Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651308--00371-2657157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 176. «Jlidiselie Rundschau. No. 19. können, die um unseres Judentums willen verfolgt werden. Und nöcli eins: Diese Heimat kann nicht in irgend einem Lande sein, wo die Juden in christlicher Umgebung leben; denn die christliche Liebe könnte unter der Nachbarschaft Von Juden leiden. Mit Recht hat eine deutsche Zeitung dep Juden die Schuld an den Grcueltatcn in Kischinew gegeben: denn wenn wir nicht lebten, könnte man uns doch nicht totschlagen. Aber auch den jüdischen Hauern, der in Palästina dem mütterlichen Hoden in harter Arbeit abringt, was er mit den Seinen zum Leben gebraucht, wird man nicht verfolgen; denn die Tiefaxt, mit der er den Hoden urbar macht, ist auch geeignet, die Schwelle zu verteidigen, hinter der die Ehre und das Leben seiner Kinder geborgen ist. Und schliesslich: die wilden Türken sind doch bessere Menschen! Heinrich L o c w c. Die Ereignisse in Kischinew. Noch.immer, trotz aller Zersetzung von aussen und innen her, sind wir Juden ein Volk, das Bewusstsein, dass wir alle zusammengchören, ist noch nicht tot, das Unglück hält uns zusammen, lind wenn es einen Teil besonders schwer trifft, zittert cs in den Herzen aller Juden nach. Aber dieses Massenbewusstsein schlummert in guten Tagen leicht ein. und es bedarf furchtbarer Stössc, um es waclizurüttcln. Dieses Mal war cs ein schreckliches Erwachen, denn die Krawalle gegen die Juden, die sich in Bessarabicn abgespielt haben, sind nur nocli mit den grossen Verfolgungen des Jahres 1852 zu vergleichen. Die Vorgeschichte ist fast dieselbe, die sie sonst war. 111 Dubossary wurde ein Knabe Rybalcnko mit den Zeichen eines gewaltsamen Todes aufgefunden. Das jüdische Passahfest stand vor der Tür — also war cs ein Ritualmord. Und trotzdem durch die gerichtliche Untersuchung sofort die zweifellose Grundlosigkeit dieser Anklage festgestellt wurde, frass das Gift des Judenhasses weiter. Die ״Erzieher“ des Volkes, Presse und Geistlichkeit, teilten sich in das Verdienst, gegen die Juden zu hetzen, und der Erfolg konnte nicht zweifelhaft sein. Bessarabicn hat — abgesehen von den Juden und anderen versprengten Volkstcilen - - eine rumänische und russische, griechisch-katholische Bevölkerung, die dem Klerus blindlings gehorcht. Der Geistlichkeit und ihrem kolossalen. in jeder Beziehung unseligen Einfluss auf das niedere Volk kann man getrost den Hauptantcil au der aktiven Hctzarbcit zuschreiben. Ungestört durften ihr die Zeitungen dabei helfen, trotzdem die Zensur von allem Kenntnis hatte. Es ist sicher, dass die Regierung wusste, was im Werke war, denn sic traf Vorkehrungen, um ciugreifcu zu können, aber sic rührte keinen Finger zur Verhütung des Unglücks. Während der beiden russischen Ostertage, am 19. und 20. April, fanden in Kischinew, der Hauptstadt Bcssarabicns, die entsetzlichen Gräueltaten statt; denn wie könnte man die arbeitsfreie Zeit besser ausfüllcn, wie das Fest gottgefälliger feiern, als durch Ermordung und Beraubung der Juden? Nicht lange hielt sich der Pöbel damit auf, die Fensterscheiben der Juden eiuzuwerten und einzelne, die sich auf die Strasse wagten, zu misshandeln, sondern er stürmte in die Häuser und hauste nun in einer Weise, die sich in allen Einzelheiten gnrnicht wiedergeben lässt. Nachdem erst einmal die Bestie in den fanatisierten Massen erwacht, schwelgte sie in allem, wars au forchtbarer Grausamkeit, an sinnloser Zerstörungswut, an tierischer Roheit erdacht werden kann. Das Eigentum der Juden wurde brutal zerstör!, kaum dachte die Masse au Rauben und Stehlen, Möbel und Betten wurden zertrümmert und auf die Strassen geworfen, was nicht weggeschleppt und nicht vernichtet war, wurde mit Petroleum begossen