Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178. «Jlidlissclie JEfcuncleoIie,!!. No. 19. zionistischen Organisationen haben sich unter Leitung von Prof. Mandelstamm als Hilfskomitees konstituiert. Das Akttons־ komitce veröffentlicht einen Aufruf zum Beistand. Der zionistische Distrikt Kiew hat als erste Sifnmic 1000 Rubel ängewiesen, aus Odessa werden Kleider und Speisen geschickt, und allenthalben wird für die Unglücklichen gesammelt. Die Alliance krachte Universelle hat sofort 1000 Francs gesandt und eröffnet; eine Sammlung. Die Berliner Montcfiore-Loge hat ebenfalls 1000 Mark gestern abgesandt. Auch die anderen Hilfsgcscllschaitcn werden sich rühren, und man wird versuchen, den Schaden, soweit er nicht uncisctzlich ist. notdürftig zu flicken. Fiir alle Juden aber erlicht sich wieder die Frage voll Schmerz und Grimm: Wie lange noch sollen wir in der Fremde unser Haupt beugen müssen? Flijahn. Aus der Bewegung. be Berlin. Am Dienstag, dem 12. Mal 1903. pünktlich 9 Uhr, findet im grossen Saale des Berliner Handwerker- Vereins, Sopliicnstrassc 15, eine grosse zionistische Volksversammlung statt, in der Dr. Alfred Klee über das Thema sprechen wird: ״D i c Juden vcrfolg 1111 gcn in Siid r 11 ss 1 a 11 d, ein Mene-Tekel!“ Distriktbureau Berlin. Die Inhaber der Schekelbloks werden dringend um eingehende Rücksendung der Blocks und Einsendung der Schekelgelder ersucht. Berlin. Am 5. Mai veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung ihre Schekclieictr, die reckt gut besucht war. Ursprünglich als eine mehr heitere Veranstaltung gedacht, war sie zu einer ernsten Kundgebung geworden. Die Sefiratagc vor allein das schwere Unglück, das unsere Brüder in Kischinew getroffen. gaben der Veranstaltung ihr Gepräge. Nach einer kurzen Einführung durch Dr. Th. Zlocisti. der die treibeuden Voraussetzungen für die Einrichtung unseres Schekeltages skizzierte und seine Charaktere zeichnete*, hielt Herr Rabb. Emil Levy seine meisterhafte Festansprache. Auf dein klüftigen Unterbau altjüdischer Kulturwerke schuf eine ebenso foimgewandte. wie feinpsychologische Detailmodellicrung des Zionismus und seiner Institutionen, dabei in überraschend neuen Deutungen unsere Ziele und Bewegungsmitlel au die alten Jüdischen Opfergesetze anlchnend — und alles fügte er sich so folgerecht, dass man verstand, wie unsere ״moderne Jüdische Homiletik“ erst die Gedanken unserer Lehrer und Midrasch dichter verrenken und verzerren muss, um die seelsorgerischen Tränkleit! für die mosaische Konfession zu brauen. — 1111 weiteren Verlauf trug Gg. Erich Rosenkranz die Dichtung Beruria vor, gross, seelenvoll, bis ins Innerste aufwühlend. Nachdem noch Frau Gottschalk zwei Lieder, Herr Director Schmcrl jüdische Melodien, Herr Dr. Zlocisti eine liebliche Legende Scchir-Jaboth von Huldschincr vorgetragen, sangen wir unsere schwermütigen und sehnsuchtsvollen Nationalweiscn Dort wo die Zeiten .“ ו p ת " Es war eine dem Ernste des Tages angemessene ernste Feier. ’ N. S. I!n April fand in Schönebcrg bei Berlin eine kleine, Ver- Sammlung statt, in der Dr. Lcszynski über den Zionismus referierte. In der sehr angeregten Diskussion, an der sich ausser dem Rciercntcu die Doktoren Richard und Heinrich Loewe. und Dr. Mendelssohn beteiligten, wurde besonders auch die Stellung der Zionisten für und wieder die Religion besprochen. Dr. H. I.oewe gab ausführliche Auskünfte über Palästina und die jüdischen Kolonien, daselbst auf Grund langjähriger Kenntiiis. Schliesslich traten eine grössere Anzahl neuer Mitglieder der Berliner Zionistischen Vereinigung bei. Am 31. März veranstaltete die ״Zionistische Ortsgruppe Dresden" eine grössere Vereinsversamtnhmg mit vielen geladciicn Gästen• Das Referat zu diesem Abend hatte Egon Rosenberg - Berlin freundlicherweise übernommen. Das Thema lautete: ״Was ich gegen den Zionismus hätte, wenn ich Sozialdemokrat wäre.