Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651308--00375-2657161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

£* Seite 180. Jüdische Huudschau. ׳ Von deri Reden der auswärtige׳; Delegierten sei nämcntlieh die des [justizrat Dr. Heinrich Mcyer-Cohn hervorgehoben, der es sehr beklagt, dass die Allianz bisher stets zu wenig von sich habe reden machen, und nie öffentlich Propaganda getrieben hat. Dadurch habe sic sich ein; sehr wichtiges Mittel, im :Interesse des Judentums zu arbeiten, entgehen lassen. Er hofft von dieser Generalversammlung, dass sic den Anstoss zu einer energischen agitatorischen Tätigkeit der Allianz geben werde. Er hebt aber hervor, dass die Allianz stets eine jüdische Politik getrieben habe und nicht etwa für Frankreich und französisches Wesen Propaganda machen wollte. Er betont das interterritorielic Wesen der Allinanz. Da' eine Diskussion nicht gewünscht wurde, so schloss die Versammlung um 11ג־׳ז Uhr. Sie war programmässig verlaufen und in keiner Weise durch böswillige Kritik gestört. Es gibt trotzdem vieles zu kritisieren. Wir entnehmen der Neuen Prcussischen (Kreuz-) Zeitung über Palästina folgenden Bericht: ״Aus Palästina. Die aus Württemberg nach Palästina ausgewanderten Templer zählen in ihrer ältesten Kolonie Haifa (gegründet 1860) noch 70 Familien mit 360 Seelen, in Jana 43 mit 234 Seelen, in dem nahe gelegenen Sarona 52 mit 236, in Jerusalem selbst 206 Seelen, also zusammen II16 Seelen. F.in neue Kolonie ist in Ramie an der Bahn von Jerusalem nach Jaffa im Entstehen. Die Templer sind weitaus das stärkste evangelisch-europäische Eiement in Palästina. Ihr zäher Fleiss, ihr landwirtschaftliches Geschick, ihr wirtschaftlicher Aufschwung werden aitseitig anerkannt. Auch Kaiser Wilhelm II. bat bei seiner Palästinareise sielt sehr lobend über sic ausgesprochen. Der allerdings nur geringe Export Palästinas liegt in ihren Händen; er beschränkt sich in der Hauptsache auf die Erzeugnisse ihrer Pflanzungen in Palästina, besonders Wein und Orangen. — Infolge des wachsenden Handels mit Moab ist auf dem toten Meere eine Dampfbarkassc in Verkehr gesetzt, der Güter und Passagiere nach der Missionsstation Kerak (dem alten Kir Moab) befördert. Diese an sich sehr abgelegene Station ist dadurch mit dem Weltverkehr in Verbindung gebracht. Auch die längs der Pilgerstrasse von Damaskus nach Mekka im Bau begriffene Telegraphcnlinic ist bis Kerak fertig. Die in derselben Richtung geplante Eisenbahn schreitet dagegen langsamer vor, sie ist eist östlich vom See Genezarcth im Hauran angclangt: die unter den schlecht ernährten Arbeitern ausgebrochene Cholera hält den Bau auf. Von den ungefähr 50 00) Einwohnern Jerusalcins sind rund 30 000 Juden, 10 000 Christen und nur 10000 Mohammedaner. Von den Christen gehören etwa die Hälfte schtnack nicht «ahnen lässt, mit den! das Innere aus» gciTdirt ist. Auf dem prächtigen Vorbote, einem Meisterstfick osmanischen Haustils, wird nach uralter morgenländischer Sitte Markt gehalten. Ganz ebenso fanden ja die grossen Messen des Mittelalters zu den Füssen der Domkirchen und Kathedralen statt. Der Sultan Bajazid, welchem diese Arkaden von Spitzbogen aus weissem und schwarzem Marmor, überhaupt das ganze herrliche Kunstwerk sein Dasein verdankt, sali eines Tages einen Annen, der um ein Almosen bat. Er kaufte ihm zti orientalisch-königlichen Preise ein Taubenpaar ab und schenkte es dem von ihm erbauten Gotteshau.se. Zum Andenken daran werden die Tauben hier noch heute auf Kosten der Gläubigen gefüttert. Man müsste dabei an San Marco in den Lagunen denken. Aber eine andere Fütterung verdrängt sofort diesen Eindruck. Denn jeden Freitag kommen hier aus dem ganzen Eski- Serail- und Kum-Kapu-Stadtvierte! ׳gewohnheitsmässig die herrenlosen Munde zusammen, um au der für sie verunstalteten Brotverteilung teilzunchnien. No. 19. zur griechischen Kirche. — Der Zionismus ist derzeit die für das heilige Land wichtigste Bewegung. Bis