und angezündet, die Häuser bis auf die Mauern demoliert. In Kischinew lebten 76(mV. Juden; fast alle, auch die Wohiliabeiiden. wurden in diesen zwei Schreckenstagen zu Bettlern und sehen dem Hungertode ins Angesicht. Dass Menschenleiber den Massai in ihrem viehischen Wahnsinn nicht wertvoller waren, als eine Sache, ist nicht wunderbar. Was von Juden den Unmenschen in die Hände fiel, wurde aufs fürchterlichste misshandelt. Ein einfacher Totschlag war fast eine Wohltat gegenüber den Gräueln, die uns ,sonst noch berichtet werden. Kinder wurden vor den Augen der Mütter am Strasseiipflaster und an den Mauern zerschmettert, vom Fenster zur Strasse, von der Strasse zum Fenster spielte man mit Säuglingen Fangeball, bis sie ״zufällig" auf dem Erdboden aiifschlugen und sicli nicht mehr regten. Frauen wurden vergewaltigt und nach scheussüclicr Schändung bestialisch ermordet, vielen wurden die Brüste abgcschiüttcn, und das Entsetzlichste, was Menschen ersinnen können: Schwangeren wurde der Leib aufgcscblitzt. die Frucht herausgerissen und der Leib mit Federn gefüllt, ehe sie starben. Auf dem Friedhof liegt eine Frau, der man eiserne Nägel in die Nase geschlagen hatte, einem Gymnasiasten wurde die Zunge Namen der grossen Sultane Muhammad IL, Bajazid, Selim lind Sülciman werden in dankbarem Gedächtnis der Juden aller Länder unvergessen bleiben. So ist es kein Wunder, sondern eine naturgesetzlich notwendige Erscheinung, wenn im Jahre der Eroberung Konstantin nopcls ein jüdischer Litterat, den wir ohne weiteres zu den frühen Vorläufern des Zionismus rechnen können, Jicltak Zarfati an die aschkcnasischen Juden ein Rundschreiben crlicss, das sic aufforderte, den grossen Kerker Europas zu verlassen und im Türkasehen Reiche, speziell auch im Heiligen Lande ״ruhig unter ihrem Feigenbäume und unter ihrem Weinstocke zu leben.״ Freilich liess man sie ganz im Gegensätze zu der Dr. Martin Luthers späterem, so bekannten Ausspruehc nicht ziehen. Die Stimme dieses deutsch-französischen Juden blieb nicht vereinzelt. Hier war ja das Land, ״in dem cs an nichts, an gar nichts fehlte." So schrieben zwei deutsche Auswanderer Kaimann und David: Wenn die deutschen Juden nur den zehnten Tci!dessen wüssten, was sic dr;rt finden würden, so würden sie kein Ungemach scheuen, uni in Massen dahin auszuwaudern. fmmerhin war diese den Juden und den Türken gleich nützliche Einwanderung so stark, dass es sehr bald etwa 30 000 Juden in Konstantinopel gab mit M grossen Synagogen. Freilich war es mir die Fürsorge der Regierting, die sic unter einem einzigen Chacham-Baschi einigte. Sonst gab cs dort bald eine kastilisclic, kordovanisehe. toledonisclie, katatonische, portugiesische Gemeinde, neben denen die griechische Güneinde existierte, während sich die Asehkenasim In mehrere deutsche, ungarische und andere Gemeinden spalteten. Wie sehr diese türkisch - werdenden Juden, besonders die hochgemuten Spagnoleu, die damals noch nicht ilir stolzes Selbstgefühl ciugcbiisst hatten, mit ihrem türkisch-patriotischen Gedanken das jüdische Nationalgeiühl und zionistische Bewusstsein verbanden, erkennt man am besten hei Don Joseph Nassi. Er war vom Sultan Selim II. zum Fürsten des ügüischcn Meeres und Herzog von Naxos ernannt worden. Dabei trug er sich mit der Idee, einen Judenstaat im Lande Israel unter türkischer Hoheit zu gründen. Obwohl er keine Brosdüre über den Judenstaat geschrieben hatte, bot er der vcncdischen Republik an, eine ihrer mittelländischen Inseln zu diesem Zwecke zu kaufen. Er wurde absehlägig bcschieücn. Dagegen schenkten ihm Sultan Sulcimau und der damalige Prinztronfolger Selim das Gebiet von Tiberias und Chattin nebst sieben Dörfern, um seinen Plan dort zur Ausführung zu bringen. Es sollte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.