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Jüdische Rundschau · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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TP*'•3« י**״ * ‘“*״??Pwp»»^»cts^«s•; ■:•: . No. 19. Jüdische Riindscliaii Seite 175. den schlimmsten Zeiten des Mittelalters. Noch heute sind, wie stets seit der Zerstörung Jerusalems, immer mindestens "/!•״ unserer Nation heimatlos und verfolgt. Nur ganz verschwindend kleine Minoritäten von Juden haben jemals Gleichberechtigung und Sicherheit besessen ausser unter den Türken. Die sind ja aber Barbaren, die nicht einmal die Wahrheit des Christentums anerkennen. Nein, der Antisemitismus in Deutschland ist keine vorübergehende Erscheinung, und er ist nur ein Glied in der Kette der Judenverfolgung, die in Frankreich die Affäre erzeugt hat, wie in Algier, Galizien, Bessarabien die Judenschlachtcn von gestern. Man hat uns praktisch zu der Lehre erzogen, dass wir die rechte Wange hiulialten müssen, wenn man uns auf die linke schlägt. Und ob man einen Juden in Deutschland oder Frankreich befördert zu irgend welchem Anne oder nicht, und ob irgend ein Jude Minister wird und gar den roten Adlerorden erster Klasse bekommt, ist für die Judenfrage völlig glcichgiltig. Die grosse Masse der Juden war immer verfolgt und wird immer verfolgt werden, so lange wir eine Minorität bilden, die gross genug ist, um bemerkt zu werden und zu klein, um Macht auszu üben. Aber das Ghetto und die Unfreiheit steckt den Juden noch zu sehr in den Knochen, als dass sie sobald begreiten werden, dass cs nur eine einzige Lösung der Judenfrage gibt, nämlich die Aufhebung der Ursachen, aus der sic erwachsen ist. Diese Ursache ist aber ausschliesslieh und einzig die Zerstreuung in die verschiedensten Länder. Doch sogar für den Zionismus wollen wir mit dem Unglück unserer Brüder keine Propaganda treiben, obwohl er ja ihre, unsere Rettung bedeutet. Aber wir wollen zu bedenken geben, dass in jeden! katholischen Orte und in jeder Stadt mit überwiegend katholischer Bcvölkerung, ebenso aber auch in der protestantischen Gegend in Deutschland die gleichen Szenen wie in Kischinew sich abspiclen könnten und nur deshalb nicht moglieh sind, weil der preussischc Staat denn doch sehr streng auf Ordnung sicht. Oder glaubt ihr. dass sich in Deutschland weniger Studenten und ״Gebildete“ finden würden, die sich in gleicher Weise an der Judenschlacht beteiligen würden, wenn die Staatsbehörden es mit der gleichen Liebenswürdigkeit wie in Rumänien und Russ-!and gestatten wollten? Freilich kommt auch hinzu, dass die Juden in den nichtpolnischcn Provinzen Preusscns denn doch schon so viel vom deutschen Geiste angenommen haben; dass sic verstehen mit der Axt in der Hand die Ehre ihres Hauses und das Leben ihrer Kinder zu verteidigen. Aber der Kern der Judenfrage ist derselbe wie in Russland und Rumänien und es ist ebenfalls ein Vulkan, auf dem wir uns befinden, wenn er auch durch geringeren Rauch schwächere Anzeichen gibt, dass er noch immer nicht erloschen ist. Und doch pflegen Vulkarte um so heftigere Ausbrüche zu zeitigen, je länger sie als erloschen gegolten haben. Und was verlangt das Blut von euch, ihr jüdischen Brüder, das Blut, das um des Judentums willen vergosseit ist? Es gilt den Vertriebenen eine Heimat zu schaffett, cs gilt vorzusorgen, dass uns der Ausbruch nicht wieder unvorbereitet trifft. Es gilt unsere Brüder iortzuiiibreit von den Stellen, wo die aufsteigende Rauchwolkc einen Ausbruch des unterirdischen Feuers in kurzer Zeit vorausselten lässt. Fort mit der Wohltätigkeits- Politik, die keine Politik ist, sondern ein elender Notbehelf! Fort mit dem ewigen Schlendrian, dem