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Jüdische Rundschau · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 174. No. 19. JUdlsche Ruudscliaii. ein Unglück, das schlimmer als alles ist, was Menschenunglilck sich nennt, denn es Ist Judenunglück! Weil wir von andern keine Barmherzigkeit für Juden erwarten dürfen, ist cs umsomehr Pflicht und Notwendigkeit, dass jeder Jude dazu beiträgt, das Elend der Elendesten unseres Volkes zu mildern. Spendet für die armen Witwen, ffik־ die verlassenen Waisen, für die beraubten Familien, gebt von Eurem Uebcrfluss und von Eurer Armut für die, die seit wenigen Tagen ärmer und entblösstcr sind als die Aermstcn von uns. Zeigt ihnen' durch die Tat das Mitgefühl, das in unsern Herzen auiflammt, und helft ihnen, helft, helft!! j . . . ’; . 1 DielRedaktion der ״Jüdischen Rundschau“. » ׳י. * * . Wir werdet! vom Pariser Zentralkomitee telegraphisch ersucht, mitzuteilcn, dass die Alliance Israälitc Universelle eine Sammlung für die Verfolgten in Kischincw veranstaltet. Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Köln beauftragt uns ebenfalls telegraphisch, in seinem Namen einen Spcndcnaufruf zu erlassen. Das Zionistische Aktionskomitee in Wien hat bereits in der letzten Nummer der ״Welt“' einen dringenden Aufruf an unsere Stammesgenossen erlassen und versprochen, dass cs nichts unterlassen wird, um in diese.־ Angelegenheit in der nur die ganze J 11 d c 1111 c i t helfen kann, ein Zusammengehen mit andern grossen jüdischen Korporationen zu bewirken. .. Spenden nimmt die Jüdische Rundschau, Berlin C. 22, Auguststrasse 19a, entgegen und wird sie Woche für Woche ausweisen. Rasche Hilfe tut Not! Martinique in Kischinew.! Das Herz krampft sich uns zusammen, wenn wir j von den Grcueltatcu lesen, die in Siidrussland sieh so- ן eben abgespielt haben. Und doch vermag keine Scltil- ן derung das entsetzliche Unglück auch nur einigermassen; zu malen, das über unsere Brüder mit elementarer Gej walt hcrcingebrochen ist. Freilich haben wir öfters Ge-! Icgenhcit von grösserem Unglück zu lesen, und doch! regen wir uns nicht so sehr auf, wie es in diesem Falte; geschehen ist. Als der Vulkan auf Martinique Tausende; und Abertausende unter Flammen und Asche begrub, da; regte sich ebenfalls unser Gefühl über das imcrmcssj liehe Unglück und manche Nacht war der Schlaf von un-; sern Augen gewichen über das Unheil, das der Unglücks-! schwangere Grund der mütterlichen Erde über ihre! Kinder ausschüttetc. Aber keinen Augenblick kam das; bittere Gefühl hinzu, dass das Unheil von Menschenhand I gestiftet und über Mitbrüder verhängt wäre. j Bei den Schreckensnachrichten aus Kischinew aber j bäumt es sich in uns auf, dass das ein Angriff auf uns ן selber ist, ein Angriff, dem wir schutzlos ausgesetzt sind.! Der Schlag wird auch gegen uns geführt, die wir fer.1 < vom Kampfplatz uns nicht einmal zur Wehr setzen ׳׳ können. i * Aber auch unsere Brüder konnten sielt nicht zur j Wehr setzen. Denn die Staatsgewalt, die für sie hätte cinschrcitcn können und sollen, machte gemeinsame! Sache mit den Räubern und verhinderte eine Gegenwehr der Juden. Es ist gar kein Zweifel, dass die ganze Schlacht von langer Hand sorgfältig vorbereitet war und dass der Gouverneur sehr genau um die Sache wusste, ehe an einen Ausbruch zu denken war; und nur insofern ist zwischen der Vorbereitung der Judenverfolgung von Kischinew und von Kiew (int Jahre 1882) ein Unterschied zu vermerken, dass damals cs die organisierte russische Sozialdemokratie war, die durch den Angriff aut die Inden probieren wollte, wie weit ihr wohl das Volk im Ernstfälle folgen wüiiie, während diesmal der Befehl zur Judenschlacht aus der Kischincwcr Lokalregierung kam. Es war durch Polizei und Militär sorgfältig dafür gesorgt worden, dass die Helden der indogermanischen Rasse keinen Widerstand durch die Juden zu befürchten hätten. Militär und Polizei drängten einfach die Juden in die Häuser, wo sie der Rotte gegenüber schützlos waren. Dass die Juden auch an Gegenwehr denken, weiss jeder, dem bekannt ist. dass viele tausende ausgedienter russischer Soldaten unter diesen Juden sind. Was aber nun?! --- Jetzt ist es an der Judenlieit, zu sammeln und zu betlein, zusammenzulegen und zu sorgen, dass die Verw itweten und Verwaisten, dass die Vertriebenen und Verarmten, dass die ganze 76000 Seelen zählende Genieinde, die Kischinew verlassen muss, nicht verhungert und irgend wo ein Heim finde», bis sic von dem neuen Heim w eitervertrieben werden. Zu der chronischen Judennot in Russland, zu der endlosen Unterdrückung der rumänischen Juden und dem Elend der Juden in Galizien, Ncrdafrika, Persien und andern Ländern ist!um noch das aku»c Elend limzugekommen, dass unsere Brüder in Bessarabieu betroffen hat. Und man sammelt, und mau hilft und man schickt, schickt Geld und Sachen, schickt Juden in andere Länder, und schickt sic zurück in die Länder, aus denen sie vor dem Hungertode und der Verfolgung geflohen sind. Und dann beruhigt man sich wieder, wie sich die Pflanzer auf Martinique wieder beruhigen werden und sorglos ihre Häuser und Plantagen wieder errichten werden auf dem Boden, der den Feuerstoff birgt, in der festen Hoffnung, dass der Vulkan unter ihnen erloschen sei. bis er von neuem mit nicht geringerer Wut ausbrechen wird. Und man wird sich auch über die Judenmassakres von Rumäniscli-Russland beruhigen, und man wird den aiten Schlendrian weitergehen und die Rahbiner der reichen Leute predigen lassen, dass das Hirnmelreich und der ewige Friede nahe gekommen seien, und dass das Judentum die Mission habe, durch seine Existenz in der Zerstreuung den Völkern die Lehre von dem Völkerfriedeil beizuhringen, bis an irgend einer andern Stelle die gleiche Katastrophe eintritt und man von neuem den Brunneil zudeekt, in den man das Kind hat hinein stürzen lassen. Das ist ja die Politik der jüdischen Wohltätigkeit, die das Elend des jüdischen Stammes in Permanenz erklärt. Diese Politik der jüdischen Wohltätigkeit, die bewirkt, dass die Lage der Judpnlieit immer unhaltbarer wird, die den Ruin der Judentums bedeutet, muss endlieh abgelöst werden durch eine jüdische Politik, die sich nicht mehr dadurch leiten lässt, dass sic an den Symptomen des Leidens hcrumdokfert, und mit Geldspenden und Sammlungen die Wunden heilen will, die rohe Volksgewalt dem jüdischen Stamme schlägt, sondern nach den Ursachen forscht, die den seit zwei Jahrtausenden sich mit Naturnotwendigkeit regelmässig wiederholenden Judenverfolgungen zu Grunde liegen. Es ist nicht wahr, dass es den Juden heute besser geht als in

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