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Jüdische Rundschau · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 212. Jlldisclie liandsobau. No, 22. edlen Menschentums. — Noch ein erfreuliches Moment verdient in der Trübsal dieser Tage festgehaltcn zu werden, die aufrechte Tat eines stolzen jüdischen Mannes Sir Marcus Samuel, der Lord-Mayor von London, hat eine Einladung nach Petersbürg, zum 200jährigen Jubiläum der Stadt, mit dem Hinweis auf die Ereignisse in Kischinew abgclchnt. Das ist derselbe Mann, der im vorigen Jahre, nach seinem Amtsantritt, sich den Besuch des rumänischen Gesandten verbeten hat. An dem Solidaritätsgeffihl dieses freien Juden mögen sich unsere halbfreien Juden in Deutschland ein Muster nehmen. Die letzten Nachrichten, die über die russische Judcnvcrfolgung vorlicgcn, sind teilweise wieder inhaltsschwer und von noch garuicht berechenbarer Tragweite. Schon beginnt der Schrecken des Augenblicks zuruckzutrctcn hinter der grossen, schweren allgemeinen Judcnfrage. die wie ein schwarzes Ge- Witter hinter diesem ersten Donncrschlagc heraufzieht. Privatiia’chriclitcn aus Bcssarabicn besagen, dass ״die Dinge daselbst, statt sich zu beruhigen, noch weit schrecklichere Formen anzunchmcn drohen. Das Leben der Juden ist 1111 höchsten Grade bedroht, und kein Jude in den Städten und Städtchen Bessarabicns wagt cs, sich aui die Strasse hinauszubegeben. Tausende und Tausende von Menschen halten sich seit Wochen in den Häusern, in den Kellern lind Dachböden versteckt, und Hunger und äusserstes Elend wütet unter diesen Unglücklichen. Trotzdem ziehen sic einen derartigen Tod vor, als dass sie unter den Aexten und Messern ihrer Feinde fallen, sobald sie ihre tägliche Beschäftigung wieder aufnehmen.“ Angesichts dieses Bildes, das an Ort und Stelle entworfen ist muss man sich mit dem traurigen Gedanken vertraut machen, dass die Greuel in Kischinew keine örtlichen bleiben dürften, sondern dass wir vielleicht am Vorabend einer grossen Katastrophe stehen, die über die Judenschaft von ganz Südrusslam! hercinzubrcchcn droht. Denn von allerorten kommt die Meldung, dass die Bevölkerung sich in einer gleichen Erregung gegen die Juden befindet, wie in Kischinew. Dass die Juden aber wirklich Grund haben, das Schlimmste zu fürchten, geht aus einer geheimen Depesche hervor, den der russische i Minister des Innern, Plewe, an den Gouverneur von Bcssarabicn j — vielleicht auch noch an andere — gerichtet hat, und in J deren Besitz die ״Times“ gelangt ist. In der Depesche wird der Gouverneur daran erinnert, dass es ohne Zweifel nicht wünschenswert sei. der Bevölkerung feindselige Gefühle gegen die Regierung cinzuflösscn. Daher möge er zur unmittelbaren Beendigung der Unruhen, die aushaben?׳Läge er wirklich dort, dann hätten ja die Worte: ״über dem Xystos“ keinen Sinn, zumindest wären sic überflüssig. Denn was hat der Xystos in der Oberstadt mit dem Palaste zu ־tun, der an deren Grenze gelegen hat? Noch Eines. Jos. will uns doch jedenfalls mit der Lage des Xystos vertraut machen. Würde er nun die Hauptsache, dass er in der Oberstadt gelegen, verschwiegen und dafür dessen äussere Grenze angegeben haben? Eine klare Vorstellung aber gewinnt man von der Sache, wenn man sich die Lage des besagten Palastes zwischen dem Xystos einer- und der Oberstadt andererseits denkt. Wenn Jos. aber wieder ein andermal sagt (ibid. V. 4,2): ״Im Norden (der Oberstadt) bei dem sog. Hippikusturm bcfhmend lief sie (die erste Umfassungsmauer) zum Xystos (wo lag nun der Xystos? In der Oberstadt?!) schloss sich dann an das Rathaus an und endigte an der westlichen Halle des Heiligtums“, so kann das Rathaus nur entweder auf dem Tcmpclbcrgc selbst und zwar an dessen Westseite, oder doch wenigstens in dessen unmittelbarer Nähe gelegen haben, (vgl. Zimmermann a. a. O. s. noch weiter unten). Dagegen wird man ohne Rückhalt Büchlcr Recht geben müssen, dass die Quadcrhalle im inneren Vorhofc des Tempels, nicht aber ausserhalb desselben, oder