unsere Brüder zum Opfer fielen, weil man im Humanitätsduscl, an den ausser uns Juden doch niemand glaubt, vergessen hat praktische Arbeit zu leisten, um eine Heimat ztt schaffen, fit der unsere Brüder und unsere Kinder nicht mehr geschimpft und verfolgt, vergewaltigt und ungeschlagen, geplündert und gemartert werden können. Hinweg mit dem Sorgen von einem Tage zum nächsten, und mit der Hilfe für das Vergangene! Es ist die Pflicht unserer grossen Organisationen, voran der Allgemeinen Israelitischen Allianz, die Pliilisterpolitik zu verlassen und mit festem Blick zu dem alten Ziel Karl Netters und Cremtettxs ztirückzukelircn, zu dem Gedanken der Selbstcmanzipation. Unvorbereitet hat uns das Unheil betroffen, wie ein Wetterstrahl aus heiterem Himmel, denn wir hatten die Wolken nicht bemerkt in unserm heiteren Gemüt, die den Himmel schwarz verhüllt und verdüstert liattcn. Nun betteln wir und schreien um Hilfe und sammein und schicken, schicken Geld und schicken Juden, um wieder einzuschlafen. Dazu ist das Blut zu teuer, das für unsertt Stamm geflossen ist, dazu sind die Leiden zu gross, als dass es uns beim nächsten Male, das ja ttnfehlbar w ieder cintrifft, wieder unvorbereitet treffen soll. Nein, cs gilt vorzuarbeiten, es gilt eine Heimat zu schaf• ten für unsere Brüder, eine Heimat, in die sich flüchten Kulturelle Streifzüge im Jüdischen Orient. Reisebilder von Dr. Heinrich L o e w e. (Nachdruck verboten.) II. Die Hohe Pforte. (Fortsetzung.) Mit dem Untergänge des griechischen Reiches und dem endgiltigen Siege der Türkei beginnt eine neue Aera für die Juden des Orient. War bisher Konstantinopel der Inbegriff aller gesetzlich kodifizierten Schrecken für Israel gewesen, so ist Statubul das Gegenteil davon. Nach einer dreitägigen Plünderung der hartnäckigen Stadt erliess der Sultan Muhammad II. eine allgemeine Amnestie. Jeder versteckte oder flüchtige, ,exilierte Bürger möge furchtlos und ohne Sorge vor Angriffen seine Häuser und seinen Besitz wieder cinttelmien. Die Juden aber mögen sich unbesorgt unter seinem Schutze wie int übrigen ostmanischen Reiche so auch in Stambul niederlassen und sielt der Rechte erfreuen, die ihnen der Koran cinräumt. Bald wurde auch in der Person des R. Moschch Kapsali ein Chacham-Baschi als kirchiiches und bis zu einem gewissen Grade weltliches Oberhaupt der türkischen Juden eingesetzt. Er wurde auch in den Staatsrat berufen, wo er seinen Sitz neben dem ScheikhiÜ-Islam hatte, und behielt den Vorrang im Zeremoniell vor den! griechischen Patriarchen. Es war natürlich, dass die Juden der religionsverwandten Türken mm überall mit freudiger Genugtuung gedachten. ״Die grosse Togarmah (Türkisches Reich), eine weite und endlose See, deren Tor uns der Herr mit dem Stabe seiner Barmherzigkeit spaltete, damit darin unseres jetzigen Elends Sintflut verrinne und vergehe, wie einst der Acdyptcr Sehaaren im Meere. Dort sind dir die Pforten der Freihent aufgetau und die Gleichstellung zur ungehinderten Beobachtung der Thorah, und werden sich nimmer verschlüsselt. Dort magst du dein Inneres erneuern, dein Acusseres abtucn. Dort kannst du die aufgczwimgenen Bräuche und die falschen Lehren wieder abstreifen, und deiner alten Wahrheit anhüngen. die dem Gesetze widersprechenden Sitten aufgeben, deren Nachahmung dir der Völker Gewalttat aufzwang, in deren Mitten du als Fremder im Exil warst.“ In einem herzlichen Verhältnis dankbarer Pietät befanden sich die Juden zu den türkischen Machthabern, die ihnen die Freiheitspforte öffneten, eite sich das ungastliche Spanien und Portugal völlig vor ihnen verschloss. Die ׳ •*ויי-י■*״« *׳ יייי״דווי

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