zum Jahre 1875 belief sich die Zahl der Juden in Palästina auf nicht mehr als 30 000 Seelen, die fast auschlicsslich spanisch sprechen. Seitdem ist ein starker Zufluss aus Osteuropa gekommen, bcsonders aus dem südlichen Russland, so das cs heute 70 bis!00 600 Juden in Palästina gibt. Für diese meist ein verdorbenes ״Judcudcutsch“ sprechenden Einwanderer sind 51 450 Ackerland *) gekauft und darauf 20 Dörfer und 13 Pflanzungen angelegt worden. Der Zionismus plant nun nichts geringcrcs, als Palästina dem Sultan abzukaufen und dort ein mehr oder weniger unabhängiges Staatswesen spezifisch jüdischer Art einzuriehten• Er rechnet dabei auf die beständige Geldnot der Piurtc einerseits und die unermesslichen Schätze der Rothschild. Hirsch, Montefiore tisw. andererseits. Er ist lediglich eine uatiouahjüdischc Bewegung, hei der das religiöse Moment kaum eine Rolle spielt. Palästina ist aber nur für ein zähes Ackerbauvolk ein wertvoller Besitz, mul nur der Scliweiss unermüdlicher Arbeit vermag die Wüste wieder in einen Garten mnzuwandcln. Deshalb sind alle jüdischen K״!onisationsversuchc in Palästina bisher gescheitert.“ Dazu ist tatsächlich zu bemerken, dass das ..zähe Ackerbauvolk“. au! das hier d'c Kreuzzeitung hindernd, die deutschen Kolonisten im heiligen Lande, zum weitaus grössten Teile den Pflug verlassen haben, während die jüdischen Schacherer und Wucherer - wir bedienen uns solcher Alisdrücke, die in den Augen der Kreuzzcitung wohlgefällig sind. ־ in üeissiger Arbeit den Boden bebauen. Der Beweis ist in den Spalten der Kreuzzeitung, die selbst zugibt, dass der Export Palästinas völlig in den Händen der deutschen ..zähen Ackerbauer“ liegt. Der Schlusssatz, dass alle jüdischen Kolonisationsversuchc bisher in Palästina gescheitert sind, ist das Gegeilte.'! dessen, was man Wahrheit nennt. Aber das geniert das fromme Blatt nicht, das aut dem Standpunkte des Pontius Pilatus steht: ״Was ist Wahrheit?“ Ucbrigcns werden solche, lügenhaften Berichte mit geschäftstüchtiger Konsequenz rege!־ massig aus Palästina in die europäischen Blätter lniuicrt und wir müssen auch in dieser Hinsicht die weitaus grössere Geschäftstiichtigkeit deutscher Ansiedler in Palästina neidlos auerkennen. Zur Beruhigung unserer Leser konstatieren wir. dass trotz unveränderter Schwierigkeiten die landwirtschattliehe Kolonisation Palästinas durch Juden in keiner Weise als gescheitert angesehen werden darf und dass sic der beste Bcweis für die Realisierbarkeit der zionistischen Bestrebungen ist. Verbrecher mul Anarchisten sind solange in England ungehindert eingewandert, dass allmählich den Engländern graut, gewisse Teile ihrer eignen Hauptstadt zu betreten. Infolgedessen hat sich eine fremdenfeindliche Strömung herausgebildet, deren Ziel cs ist, die Einwanderung zu hemmen und möglichst zu verhindern. Teils mit teils ohne Absicht trifft das die Juden, die zu den Verbrechern und Anarchisten gerade keinen irgendwie bedeutenden Teil gestellt haben und die durch die Auswanderung dem Hungertod«: zu entfliehen versuchen, der in den christlichen Kulturstaaten des Ostens ihnen bereitet wird. Wie die Nachbarstaaten bisher das in England geltende Asylrecht aufg,eiasst haben, ersteht mau aus der folgenden Meldung des ״Daily Mail“, dass nämlich ein deutscher Sträfling Namens Fischer, der in einem belgischen Gefängnis wegen Diebstahls von Wertsachen seclis Monate abgesessen hat. von der belgischen Polizei nach England ausgewiesen worden sei. Man liess dem Manne keine Wahl, indem man ihn in Ostende einfach auf den nach Dover absegelnden Dampfer brachte. Die Fahrkarte war bezahlt, sonst aber hstnC der Mann keine Mittel. In! Gegensatz zu diesen Mitteilungen. die nicht verfehlen werden, einen tiefen Eindruck auf den bereits sehr misstrauischen John Bull zu machen, verdienen die Aussagen des Sir Samuel Moutagu hervorgehoben *) Missverständnis des englischen Masscs ״Acres“.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.