Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651310--00402-2657190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fT'f׳‘ י/ Abonnementspreis (Zusendung inbegriffen) Vierteljährlich 1 1. durch dlo Expedition: a) in Berlin M. —,90. b) nach auswärts M I,— c) för das Ausland M. 1,50. 2. im Postabonnoment M. 1,25 3. bei Sammolbozug durch di© Ortsgruppe M. —,6a Postzeitungsliste No. 3944. Inserato die vicrgcspnltene Petitzeile 25 PI. Insoratonboilagon 15 M Organ der m ## ייי* Erscheint jeden Freitag. Adresse för Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Südlscfie Rundsdiau, E. O. m. b. H. Berlin n 54, fluguslsfrasse fit. 49 a. Sprechstunden: v. 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion: Dr. Heinrich üoewe, Berlin flW. 40, üehtlersfrasse 14,15. ן Sprechstunden; Montag und Donnerstag t-6 Unr. No. 21. Berlin, 22. Mai 1803. 25. Ijar 5663. VIII. Jahrgang. ■AM« •fcSiSi ****** —iS **jgfftj: Ein Markstein. Schwermütige Weisen zur Balalaika singend — ein harmloses, gutartiges Völklcin, das kaum einem Tier gern etwas zu Leide tut, — so stellt vor unseren Augen, vor dem geistigen Auge der Welt das Bild von der Einwohne rschaft Süd-Russlands. Und nun, als ob unser Vorstellungsvermögen plötzlich der Zertrümmerung nahe wäre, tanzt an stelle dieser freundlichen Phäaken eine Horde Teufel vor unseren durchgrausten Sinnen — Wesen, die mit Mensch und Tier keine Achnliehkeit mehr zu besitzen scheinen, uns vielmehr in die schauerliehe Fabelwelt von Vampyr und Werwolf versetzen. Woher diese unfassbar grässliche Verwandlung? Hat der Blick des Basilisken sie zum Wahnsinn entfacht, oder ist das Haupt der Meduse unter den Entsetzten aufgetaucht? Ach nein, dieses Haupt soll wohl deh Beschauer in Stein verwandelt haben, aber die Herzen zu Granit zu verhärten, sodass in ihnen jede Faser, die nach Menschlichem schmeckt, abstirbt, das mit seinem Anblick zu erzwingen, dessen vermag nur Einer auf der Welt sich zu rühmen: der Jude! Das ist unsere Majestät, unter der wir stöhnen seit fast zweitausend Jahren, unsere ״Mission“, wie unsere ״Weisen“ sie uns .deuten. Soli sie unser unerbittliches Loos bleiben bis an das Ende der Tage? Seit unserer Zerstreuung unter die christlichen Nationen sind solche fleischgewordenen Szenen aus der Dante sehen Hölle, wie sie sich in Kischinew abspielten, dem jüdischen Volke fast zu dem einzigen Hauptmarksteinen seiner Geschichte geworden, und nach so lange gewöhntem Grausen möchte es scheinen, als sollte, einem Naturgesetz gehorchend, die Hassesflut, die ihre Dämme zerreisst, uns in ungewissen Pausen, aber mit tätlicher Sicherheit schmetternd immer wieder treffen wie Hagelschauer die griinc Saat. Warum also dem Unabwendbaren zu entrinnen trachten?-Noch vor einem Jahrzehnt wäre diese Kismet-Auffasaung kaum zu tadeln gewesen. Nun aber steht der blutige Markstein von Kischinew in dein Schatten eines anderen: des Felsens, an dem wir bauen mit aller Kraft unseres Odems und unserer Hände. Kischinew ist die erste Judenverfolgung ״grossen Stiles“ in den Tagen des am Himmel unseres Volkes emporgestiegenen organisierten Nationalgedankens, des politisehen Zionismus. In ihm ruht die Hoffnung unseres unglücksvertrauten Stammes; nur er kann in den Schicksalen desselben die Wendung erzwingen. Und dennoch gibt es Juden, gebildete, gelehrte, hochbegabte Juden, die diesem Rettungswerke ihrer mit den Fluten kämpfenden Nation tatlos gegenüberstellen. Oder gibt es sie heute vielleicht nicht mehr? Hatte der Jude von gestern noch ein Sclieinrecht, in den Verfolgungen unseres Volkes periodische, nicht zu venneidende Kata- Strophen zu erblicken, heute liegt vor ihm der Weg zur Hilfe geöffnet. War er so verblendet, auf ein Versickern und einstiges ewiges Entschlummern des Judenhasses zu hoffen, die auf Walmsinnsgrausen gestimmten Noten aus Kischinew — und noch scheint das Schreckenslied in Süd-Russland nicht zu Ende zu sein — müssen ihn ״eines Schlechteren“ belehrt haben. — Wenn wir uns bislang zwingen konnten, dem Indiffercnteil gegenüber Nachsicht zu iibeti, jetzt wird auch bei dem Blödesten die Gleichgiltigkeit zu offenem Verrat. Wer heute nicht mit Hand anlcgt, ein sicheres Dach zu zimmern für die Verfolgten in Juda — und das sind historisch begriffen wir alle, unser ganzes Volk — wer jetzt noch kaltherzig und feige zur Seite zu stehen vermag, der drückt sich selbst das Brandmal auf die Stirn. ־-־ ein Jude ist er nicht mehr. Und besser wäre es, dass alle, die auch jetzt noch schwachmütig und wankend sind, dem Judentume völlig und offen den Rücken kehrten, anstatt ihm noch länger nur mit erbaulichem Phrasendrusch zu frohnden und es von seinem Wege zur lieir.serselmteu Friedcnsheiinat abzulcnken. Ein blutiger Markstein scheidet uns von ihnen. עוזר נך יהודה Der Kampf gegen den Protest-Oberrabbiner. Mancher wird beim Lesen der Deberscliriit vielleicht denken, ich wollte mit Nachstehendem ein Ereignis schildern, welches vier bis fünf Jahre zuriickliegt, als das Protestein seitens der Rabbiner von der Kanzel herab noch im Schwünge war, und als ein Zeichen von ganz besonders grosser jüdischer Gcsinnungstiichtigkcit galt. Aber die folgende Schilderung bezieht sich aut eine Kaiizdredc des Herrn Ober-Rabbiner U r y in Strsssburg vom ersten Pcssachtagc und auf den Protest der zionistischen Vereinigung gegen diese Predigt. Unser verelirtcr Führer Dr. Herzl gab die Parole aus, von der Eroberung der Gemeinden, nun wir sind durch die Vernichtungsrede des Herrn Ober-Rabbiners Ury am ersten Pessachtagc so glücklich, f rVV*Wi# TTT