Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 19. JlidiRche Rundschau. Seite 177. aus d6m Munde gerissen, einem Manne Augen und Zunge herausgeschnitten. Es ist nicht möglich, bei den grässlichen Bildern länger zu verweilen. Die zahllosen Verstümmelungen legen Zeugnis ab von der raffinierten mörderischen Phantasie der Bandei!. Und was taten die offiziellen Kreise? Nicht nur der Pöbel wütete in Kischincw׳; während des Gemetzels hetzten die Priester das Volk, und 20 Jünger des heiligen Standes mussten wegen offener Beteiligung an dem Krawall nachträglich verhaftet werden- Man sah Beamte in Uniform unter der Menge, und die Tatsache ist gesichert, dass sich P o 1 i 7. c i I c u t c an dem Plündern und Rauben beteiligten. Trotzdem in Kischincw mehrere tausend Mann Qarnison stehen, geschah nicht das Geringste, um den Krawall zu verhindern. Im Gegenteil: Das Militär sperrte einzelne Strassen, während der Pöbel in ihm wütete, ab, und lieferte »so die Juden schutzlos der Volkswut aus. Vielfach wurden die Juden von Polizei und Militär, wenn sic zu flüchten suchten, in ihre Häuser gedrängt, so dass sic weder einander beisteheu noch den Mördern ausweicheu k״nntcn. Gegen die Aufrührer geschah nichts. Eine Anzahl Juden flüchtete sich ״unter den Schutz, der Regierung,“ in das Haus des Gouverneurs: Man trieb sie gewaltsam hinaus und unter die Menge. Der Gouverneur — ein gehorsamer Beamter —- erbat sich inzwischen ..Instruktionen" aus Petersburg, denn augenscheinlich gehörte es nicht zu seiner gewohnten lnstiuktion, Leben und Eigentum seiner Bürger, wenn sic Juden sind, zu schützen. Endlich kam von oben her die Weisung, dem Morden Einhalt zu tun, und das nun folgende ist charakteristisch: Als das Militär Jetzt cinschritt. bedurfte es nicht eines Schusses, uni das Volk zur Ruhe zu bringen. Der Krawall war also wohl vorbereitet, die Menge wusste genau, wann sie anzufangen und wann sie aufzuhören hätte. Da es so spielend gelang, die Ordnung wicdcrlicrzustellen. liegt eine bewusste und gewollte sträfliche Unterlassung der Regierung v׳'or, und alles!111• schuldige Blut kommt dierckt auf das Haupt der Regierung. Es liicss zuerst, dass bei der Ruhestiftung in die Massen hincingefeucrt und gegen 25 Menschen getötet wurden. Jetzt stellt sich heraus, dass nur ein halbwüchsiger Bengel durch einen Lanzenstich getötet ist. Schüsse sind überhaupt nicht gefallen. Die Regierung tut jetzt ״ihre volle Schuldigkeit“. Der Gouverneur und der Polizeimeister sind ihres Amtes enthoben — man wird sie wohl schon anderwärts unterbringen — cs werden Sicberheitsmassrcgeln getroffen, das Volk wird gewarnt. Einige allzu vorlaute Rädelsführer sind sogar ver- haftet. Das Unglück der Juden ist unermesslich- Der offizielle Bericht log zuerst von 8 Erschlagenen und einigen 30 Verwundeten. Das verhüllt nur die grausige Wahrheit. Uns liegt Jetzt schon die folgende Liste von *11 Toten vor. Jcchicl Selzer, Mosche Machliu, Jchoschua Bcrlatzki, Koppel Kauarski. Jankef Tunik, Abraham Cohn (Kogon), Mordche Mirtdek., Jisroel Ulter, Jisroel Sclischan, Benjamin Baranovitsch. Sussmann Panorssch, Ben Zion Galanter, Chain! 1.2:1! Goldes, David Chazkclewitsch, Simcha Wulf, Hirsch Liss, Julei Krupnik, lizchak Meier Krupnik (sein Sohn), Drachmann. Morüchc Orinspun, Jizchak David Bielski. Josef Kantor, Hirsch Boigar, Chain! Nissensohn. Schmu! Burcch Urmann, Anrout Weinstein. Mosche Hirsch Rincl, Aron Brachmann. Jizschak Rosenfeld. Josef Hirsch Grfinberg, Dowid Charidnn, Kalmann Malawitsch, Kailc Mosa, Raise Kazaf. Chaje Lore Panasch, Ltd Berger, Pinie Spiwak. Chaje Laie Kigelmann, Feine Wulcr. Schimon Eischmanu (10 Jahr alt), Micha! Loschak (2 Jahr alt) Dabei sind mir diejenigen gerechnet, die auf den! jüdischen Friedhof nach der Rekognoszierung beerdigt sind. Zahlreiche!.eichen aber, besonders von!