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Jüdische Rundschau · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1 No. 20. JUdinctie R11n<lscl1f1.1t• Seite 191. hältnisscL Deshalb glauben wir, dass die Frage der wirtschaftlichcn Gegensätze in diesem Falle ganz ausgeschlossen bleiben muss. Zu den Ursachen der jüngsten Vorfülle rechne ich in erster Linie den Einfluss der örtlichen Presse, deren einziger Vertreter die Zeitung ״Bessarabetz“ ist. Andere Zeitungen hat das Zentrat-Zensurkomitee nicht genehmigen wollen, und so bekam die Bevölkerung tagaus tagein nur ein und dasselbe zu hören, nümlicli: Die Juden sind Feinde, die Juden sind schädlich, die Juden müssen vernichtet werden! Die hiesige Zenstirbehörde, d. h. die hiesige höchste Verwaltungsbehörde, hat offenbar diese Richtung als dem S’aatsintercsse dienlich angesehen, anders ist ihr Verhalten in der Frage ganz uncrklürlich. Die hiesige jüdische Bevölkerung, die lange vor der. Feiertagen von der Gährung im Volke und von Drohungen der Veranstaltung von Judcnkrawallcn Kenntnis erhalten hatte, wandte sich durch ihre Vertreter an den Chef des (iouverneinents behufs F.rgreifung der notwendigen Vorbcnguugsnussregeln zum Schulze der Juden und ihres Eigentums. F,:r Herr Gouverneur hat Versicherungen •gegeben, die sehr he* ruhigend waren. . . Unter diesen Umstünde» ist cs nicht zu verwundern, dass manche der verhafteten Krawallstiiter erstaunt!ragten: ״Weshalb werden wir verhaltet, es ist doch erlaubt, die Juden zu erschlagen!'* Fügen wir hinzu, dass das Rundschreiben der russische:» Regierung allen Berichten objektiver Zeitungen, wie der ,Times*, der ״Frankfurter Zeitung‘*, der ״Neuen Hamburger Zeitung** etc. schnurstracks widerspricht, so erhebt sich die Frage: Wem haben wir zu glauben, den bisher!»»»widerlegten Berich* ten aller niclitjiidischen »md jüdischen Zeitungen oder der russi* sehen Regierung, deren ״offizielle“ Berichte über die grossen Studentenunruheu ja noch in aller!;rinnerung sind? Und die Antwort hat unzweideutig zu lauten: Das Rujidschrci* bei» des russischen Ministers ist eine grosse Lüge von Anfang b i s z u F.!1 d c, eine Lüge, die in engster Verbindung steht mit dem ganzen System der Behandlung der russischen Juden durch die Regierung. Mehr noch: Die Tatsache, dass man diese Lüge in die Wjelt setzt, das Verhalte» von Verwaltung. Polizei und Militär, die Tatsache», welche d.c jüdische Denkschrift anführt, alles das muss in einem k-ansalcn Zusammenhänge mit den Oreueli» von Kischinew stehen.־ Zu alledem kommt noch eine Frage -- die wichtigste für eine zukünftige Geschichte dessen, was wir schaudernd iintcrleben — die Frage: Wer hat die Judenverfolgung organisiert? Denn organisiert war sie, das ist jetzt ausser allen» Zweifel Der eingangs zitierte Gewährsmann der ,.Hamburger Zeitung ‘ wirft dieselbe Frage auf und schreibt: ״Mit Stöcken. Beilen und Waffen systematisch ausgerüstete Banden brachen aus den verschiedensten Stadtteile»» zur seihen Stunde hervor unJ fielen über die ahnungslosen Juden her.“ In der jüdischen Denkschrift heisst es: ״Uns ist es natürlich unmöglich fest* zustellcn, woher die Flugblätter gekommen sind, die in den Kneipen der Stadt Kischinew verbreitet sind. In diesen wurde behauptet, der Zar habe gestattet, während der drei erste׳! Tage der heiligen Ostern die Jude!» zu überfallen." Und cud- _ licli. das Rundschreiben der Regierung beginnt mit den Wo!- ten: ״Bef den Unruhen, deren Urheber meist einfache Leute waren . . . .“ Wozu dieser Zusatz, dessen Fehlen niemand vermiss! hätte? Wenn innerhalb eines so lügnerischen, in bestimmter Tendenz geschriebenen, verdäehtigen Berichtes ein so überflüssiger Zusatz steht, so heisst das auf deutsch: ״Bel den Unruhen, deren Urheber in den höheren Kreisen zu suche 11 sind . . .