist ja die einfachste und beste, aber auch — und damit muss ein armes Volk ja rechnen — die billigste Art, eine menschenwürdige und des Judentums würdige Zukunft der Waisenkinder von Kischinew zu schaffen. Möge als bleibendes Kulturdenkmal der Grcueltaten von Kischinew die Schule erstehen mit hebräischer Sprache und jüdischer Jugendkraft, eine echte hebräische Natlonalschule In Palästina. Heinrich Loewe. . ־ . Oie Ereignisse von Kischinew. Noch ־ Immer kommen ah$ den Greueln von Kischinew unerhörte Einzelheiten zutage. Ein Junger Berliner Arzt, der sich der Kischinewer Hospitalverwaltung zur Verfügung gestellt hatte, liefert folgende Bilder aus dem Lazarcth, ״Da liegt zum Beispiel eine Junge, kaum achtzehnjährige Frau, der die Unmenschen die rechte Brust abgeschnitten haben; kleines chrifdiriges Kind ruht In ihren Armen'; . man hat cs, wie sie selbst erzählte, vor ihren Angen mit gl üh enden Eisen geblendet. Sie habe ach auf_ die Unmenschen gestürzt, sei aber sofort ..von der . Rotte niedergeworfen und geschändet worden. Als •ihr'Mann, der gera’de dazukam, von seinem Revolver Gebrauch machen wollte, habe man Ihn ge- .bunden und gezwungen, mitanzusehen, wie seiner Frau die Brust abgeschnitten wurde. Neben dieser Unglücklichen, aus deren tränenlosen Augen der entsetzliche Seelenschmerz spricht, sitzt aufrecht in ihrem.Bette eine alte, gramgebeugte Frau. Sie trägt eine Binde uni ihren Kopf, der von einem Schwcrthieb gespalten ist. Auf die Frage, warum sie nicht liege,־ antwortet sic, dass ihr der Rücken mit Ruten zerfleischt worden sei. Warum? Sic hätte, als die wilde Horde eindrang, ihre Enkelkinder im Keller versteckt; die Kinder wurden, als man sic iaad. vor ihren Augen geschlachtet, sic selbst nackt ausgezogen und mit Geissein gezüchtigt.. Nebenan jam־ mert ein sechsjähriges Mädchen, das sich in furchtbaren Zuckungen windet und den Verband, den man ihm tun den Kopf gelegt hat, abreisset! will. Die Wärterinnen halten die Unglückliche an den Händen fest; da plötzlich streckt die Kleine sich lang hin und gibt keinen Laut mehr von sich - sie hat ausgelitten. ..Was ist mit der Nadesclia?“. ruft eine gegenüberliegende junge Eran mit gramerfüllter Stimme. Man sagt ihr, dass ihr Kind soeben gestorben sei. Ihrer Schwäche nicht achtend, springt sie auf und sinkt am Lager des toten Kindes ohnmächtig zusammen. Dem Kinde waren, als es die einjährige Schwester retten wollte, von einem־ Unmenschen die Ohren abgeschnitten worden, die Mutter hatte entsetzliche Kopfwunden erlitten. Noch schrecklichere Szenen spielen sich im Männersaale ab. Da befindet sich ein Greis, dem man den Arni dreimal gebrochen hat; er ersehnt den Tod, denn er hat sein Weib, seine Söhne und seine Schwiegertöchter umkommen sehen und hofft mm. bald mit ihnen vereinigt zu sein. Gegenüber seinem Hause hatte man ihn an einen Laternen* .pfähl gebunden, dann das Haus mit Petroleum übergossen und angezündet Da sieht man einen Mann, dem man die Füsse abgesägt, dort einen Jüngling, dem man die Brust gespalten, da ein Kind, dem man sämtliche Zähne ausgerissen hat. Es Ist entsetzlich, all' dieses Elend mitanzusehen und das Jammergeschrei anzuhören.“ . .. Jeder, der Augen hat zu sehen und Ohren־ zu hören, welss jetzt, nach allem, was bekannt geworden Ist dass in erster Linie die russische Regierung die t- :,;»lerin unserer Brüder ist. Wir haben erst jüngst von der Depesche berichtet, in der. nach dem Bericht der ״Times“, der Minister des Innern die gesamte Judenhcit Russlands schutzlos preisgibt. Es ist nicht sehr verwunderlich, dass die rassische Regierung, die ja doch immer noch Wert darauf legt, als Leiterin eine^s zivilisierten Staates betrachtet zu werden, den unliebsamen Enthüllungen der ״Times“ ein Dementi entgegensetzt. Sic erklärt im Petersburger ״Regicrungsboteii“, dass eine Mitteilung an die Gouverneure in dem besagten Sinuc überhaupt nicht erfolgt ist. Das Dementi ist so farblos, so sehr nur für die ״offizielle“ Diplomatie berechnet, dass es gegenüber der positiven Nachrieht, die sich ein Blatt wie die ״Times“ kaum aus den Fingern gesogen haben wird, nicht die geringste Glaubwürdigkeit beanspruchen kann. Bezeichnend ist es immerhin,•dass cs in Deutschland eine gewisse Presse gibt, die nicht nur die amtlichen Berichte der russischen Regierung als Wahrheiten druckt, sondern auch in allen Nachrichten und Betrachtungen über die Kischincwer Gräuel den wahren Charakter des Aufruhrs unter dem oder jenem Gewände zu verdecken sucht. Das ist nicht nur die stramm antisemitische Presse, sondern mit wenigen Ausnahmen alles, was nicht direkt von Juden selbst geleitet wird. UVuc! diesen interessanten Gegenstand ein andermal. Inzwischen, während das örtliche Unglück von Kischinew verblasst und allerorten zu Seiner Linderung gesammelt wird, mehren sich die Zeichen dafür, dass der Sturm nicht etwa

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