Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 170. •Iiidifselie Riiud^clkau« No. 18. hiesigen Juüenvicrtel fand eine Rauferei zwischen Turkos (französischen Soldaten) und Juden statt, wobei 45 der letzteren verletzt wurden. Der Kriegstninister ordnete eine Untersuchung an und befahl, dass die Turkos und die übrigen Mannschaften die Kaserne bis auf weiteres nicht verlassen dürfen.. er Sv Sprechsaal. Für die Mitteilungen an dieser Stelle (Vernimm: die RedaX tion des Blattes nur die pressgesetz «ehe Vcran:»o־tli:kti. V3 In No. 1u Ihrer Zeitung findet sich eh Artikel ״Zur Kriminalität der Juden“ von Ihn Asrak. aut den ich erst jetzt zuriiekkontme, weil ich annahm. dass vielleicht ein anderer Ihrer Leser Gelegenheit nehmen würde, aut desen Artikel zu antworten. Ihn Asrak führt die geringe Krim, alit-it der Jude.i auf angebliche Stammesclge.ischafte;! der'’Juden zurück. Ls sei nicht richtig, wie dies meist geschehe, eie Ursucttc der geringen Kiiminahtüt in der grösseren Wohlhabenheit de״ Juden zu 1111 Jen. dem! die Kriminalität der jeden habe zugenommen, wahrend unzweifelhaft auch die Wohlhabenheit der deutschen Juden! zttgeimmmen habe. Beides halte ich nicht iiir richtig. J. Ls ist nicht richtig, dass die Kriminalität zugenonutien fiat. Von der Zunahme einer solchen kann mar. nur sprechen, wenn innerhalb derselben Vergehen die Zahl der bestraften Juden sich absolut oder verhältnismässig vermehrt hätte, ohne dass hierfür besondere Umstände voriiegeti würden. Beispiels weise wer Jett die letzten Jahre eine relativ stärkere Be• stiafung von Juden wegen Verletzung der Wehrpflicht enthalten, und diese Zahl würde nichts anderes bedeuten als dass *miolgc des Aufblühens der Industrie am Lnde der neunziger Jahre die Auswanderung der Bevölkerung überhaupt stärket zuiuekgegaugen ist als die der jüdischen Bevölkerung. Weiter sind eine Anzahl neuer Vergehen durch Zusätze zur Gewerbeordnung erst konstituiert worden (Arbeiten am Sonntag, Beschäftigung jugendlicher Arbeiter usw.) zu welchen gerade nur die wohlhabenden Schichten die Straffälligen stellen können. Um also fesizustcllcn, ob die Kriminalität der Jaden sich tatsächlich vermehrt hat, wären Einzclu:!tersuch’״:gen erfordern lieh, aber nicht Gesamtziffcrn, in welchen Beleidigungen und Übertretungen, die mit 3 M. geahndet werden, mit den Morden und schwersten Verbrechen in einer Rubrik geführt werden Beiläufig sei darauf aufmerksam gemacht, dass die Kriminalität der Sachsen mit derjenigen der Juden grosse Ähnlichkeit hat, gewiss ein Bew eis, w ie hier die ähnliche Schichtung der Berufe mitspiclt und die ökonomischen Verhältnisse, nicht aber vermcintlichc Slannneseigenschaften. 2. Ls Ist aber auch nicht richtig, dass die Wohlhabenheit der jüdischen Bevölkerung zugeuomnien hat. Auch hier wird der Lehler gemacht, alle, Reich und Arm, in einer Rubrik zu führen, und daraus den Durchschnitt zu ziehen. Wenn vier Leute ein Einkommen von je 50UO M. haben,, und nach zwanzig Jahren der eine von ihnen ein Einkommen von 30 000 M. hat, die andern drei aber nur ein Einkommen von je 3)00 M., so hat sich das Durchschnittseinkommen, allerdings von 5000 M. auf 1MW M. gehoben, trotzdem ist die grosse Mehiheit der Persotten ärmer geworden, abgesehen von dem geringeren Wert tks Geldes. Die Zerreibimg des Mittelstandes, die überall zu konstatieren ist, hat gerade bei den Juden, welche in grosser Zahl als selbständige Kauüeute sich ernährten, in stärkerer Weise sich geltend gemacht, als in der Bevölkerung überhaupt. Darauf allein aber kommt es für die Kriminalität an, ob die Zahl der Personen, welche in sicherer Lebenslage sind, sielt verringert oder vergrössert. In diesem Sinne ist bei den Juden zweifellos eine Abnahme der Wohlhabenheit festzustellen. C. I Wissenschaft und Kunst. g Ueber Ephraim Lilien. Von Solomon I. S o l o nt o n A. R. A. L o nd o 11. Niemand wird heute die wertvolle Mitarbeit der Juden in Litteratur, Philosophie und Ethik in Frage stellen. Diese Mitarbeit kennzeichnet sich in einem besonderen Geist in eigner Spracht. Ihre Leistungen auf künstlerischem Gebiet sind jedoch notw endigerw eise nur e'n Reflex der künstlerischen Eigenart der anderen