*rauen, sind nicht zu erkennen. Man schätzt schon jetzt die Zahl der Toten au! über hundert, erd tagtäglich sterben Schwerverletzte und Verstümmelte in den Spitälern. Damit ist das Unglück lauge nicht erschöpft. In den Spitälern liegen mehrere hundert zuintci! schwer Verwundeter, meist Ernährer von Familien. Etliche tausend Familien liegen aller Notdurft har. auf der Strasse. Sie, die schon vordem mit Armut und Flend zu kämpfen hatten, sind jetzt dem Hungertode preisgegeben, wenn nicht Hilfe kommt. Eine grosse jüdisehe Gemeinde ist vernichtet. Der Schrecken hat weit über Kischincw hinausgegriffen, ln Kiew fürchteten die Juden ähnliche Exzesse und mehrere ta u s c 11 d begaben sich des h a 1 b auf die Wander Schaft. Die Truppen sind verstärkt, und cs ist zu erwarten, dass nichts Ernstes eintritt. denn auch die Regierung hat genug des Mordcns. In Odessa, einer der gewaltigsten Judengcnieiuden, rüstet sich die Judeuhät für alle Fälle zur Gegenwehr. Flammende Aufrufe fordern sic auf, mannhaft für ihr Leben und Judentum zu kämpfen; tausende von Waffen sind von Juden «»gekauft worden, aber auch hier w׳ird es wohl — vielleicht nicht zuletzt durch diese energische Selbsthilfe — ruhig bleiben- Die Hilfsaktion für Kischincw' ist in vollem Gange. Die ein kleiner Industrie- und Handelsstaal werden. Von hier ans wollte er mit Venedig konknruieren. Dass seine Gründung misslang, hatte seinen Grund teils in der binncnländisehcn Lage des kleinen Staatswesens, teils darin, dass er sich nicht entschlossen konnte, persönlich Stambul zu verlassen. Auch heute noch ist der orientalische Jude jeglicher Herkunft ausser den Asehkettasim der geborene Zionist. Nur ist den! Spagnolen Tatkraft und Mut verloren gegangen. Wenn der heutige Kulturtürke nicht mehr von dem wilden Trotze jenes grossen Sultans hat, der hoch zu Rosse in die Sophienkirchc hmeinriu, und ehe er sein Gebet verrichtete sein Siegcsscliwcrt in eine der grosser! Porphyrsäulen hineinschieb, dass die Sehwertesspitze noch heute im Säuleuschafte steckend gezeigt wird, so ist der spagnolische Jude in der Entwicklung noch weiter gegangen und nur die allspanischen Kaute gemahnen heute noch an die Herkunft von den jüdischen Rittern Granadas. Die mehr als hunderttausend Seelen zählende Gemeinde von Konstantinopcl ist greisenhaft geworden. Um Konstantinopel, wie es heute ist und lebt, wirklieh zu sehen, bedürfte es einen niehrwöchentlichcn Aufenthalts. Um aber über die Stadt und seine Bewohner ein Urteil zu fällen, bedarf es. noch einer besonderen .Gabe, einer grösseren Assimitationsfähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt des Orients zu versetzen. Da dies den meisten Reisenden durchaus abgeht, da ihnen selbst die notwendigste Pforte hierzu, die praktische Kenntnis orientalischer Sprachen, durchaus verschlossen ist, so muss man die Urteile solcher Reisenden über den Vorort des Morgenlandes nur mit grösster Zurückhaltung aufnehmen. Auch vermag nur derjenige einer fremden Eigenart seine Gefühlswelt anzucignen, der mit allen Fasern seiner Seele im Heimatboden wurzelt. Daher so viele falsche Urteile über die M Menschen in Konstantinopcl. Gewiss kann jedermann bemerken, dass es auf den Strassen dieser Stadt Hunde gibt. Jeder Reisende vermag zu berichten, wie Menscheu und Pferde über diese trägen Tiere dahinschreiten, die von Unrat und Abfällen ihr elendes Leben fristen. Mancher Reisende ist wohl auch in die Lage gekommen, wenn er im Dunkel der Nacht von Janni’s Wiener Bier- Stube in der grossen Perastrasse heimkehrtc zum Hotel, sich ihrer freundlichen Zudringlichkeit mit kräftiger Reaktion seines Stiefelabsatzes zu erwehren. Denn die Hunde wissen genau, wer fremd im Orientist. Aber aus j der Existenz dieses Hundelebens einen Rückschluss auf I die Bewohner der Stadt zu ziehen, darf nur derjenige