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Jüdische Rundschau · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 21. «lUdiftohe Rundschau« Seite 199. . Strassburg fet bereits — ich dar! sagen, glücklicherweise — zu' einer alltäglichen Erscheinung geworden, die manchmal eines besonderen prickelnden Reizes bedarf, um das Interesse unserer Jüdischen Neurastheniker zu erwecke«. Dass uns der Herr Oberrabbiner diesen prickelnden Reiz verschafft hat, dafür .müssen wir ihm herzlich dankbar sein, und ich darf die Er- Wartung aussprechen, dass wenn der Herr Oberrabbincr auch weiter fortfahren wird, in dieser wirksamen Weise von der Kanzel herab für den Zionismus Propaganda zu machen, er eines Tages zum Ehicnpräsidentcn des Zionistischen Vereins in Strassburg erwählt werden wird. Ich will den Herrn Oberrabbiner nicht persönlich angreifen, — davor schützt ilm das von ihm bekleidete Amt, — aber ich möchte mich mit ihm in aller Ruhe auseinandersetzen. Doch zu der Möglichkeit einer Auseinandersetzung gehört vor allem, dass beide Opponenten an ihren beiderseitigen Anschauungen lesthalten und nicht dieselben chämälconartig wechseln, kurz gesagt, dass sie konsequent s:nd. Diese Konsequenz habe ich leider bei unserem Herrn Oberrabbincr vermisst. Mein Vorredner, Herr Dr. Dannenberg, hat bereits darauf hingewiesen, dass derselbe Oberrabbincr, der den Zionismus angegriffen hat, dreimal taglieh um die Wiederherstellung Jerusalems betet und am Seder* abend gerufen hat לשנה הבאה בירושלים Doch zwischen diesem Rufe und seiner Predigt liegt wenigstens ein Tag, und an einem Tage kann man sich bei einigem guten Willen in seinen Ansichten entsprechend ״entwickeln“. Dass aber der Herr Oberrabbincr so inkonsequent ist, beinahe gleichzeitig zwei widersprechende Ansichten zu vertreten, das ist cs, was eine Auseinandersetzung unmöglich macht. Es war etwa um zehn Uhr. als der Herr Oberrabbiner in seiner Predigt mit Pathos erklärte: ״wir wollen in Strassburg, der wunderschönen Stadt, bleiben; unter keinen Umständen wollen wir nach Palästina zuruckkehrcn!“ Kaum eine Stunde darauf, etwa um elf Uhr wandte sich derselbe Oberrabbiner in Iieissctn Flehen an Gott, den Herrn der Wahrheit, und sprach die wunderschönen Worte des Mussafgebetes: ״Unser Vater, unser König! Offenbare die Herrlichkeit deiner Regierung über uns! Erscheine und erhebe dich über uns vor den Augen alles Lebenden! *•וברב פזורינו סבין הגוייס ונפוצותינו בנס ׳סירבת' א־־ והביאנו י£ציזן **ידך׳ ברזה Uml führe zusammen unsere Verstreuten aus der Mitte der Völker una unsere Vertriebenen sammele von den Enden der Erde und bringe uns nach deiner Stadt Zion in Jubel!“ Soll ich mit dem Herrn Oberrabbiner von zehn Uhr oder mit dem Herrn Oberrabbiner von e l f Uhr diskutieren?“ Der Redner weist dann darauf hin, dass das zionistische Programm keineswegs von allen seinen Anhängern verlangt, dass sie ihren bisherigen Wohnsitz, in dein sie sich wohl fühlen, verlassen. ״Und wenn dies der einzige Grund ist. der den Herrn Oberrabbiner hindert. Zionist zu sein, dann darf er sich getrost unserer Bewegung ansehüessen. Wir könne!! ihm die heilige Versicherung geben, dass falls wir die Verwirkliebung unseres Ideals in Palästina erleben werden, oder, um in einer Sprache zu reden, die vielleicht dem Herrn Oberra'bblner geläufiger ist. ״wenn unsere Augen einst schauen werden, da Gott in Barmherzigkeit nach Zion zurückkehrt“, dann werden wir Herrn Oberrabbiner Ury in keiner Weise zwingen. Oberrabbiner in Jerusalem zu werden.“ Redner widerlegt dann der Reihe nach die in der Predigt aufgestellten Behauptungen. Er protestierte insbesondere im Namen der zahllosen zionistischen Akademiker, die sich ihre moderne Weltanschauung auf den modernsten europäischen Universitäten gebildet haben, gegen die Unterstellung, als sei der Zionismus ein ״Rückschritt“ und führt den Nachweis, dass das demselben zugrunde liegende nationale Prinzip gerade die treihende Kraft in der modernen fortgeschrittenen Gesellschaft bildet. ״Der Herr Oberrabbiner selbst hat wohl mit herzlicher Teilnahme den heldenmütigen Kampf der Buren gegen das übermächtige England verfolgt. Er verfolgt wohl auch mit einiger Sympathie die Frcihcitsbestrebungen unter den Bulgaren in Mazedonien. Aber während er den freiheitlichen Bewegungen der fernen Völker seine Teilnahme zuwendet, hat er für die freiheitliche Bewegung seines eigenen Volkes kein Verständnis. Fürwahr, ich habe das Recht, das uralte Wort zu variieren: Wäre ich kein Jude, ach, wie gern möchte Ich ein Bure oder ein mazedonischer Bulgare sein!