Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651310--00403-2657191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n^i ן!! if fflnJMj1.it «u '״< V« T1 ׳ - 4;״f^vT"?"JI5^|PW ÜÄf ׳Tr|*# 1. ״ . — m j. | . Seite 198. Jlidifüfli^ 15י iivicIh«•!!?• 11. No. 21. in diesem Sinne schneller vorwärts gekommen zu sein, als cs Jahre eifriger Agitatlonsarbcit kaum vermocht hätten. In dieser Red«} führte der hochgeehrte Herr Oberrabbiner aus, der Zionismus $ei ein Rückschritt, eine Phantasie, die Juden wollten ia garnicht; aus Strassburg, der wunderschönen Stadt, heraus, wo cs uns! so gut geht, wo ein Jeder seine Fabriken bauen könne usv*. Man kann sich vorstcllen, welche Verwirrung eine derartige Kenntnis und Erläuterung des Zionismus seitens des Herrn Oberrabbincrs bei der zahlreichen und andächtig zu* hörenden Gemeinde hätte anrichten können. Es war daher für uns eine Lebensfrage, so schnell als möglich die Wirkung der Rede illusorisch 7u machen. Am selben Tage noch wurden die Mitglieder zu einer Versammlung cinberufen, bei der einstimmig die Veranstaltung einer Protest• Versammlung für Mittwoch, dem 15. April, beschlossen wurde. Ausser den Vereinsmitgliedcrn wurden sämtliche 800 Mitglieder der Gemeinde durch nachstehendes Zirkular ciiigcladen. S t r a s s b 11 r g . den H. April 190.1 P. P. Sr. Ehrwürden Herr Oberrahbiner U r y hat es in seiner Predigt am ersten Feiertag für nötig befunden, an einer Stätte, an der er vor der Möglichkeit einer Widerlegung sogar polizeilieh geschützt ist. vom sichern Hinterlialte aus die zionistische Bewegung anzugreiieu, von der er wissen musste, dass sic vielen der Gememdemitgficder ans Herz gewachsen ist und ihnen in ihrer Zugehörigkeit zum Judentum den festesten Rück* halt gewährt. Ist cs an sich schon bedauerlich, dass das geist* liehe Oberhaupt einer Gemeinde, das kraft seines Annes be* rufen wäre, Frieden und Eintracht zu stiften, in den Kampi der Parteien herniedersteigt, um Zwietracht und Hader zu säen; doppelt bedauerlich, wenn die?» einer Bewegung gegenüber geschieht, die allein schon durch die Entschiedenheit, mit de! sie das Judentum vertritt. Jedem Rabbiner zumindest syni• pathiscii sein müsste, ־ ■ so ist es mehr als bedauerlich, dass der Angriff gegen uns in Form einer Darstellung unserer Be* Strebungen geschah, die keineswegs der Wahrheit entspricht. Im Interesse dieser letztem fühlen wir uns verpflichtet, die in der Predigt des Herrn Oberrabbiners entlialteibn Irrfümcr öff entfiel! richtiezustellen. und wir erlauben uns daher. Sie nebst Ihren werten Angehörigen, sowohl Damen wie Herren, zu der am Mittwoch, dem 15. April 1903, abends 8 Uhr, im grossen Saale des Hotel ״Englischer Hol" stattfindenden Protest-Versammlung ergebenst cinzuladcu. Von der Loyalität und Überzeuguugstreue Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners aber erwarten wir. dass er sich bereit finden wird, die von der unangreifbaren Kanzel aus vorgetragenen Anschuldigungen auf der Tribüne zu wiederholen, auf der die Möglichkeit einer Verteidigung gegeben Ist. Der zionistische Verdi» Strassburg. * ״־ **״־—״ ־ * *־ ־*' — י % Mehr als 500 Personen hatten sicli ciiigcfundeu. Der grosse Saal des Englischen Hofes vermochte nicht alle Anwesenden zu fassen, so dass sich viele mit einem Platz vor der Tür begnügen mussten. Die Redner des Abends waren Dr. Dannenberg und Privatdozent Dr. F r i e d I ä h d e r; und ich will gleich vorweg nehmen,, dass genannten beiden Gesinnungsfreunden der Erfolg des Abends zu danken ist. Herr Dr. Dannenberg bestieg zuerst die Tribüne und sagte im grossen und ganzen etwa folgendes: Im Jahre 1897 erschien der Protest der deutschen Rabbiner. Die Protest-Rabbiner bedauerten Jedoch diesen voreiligen Schritt sehr, denn nach aussen und innen bewirkte er das genaue Gegenteil dessen, was er bezweckte. Dies zeigte sich am eklatantesten auf dem Frankfurter Rabbinertage, wo sich ein Drittel der deutschen Rabbiner als Zionisten und Zionsfreunde bekannten. Jetzt mm. nachdem der Protest seit sechs Jahren veröffentlicht ist. erwacht in Herrn Ober-Rabbiner Ury plötz- Üch sein antizionistisches Herz. Als er auf der Kanzel steht, sieht er