Völker denn unter den zivilisierten Völkern, welche die zehn Gebote angenommen haben, hat Juda allein jrs zwc'tc Gebot in seiner ganzen Strenge beobachtet. Kunst und Heidentum geluii Hand in Hand. Judas Ideal ist dir schonungslose Kampf gegen den heidnischen Geist. Das «t wenigstens meine Auffassung seiner Gcchichte und seiner Mission. Wie kann man demnach das Vorhandensein moderner jfcl räcr in der künstlerischen Arena erklären. Ist das Volk vielleicht dem Liniluss der Mehrheit unterlegen unter der es Lbt? Oder ist es n״c’11 immer das Kimsticstreben des alten Heldentums das von lahrhundert zu Jahrhundert zunimmt. und mehr und mehr der Herrschaft der Kirche entwächst? Wird nun vielleicht von jenen, die das alte heidnische Kunstbaliirfnis bis je’zt bewahrt haben!. e:n gefährlicher Kampf gegen die alten Ideale des Volkes geführt? Ls ist wahr, dass sieh eine kleine Anzahl von jüdischen Künstlern an Bildern ans der Vergangenheit des alt־׳u Volkes begeistert haben, an den unendlichen Leiden der wandernden Rasse, welche sogar dem PmsrI eines Josef Israels nicht firn liegen. Die Rasse vereinigt in sich besonders charakteristisclt die Hoffnung und das Ideal der Zukunit, und die neue Kunst und Litteratur bringt dieses besonders zum Ausdruck. Ein junger Galizier, Ephraim Lilien, der Gegenstand diiser Notiz ist. ist vielleicht der erste, der sich dieser speziellen Aufgabe nach siiner künstlerischen Auffassung widmet. Erzogen in hebräischer Lehre wurde er gross in der Mitte eines Volkes, weiches unter dem Joch der Unterdrückung und getadezu mittelalterlicher Verfolgungen seufzt und das sich *nach der Freiheit sihnt. die seit der grossen Befreiung aus Aegypten von seinen Vätern als das heilige Recht der Menschheit angesehen wird. Begeistert durch d e zionistische Propag;1:da bringt er zum Ausdruck in einer Allen verständlichen Sprache die trotz der Färbung des nationalen Genius, alb»•• ״«•- tncinsatn ist, die poetische Flamme und die unsterblichen Hoffmmgen seines Volkes. Lilien begann seine Laufbahn als Schildermaler und von seinem kärglichen Verdienst .studierte er aus eigener Kraft erst in Krakau und dann in München. Geboren fiir die dekorative Kunst hat er gerade von der Kunst des Ostens einen vorzüglichen Begriff bekommen. Das bemerkenswerteste Ereignis iiir die Kunst unserer Tage ist vielleicht der Einfluss der dekorativen Formen, welche wir von den Japanern und anderen asiatischen Völkern kennen gelernt haben. Eine an die Perser erinnernde suggestive Art liegt in dui Illustrationen, welche Lilien für eine Serie biblischer Gesänge in deutscher Sprache (״Juda” von Münchhausen) gezeichnet hat. In diesem Werke findet sich aus• geprägte Eigenart und eine ausserordentlich dekorative An- Wendung des Materials. ln der Mitte der Titelseite finden wir den achtarmigen Leuchter, der vor der Lade mit den Gcsetzcsrollen steht, umgeben von einem Rand memandergeschlutigetier Lilien und bcflügelter Figuren. Diese Zeichnung ist besonders charaktcristisclt für Lilicns Art, seinen Stil und Methode. . Seine Illustration ״Die Engel** ist vielleicht die schönste in dieser originellen Sammlung. Die Umrahmungen des Textes sind mit feinem Sinn für Blumenornamente bezeichnet zu denen er biblische Blumen, Erflehte und Laubwerk verwendet hat. Seine Ex-libris sind besonders reich an Phantasie und Lime. Als hervor ragend sei unter anderen der für Richard Fischer, einen Sozialdemokraten, erwähnt. Der Mittelpunkt desselben ist eine mit den Symbolen der Arbeit gekrönte Flgut, in den Mantel der Freiheit gekleidet. In der Hand die Fackel de! Demokratie, steht sie aufrecht auf dem Erdball umgeben von Vögeln als Sinnbildern des Frühlings. Von rein künstlerischem Standpunkte aus ist scitm Zcichnung .Faun und Nymphe** vielleicht die feinste und schönste aber sic ist mehr hellenisch als hfcbrüisch. Seitdem hat er uns manches gegeben, das als jüdisch zu bezeichnen wäre, und welches daher in einer ungewöhnlichen künstlerische!: Empfindung gehalten war. Er tut gut, sein unzweifelhaftes Talent in dieser Richtung, die er sich so ganz zu eigen gemacht hat, zu betätigen. (Aus der März-Nummer des ״ M a g a z I n e 0 f A r t", London,)