“ Der Redner schlicsst etwa fotgendermassen: ״Sic müssen, nt. D. u. H., entschuldigen, dass ich, der ich gar kein Theologe bin, ihnen in dieser Weise theologisch komme. Doch die Schuld liegt an unserm Herrn Oberrabbiner, der uns mit theologischen Waffen angreife!) wollte und daher mit theologischen Waffen widerlegt werden musste. Sie werden es daher verzeihen, wenn ich ihnen zum Schlüsse noch einen Midrasch anführe, der mindestens ebenso schön ist, wie der vom Herrn Oberrabbiner gegen uns zitierte, und der besonders jetzt angebracht ist, da wir mitten im Pessacbfest stehen. Ais Pharao, der den aus Egypten geflohenen Israeliten nachsetzte, im Meere versunken war, begannen die Engel, aus Freude über die Errettung Israels und den Untergang seines Verfolgers, Jtibellieder anzust'mmen. Da rief ihnen Gott zornig zu: טעשי ידי טובעים ביס ואתס אוסרים שירה (S.'l) ״Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer, und ihr wagt es, Jubelliedcr anzustimmen?!“ Der Herr Oberrabbiner, er möge es mir verzeihen, ist kein Engel, aber die Antwort, die Gott den Engeln gab. darf auch ihm gelten. ״ טע שי ידי טובעים ביסDie Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer“, Millionen von Juden gehen zugrunde in einem Meer von Not und Elend, Hunderttausendc von Juden haben kein Brot für ihren Hunger und Kleid für ihre Blosse, ואתס איסריס שידה und ihr wagt es. Predigten zu halten?! und ihr wagt cs. eine Bewegung anzugreifen, die allein imstande ist, dem entsetzlichen Elend ein Ende 7u machen?! Sieht denn nicht der Herr Oberrabbiner, dass eine gewisse Herzlosigkeit darin liegt, einem Versinkenden, der sieb zur Rettung an den Rand eines Nachens anklammert, anstatt ihm zu Hilfe zu kommen, ihm lange Predigten zu halten? Nein! Wir haben unsere Uebcrzeugting von der Notwendigkeit des Ziomsmus nicht aus inhaltslosen Predigten und theologischen Tüfteleien geschöpft, wir haben sic geschöpft aus der zwingenden Not des Lebens, aus der Tiefe unseres eigenen Herzens . . . Und wenn auch sie, in. D. u. H., sich von der Notwendigkeit unserer Bewegung überzeugen werden, wenn auch sie mit uns mitarbeiten werden an der Verwirklichung unseres Ideals, das wir im Geiste vorausschen, dann werden auch sie mit vollem Herzen und ganzer Seele und nicht mehr mit geteilten Empfindungen die Worte der Haggada rezitieren dürfen, dann werden auch sie Qott danken dürfen dafür, ״dass er uns herausgeführt hat aus der Sklaverei In die Freiheit, aus der Trauer zur Freudigkeit, aus der Finsternis zu glänzendem Lichte, so dass wir neue Jubel!!eder anstlmmcn dürfen. Halleluja!“ Der Beifall der Anwesenden bewies auch hier wieder, dass sie sich mit dem Gehörten voll und ganz einverstanden wussteil, und neue Freunde und Anhänger schlossen sich uns an. An der folgenden Diskussion beteiligten sich die Herren Rabbinatskandidat Lcvy, Ingenieur Pohl, Apotheker Levy und Dr. Dannenberg. Von diesen versucht Herr Apotheker Levy eine Lanze für Herrn Oberrabbincr Ury zu brechen, doch blieb er nur bei einem kläglichen Versuch, der sich in Phrasen, wie: Herr Ury sei ein guter Jude, der nichts gegen das Judentum unternehme. Dem Herrn Oberrabbincr Ury dürfte wohl für die Zukunft die Lust zum Fabulieren genommen sein. Max Pohl Ingenieur, Strassburg. Palästinische'Briefe III. Von Dr. Adolf Fncdemanrt. Von Jerusalem wird keine Regeneration des jüdischen Volkes ausgehen, das ist nach allem, was wir gesehen haben, zweifellos. Sie muss aus den! arbeitenden Volke von den Bauern

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