in der Ferne den zionistischen Wolf Jicrumscimuppern und er versucht es, seine Herde hiervor zu schützen. Meine Damen und Herren! Ist der Rabbiner berechtigt, auf der Kanzel Politik zu treiben? Der Rabbiner ist von der Gemeinde erwählt, um die Religion in seiner Gemeinde zu fördern, der Rabbiner soll ankämpfen gegen Irreligiosität, gegen den Atheismus, gegen das Assimilationsjudentum, sofern er nicht Rücksicht nimmt, auf reformjüdtschc Gemcindevorstände, aber er hat nicht das Recht, seine politischen Anschauungen seiner Gemeinde auf der Kanzel aufzudrängen. Im Zionismus ist nichts enthalten, was irgend wie dem Judentum und der Religion widerspricht. Im Gegenteil, der Zionismus, der immer das Judentum auf das Entschiedenste betont, erweckt wieder religiöse Anschauungen. Das hätte der Rabbiner wissen müssen. Aufs Entschiedenste müssen wir dagegen protestieren, dass über den Zionismus Behauptungen aufgestcllt werden, die mit der Wahrheit nichts zu tun haben, und dass die Gemeinde im feierlichen Moment, wenn die Herzen mehr als sonst geöffnet sind für Wahrheit und Ideale, von der Kanzel, auf der Gottes Wort gepredigt werden soll, mit politischem Gezänk belästigt wird. Und was heute den Zionisten passiert, kann morgen ebensogut irgend einem anderen Verbände passieren. Was würden die Mitglieder der Bnai-Brith-Logc dazu sagen, wem! beim Gottesdienst ihre Ideale in den Staub getreten werden. Ob Sie Zionisten. Nicht/ionistcn oder Antizionisten sind. Sie müssen gemeinschaftlich gegen ein solches Vorgehen protestieren, Sie müssen sicli verbitten, dass die Kanzel zu politischen Hetzereien entwürdigt wird. Der Rabbiner hat weiter versucht, den Kampf gegen den Zionismus auf theologischem Gebiete auszufechtcn. Der Zionismus ist jedoch nicht aus solchen Wortspielen entstanden, sondern aus zielbewussten Forschungen und Erwägungen, die sich aus der Notlage des jüdischen Volkes ergeben. Redner entwickelt mm nochmals das zionistische Programm und entwickelt die Lage der Juden in den übrigen Ländern. Zum Schluss wendet er sich an die Anwesenden, indem er folgendes sagt: Sie sehen, dass der Zionismus doch etwas ganz anderes ist. als der Herr Oberrabbiner behauptet. Er i,st die einzige Lösung der Jiukr.fragc, kann nur Nutzen bringen und keinen Schaden. Und wenn die Predigt des Hern. Rabbiners dazu beigetragen hat, in unserer engen Gemeinde und im Eisass den Sinn für den Zionismus zu iördern, wenn sie dazu beigetragen haben wird, unserer Idee zum Siege zu verhelfen, dann müssen wir von der Predigt, gemäss dem Aus- Spruch unserer Welsen sagen: . 1* ל ט ר ב ה Z נ Auch das ist zum Guten. Wenn der Rede des Herrn Dr. Dannenberg schon während des Vortrages lauter Beifall gezollt wurde, so bewies der dem Schluss folgende Applaus, dass Herr Dr. Dannenberg die richtigen Worte für das Verhalten des Herrn Oberrabbiners gefunden hat. Die nun folgende Rede des Privatdozenten Dr. Fried-!ander stand im geraden Gegensatz zu der des Vorredners, insofern als erstcrer den Oberrabbiner mit eigenen Waffen schlug und ihm aut das theologische Gebiet folgte, und durch seine geistreiche Logik die Lacher und den Applaus auf seine! Seite hat. ״Meine zionistischen Freunde, die mir soeben den Ausdruck ihrer ״Klatschsucht“ pränumerando gegeben haben, werden ln *r.h beute eine grosse Enttäuschung erleben. Wie einst Balak zu Bileam, so werden auch sie zu mir sagen können: ״ לקב את איבי לדהתיך והכד. ברבת ברךmeine Feinde zu schelten, habe ich dich geholt, und nun willst du sie gar segnen?!“ 111 der Tat, meine Damen und Herren, nicht nur, dass ich nicht die Absicht habe, Herrn Oberrahbiner Ury anzugreifen, ich habe sogar die Absicht, ihn zu s c g 11 en. Ich halte es für meine Pilicht. ihm den herzlichsten Ausdruck unseres Dankes auszusprechen für die Förderung, die er der zionistischeu Sache in Strassburg hat angedeihett lassen. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Selbst die höchste und erbebendste Idee wird ihm, sobald sie ihm häufig vorgeführt w׳ird, *u einer gewöhnlichen alltäglichen Sache, die ihn nicht mehr im frühem Masse interessiert. Auch der Zionismus in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.