“ # Redner sprach zuerst kurz über unsere Gegner, welche zur Kategorie der Assimilantcn gehören, streifte dann die orthodoxen Gegner und ging dann des Näheren auf die Gegner des Zionismus im sozialdemokratischen Lager ein. Zunächst wies er nach, dass von sozialdemokratischer Seite der Zionismus fast ausschliesslich durch die Jüdischen ״Genossen“ bekämpft werde. Dann entwickelte er in klarer, durchsichtiger Weise, wie der Zionismus durchaus nicht im Gegensätze zur sozialdemokratischen Lehre zu stellen sei und dass die Juden in der sozialdemokratischen Partei sehr wohl, und zwar in erster Linie für ihre eigene Nation zu kämpfen haben. ״Näher‘ als der Rock, ist das Hemd“ und darum sei zü verlangen, dass der Jude sich zuerst seiner Pflichten gegeniil>er seinem eigenen Volke bewusst werde. Redner erinnerte sodann, wie auf dem Pariser Kongress der Notlage der Buren und Armenier gedacht wurde, dass aber sich gestatten, der da weiss, wie hier Hund und Mensch j mit einander leben. Eiter kann man einen Cha'rakterzug j des Orientalen erkennen, wenn man weiss, dass diese : Hunde während der Anwesenheit Sr. Majestät Kaiser \ Willielms II. in einem besonders erbauten Chan beherbergt und bewirtet wurden, um ihrer Lästigkeit vorzubeugen. Ausgewiesen wurden sie freilich nicht. Die Hunde sind da, so lauge Stambul türkisch ist. Als die bezeichnendsten Unterschiede von andern Gressstädten gibt der französische Diplomat Francois A. de Chateaubriand, der im Jahre ISOö auf seiner Palüstinareisc ebenfalls Konstantinopel besuchte, an ״l'abscncc presqtie totale des femmes, le nianquc de vo•tu!גי׳ a m•*»« et les mentes de chiens saus maitre.“ Wie gesagt, die Hunde sind geblieben. Wenn aber auch die vornehme Damenwelt heute noch wenig daran denkt, auf Boulevards und unter Alleen von Linden kostbare Toiletten spazieren zu tragen, die Frauenwelt ist ein integrierender Bestandteil türkischen Sirasscn!cbe:!s geworden. Vielleicht auch war de Chatcarbriand auf seinem Fluge durch Konstantinopel nicht immer imstände, die in ihrer Kleidung so ähnlichen orientalischen!Männer- und Frauengestalten zu unterscheiden. Der Mangel an Wagen ist vollends geschwunden. Wer von Konstantinopel kommt, dem wird noch lange das i warnende ״Oö-ah“ der Kutscher (entstanden aus j ״Yarda“ Achtgeben?) in den nicht mehr verwöhnten! Ohren klingen. Diesen Kutschen und Equipagen, Fuhrwerke und Lastwagen haben einen neuen Farbenton in das bunte Gemisch dieses hauptstädtischen Lebens gebracht. Wenn aber der französische Besucher mit unverhohlenem Staunen die Kirchhofsruhc dieses Lebens darstellt ״I c s i 1 e 11 c c c s t c o!! t i in e 1", so will uns das in diesem unruhigen und fast wilden Fluten von Mcnsehenwellen, in diesem ewigen Gedröhue tausendiacher Stimmen beinahe drollig anmuten. Die Ruhe des Türken verschwinde* in diesem Hasten und Jagen, in diesem Schieben und Lärmen der Armenier, Juden, Araber, Griechen, deren Lebhaftigkeit den Südländer Europas fibertrifft. An dem Osmanen, dessen Staatstalent dieses Leben geschaffen hat. flutet cs scheinbar eindruckslos vorüber. Mit ruhigem Glcichmutc, der ihn am meisten von seinen semitischen Glaubensgenossen unterscheidet, hockt er auf kaum fusshohen kleinen Rohrstiihlchen. schlürft mit stoischer Ruhe den Rauch seines persischen Tämbeki aus dem Narghilc oder seinen Tütün aus dem langen Tschibuk, der freilich bald von der Zigarrette auf den Aussterbeetat gesetzt sein wird.