“ So lehrt uns tulmudisohe Logik, die schon deutlich den Satz ausspricht, dass zuviel Vorsicht den Schuldigen verrät. So lange kein Gegenbeweis vorliegt, halten wir es für höchst wahrscheinlich, dass die russische Regierung zum minde,ste» als Mitwisserin, vielleicht sogar der Gedanke ist furchtbar aktiv au den Vorgängen in Südrussland mitschuldig ist. ־ Und es rührt sich in ganz Südrussland. Wir berichtete»! ־ schon von der fluchtartigen Auswanderung der Juden aus Kiew und der vernünftigen Massregeln zur Selbsthilfe in Odessa. Hochinteressant ist cs, dass das Rundschreiben des Ministers die Bemerkung enthält, dass die Bildung von Vereinen zur Selbstverteidigung durchaus unzulässig ist. Man verlangt demnach noch z»1 allem ,andern, dass siel» die Juden ohne Gegenwehr!»»»»schlachten lassen. Das stimmt ganz zu den» Geiste des Rundschreibens, das die Juden als die Angreifer hlnstcllcu möchte. Ls ist natürlich, dass der Berliner Bessarabetz (hier nennt man ihn ,-Staatsbürger-Zeitung“, christlich-fromme ״Kreuzzeitung“ etc.) diese scha»nlose Lüge mit heller Freude begriissu» und offen ihre Sympathie mit de!» Mördern und Räubern Ausdrücken. Daiür leben wir ja auch im gesitteten Deutschland, das an der Spitze der Kultur steht. Hier sind s»!ehe Exzesse unmöglich, meine!» einige. Eben kommt uns c'ne Nachricht, die geeignet ist. das Blut in den Ader»» erstarren zu lassen. Lin Tclegram»»» aus Russland meldet: In Tlraspcl (an der Bahn Odessa-Jassy)!» a b e » ähnliche Tumulte wie In Kischinew s t a 11 g e! »1!1 d c 1». Was soll daraus werden? Dieser 'lag*.־ erzählte ich einem christlichen Kollegen von du» Vorgängen in Kischinew. ״Was wollt Ihr tun. um ähnlichem für die Zukunft vorzubeugen?‘* iragte er. Ich setzte ihm mit kurzen, erregten Worten unseren zionistische!» Gedanken auseinander. ,.Nun, die Mitte! zu diesem grossartigen Plan können doch nicht allzuschwcr aufzubringen sein,“ meinte er; ״Ihr Juden, gebt doch ungeheure Summen für Wohltätigkeit her,“ Als ich ihn» — ich schämte mich sehr dabei -* sagte, dass noch immer viele Juden, und gerade die Reichen, unsere Lösung immer und immer wieder zurückwiesen. ohne eine andere an ihre Stelle zu setzen, da schüttelte er den Kopf und sagte nachdenklich: ״Das verstehe ich nicht!“ Elija h u. Berlin. Es ist sehr aufgefallen und hat unliebsames Aufsehen gemacht, dass Sammlungen iiir Kischinew zugleich von dem Hilfsverein der deutschen Juden und der Alliance Israelite Universelle getrennt stattfinden. Es scheint nicht in der! Intentionen des Hilfsvereins gelegen zu haben, da.ss die San»»- langen gemeinschaftlich veranstaltet wurden. Wenigstems spricht hierfür folgende Tatsache: Das Lokolkomitec der Alliance wollte an der Börse eine Liste auitegen lassen, wozu die Genehmigung des Brrsenvorstandes erforderlich ist. Nachdem das mit Stellung des Antrags beauftragte Mitglied gehört halte, dass auch der Hilfsverein einen derartigen Antrag stellen wolle, wandte er sich an de Vorstandsmitglieder, welche mit der Einreichung des Gesuchs für den Hilfsverein betraut waren, und schlug ihnen vor. dass nur e i n e List».• ausgelegt werde»! solle, deren Ergebnisse dann zur Hälfte zu teile«» wären. Nachdem die Herren vom Hilfsverein erklärt hatten, auf diesen Vorschlag nicht einzugehen, sondern allein vergehe» zu wollen, nahm das Lokalkomitce der Alliance davon Abstand, die Aut'־ le״un״ einer Liste sich genehmigen zu lassen, um wenigstens nicht an dieser Stelle das lamentable Bild kleinlicher K״nkurrenz zu gewähren. Die Alliance ist dem Hilisverein gegenüber viel zu vornelim. Der Hilisverein sollte :»ach Ch'na gehen, denn er ist des Bambus wert. - - Das Berliner Lokalkomitce der Alliance Israöllte Unlverseile erlässt einen Aufruf “zugunsten unserer schwerverfolgtcn Brüder in Kischinew. Wir weisen auf diesen Aufruf in unser»»» Inseratenteil hin, indem wir gleichzeitig einen bösen Druckfehler in voriger Nummer berichtigen. Nicht!000 sondern 50 000 Franken hat das Zentralkonsitec der Alliance sofort nach Kischinew geschickt, als ihm die Mitteilung der dortigen Gräueltaten wurde• Rcpräsentantcnvcrsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin j»m 10. Mal. Nach Verlesung des Protokolls kommt ein von verschiedeneu Mitgliedern der Versammlung unterstützter Antrag zur Annahme, der aui folgenden sämtlicher» Gemeindebote» zugegangenen Brief zurückgeht. Die Verlesung des Briefes wurde unnötig, weil jeder im Besitze einer Abschrift war. ז , Berlin N'.O. 55. den 8. Mai 1903. Hcinersdorrerstr. I.

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