gar ausserhalb der äussern Umfassungsmauer des letztem gelegen bat. Daraus brechen mögen, mittels Ermahnungen beitragen, ohne jedoch überhaupt zur Waffengewalt zu greifen. Man bedenke, was es heisst: Der Minister des Innern, die letzte Instanz in diesen Fragen — denn der Zar sitzt ja über den Wolken — rechnet mit der Wiederkehr der Juden- Verfolgung als einer Wahrscheinlichkeit, und er wünscht, dass keine energischen Massregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffen werden, solange der Krawall nur gegen die Juden geht. Der Jude als Sündenbock der Regierung ist hier mit brutaler Offenheit der Menge preisgegeben, und den Juden muss nunmehr die harte Notwendigkeit klai werden, sich selbst zu helfen* da niemand ihnen hilft. In den bedrohten Landesteilen kann ihres Bleibens nicht sein, es ist sicher, dass eine gewaltige Wänderung bcvorstcht, und schon schicken Tausende von amerikanischcn Juden ihren Angehörigen im ungastlichen Russland Schiifskartcn zur Überfahrt nach Amerika — ach, vielleicht nur, um doppelt traurig und verzweifelt die Zuriickgcwiescncn wieder nach Russland zurückfahren zu sehen, wohin die .,Wohl״ tätigkeit“ der westeuropäischen Juden sie mit unerhörten Geldopfern befördern hilft! Und gegenüber der furchtbaren Not um Leib und Leben, die auf den russischen Juden lastet, hat das ״Berliner Tageblrtt“ die Stirn zu schreiben: ״So!! eine starke Auswanderung der Juden vermieden werden — und darauf muss nach Lage der Verhältnisse 11 in gearbeitet werden — so wird cs . . . notwendig sein ... die Wohltätigkcitsaktion . . . durch eine wohl durchdachte Aktion zur Wiederaufrichtung der wirtschaftlich ruinierten Existenzen zu ersetzen.“ In der Tat, wohl durchdacht, liebes Tageblatt! Wir können zwar nicht verlangen, dass Herr Mosse und sein Christhoher Redakteur Levysohn sich bei dieser Gelegenheit von der unabweisbaren Notwendigkeit des Zionismus überzeugen, das dürfte erst geschehen, wenn man sie aus dem Ticrgartenviertel zu Berlin in einen Judenkrawall in Russland bnngt; aber vorlangen kann man, dass das Tageblatt schweigt, wenn es mit seinem Latein za Ende ist, und das ist cs in der Judcnfrage sehr schnell. Noch vor wenigen Tagen war es überzeugt, dass Russland dem ״entrüsteten Appell des ganzen zivilisierten Europa nicht werde widerstehen können.“ So löst man in diesen Kreisen die Judcnfrage. Die Gcsamtheit des jüdischen Volkes aber muss und wird lernen, von diesen Phrasen abzurücken. Unsere, der Zionisten, Aufgabe ist es zunächst, diesen Erkenntnisprozess zu bc* schleunigen. E l i j a h u. aber, nach dem Vorgänge Büchlcrs, auf das Vorhandensein zweier gleichgroßer Behörden zu schliessen, ist entschieden verfehlt. Denn ist diese Annahme schon an und für sich unwahrscheinlich, so spricht auch deutlich dagegen eine vom V. selbst zitierte Misclinah und der ״gutuntcrrichtctc“ R. Jose in der Boraitha. Ich meine die Mischnah Syncdrin 11,2, die folgcndcrmasscn lautet: ״Drei Behörden hat cs dort (in Jcrus. vgl. Raschi zur Stelle) gegeben; die eine tagte am Eingänge des Tempelberges, die andere am Eingänge des Tcmpclhofcs, die dritte endlich in der Quadcrhalle". — Letztere w:־r, wie bckaimt, das grosse Beth-diu. Was für Behörden aber waren die beiden anderen? Das ist in der Misclinah nicht angegeben, wird aber in der Boraitha (das. p. 88b) im Namen R. Joses nacligetrage״. Das heisst es: .ושני בתי דיניך של עשרים ושלשה,אהד Die Tosiftha (ibid. c. 7). welcher eigentlich diese Stelle eiltleimt ist, liest: r..ושני בתי דיניו של שלשה היו בירושלים,אחד Dasselbe in Tosiitha Chagigah c. 2 mit einer etwas korrektem La: .של שלשה שלשה Ein Druckfehler scheint demnach ausgeschlossen. Um aber den Widerspruch zu erklären, muss man — worauf übrigens schon die Ausdrucksweise der Tosiitha selbst: בירושלים(אהד) בהד הבית (?) hinweist — ann?hmen, dass Boraitha und Tosiftha gegenseitig sich ergänz■::: י Die ursprüngliche La. hat demnach gelautet: שג* בתי דינין

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