Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 18. Seite 169, Jüdische Rundschau. die Ruhestörungen einen überaus ernsten Charakter an. Ischel Klein wurde totgeschlagcn, mehrere Personen so schwer verletzt, dass an ihrem Aufkommen gezweifclt wird. Die Gendarmcric ist ausser stände, die Ruhe hcrzustcllcn. Ein Jägerbotaillon wurde von Rawa Ruska nach Uhnow kommandiert: Am 19. und 20. April fanden in Kischlnew (Bessarabicn) Judenverfolgungen statt, wobei 25 Menschen getötet, gegen 70 schwer und gegen 200 leicht verwundet wurden. Auch viele andere Orte Bessarabiens waren zu derselben Ziet der Schauj platz blutiger Judenkrawalle, lieber die Vorfälle in Kischinew ־ schreibt man der ״Vossischcn Zeitung“ aus Bukarest, dass 1 dort folgendes darüber bekannt geworden ist:! Kin Bauer aus der Stadt Bender kam am russischen Oster- ) Sonntag nach den! nahen Kischinew und erzählte, die Juden in | Bender hätten einen kleinen Christenknaba! geschlachtet, u.n j dessen Blut zum Passnluestc zu verwenden. Alsbald rotteten; sich zahlreiche Sauf- und Raufbolde, sowie Vorstadtpöbel zusamnten. durchzogen die Strassen, erbrachen die Geschäfte der Juden, zertrümmerten und plünderten alles, und steckten die Läden ,schliesslich in Brand. Kosacken, die zur Herstellung d.cr Rulte ausgeriiekt waren machten gemeinsame Sache mit dem Mob. Ks kam zu grossen Schlägereien, ja zu einem förtnliehen Gemetzel, wobei viele Juden umgebraclit oder* schwel verwundet wurden. Kin deutscher Handlungsreisender, der während einer Fahrt auf der Strassenbahn überfallen und seiner Barschaft beraubt worden war, fluchtete sich nach Jassy in Rumänien, wo er über die Vorfälle berichtete. Dort tagte gerade der Kongress der zionistischen Vereine Rumäniens. Die Teilnehmer der Versammlung brachten einige Hundert Franken für die Juden von Kischinew auf. Ueber die Judenschlacht In Kisciuuew liegen uns Privathriefe vor aus denen wir Emigcs herausgreifen: Lieber Freund! Du wirst siciter zehn Jahre länger leben, weil du nicht gesehen hast, wa,s sich für Blutszencn bei uns in den letzten Tagen abspiclen! Schon 3 Tage lang wird die Zertrümmerung fot!gesetzt. So etwas ist noch nicht dagewesen! Die ganze Stadt, sämtliche jüdischen Häuser liegen in Trümmern. Jetzt endlich werden mehr oder weniger energische Massrcgcln vorgenommen, aber bis jetzt haben Polizei und das Militär die Räuber nur unterstützt. Seihst das Militär hat geraubt. Sämtliche Läden, in denen von Ware nichts mehr zu finden war, haben sie demoliert. F.iuc Menge ermordeter Juden liegen urbeerdigt auf der Strasse. Ungefähr 200 Schwerverwunderte sind in die Krankenhäuser geschafft. Kurz, lieber . . ., die Haare sträuben sich! Schon 3 Tage lang darf sich niemand von uns auszichcn und schlafen gehen. Wer das nicht gesehen, das nicht mitgemacht hat, kann sich so etwas gar nicht vorstellen! Allein das Bewusstsein, zu wissen und zu fühlen, dass wir der zügellosen Masse übergeben waren, ist entsetzlich! Die Polizei und das Militär bildeten einen Ring, in dessen schlitzender Mitte mau zertrümmerte, rauhte und mordete. Die Polizei zeigt bloss welches russische und welches jüdische Häuser sind, oder sie sagte der wütenden Masse: ״Hier schon Rcnug, jetzt geht weiter!" Denke nicht etwa, Freund, dass ich übertreibe! O nein, ich kann dir nicht einmal den tausendsten Teil von den allen Grausamkeiten und fürchtcrlichenSchrcckensszenen, welche sich hier abgespielt haben und noch abspiclen, niittcilcn. Jetzt haben sich die Männer von unserer Strasse bei uns im Hofe gesammelt und warten ab, dass an uns die Reihe kommt. Meltr kann ich dir. lieber . . . nicht schreiben. Bemühe dich nicht, aus den Zeitungen') hinzelhcitcu zu erfahren umsonst, cs wird alles entstell! und erlogen sein: Von anderer Seite wird Folgendes geschrieben: ־־־״ Kine eciite Metzelei war es! Viele sind totgeschlagen, hunderte verletzt. Die Mütter wussten liiclit. wo iluc Kinder, die Männer wo ihre Frauen sind. Die Möbel wurden von der 3. Ktagc auf die Strasse hiuausgcschlcudcri. Die Strasse>! sind bedeckt mit reitern, wie mit Schnee; Sammet und Seide und alle möglichen Waren werden mit Füssen getreten. Auf jedem Schritt und Tritt das grausige Bild der Zerstörung. Die, welche noch gestern reich waren oder dem Mittelstände augehörten, müssen heute uni Almosen betteln, von den Armen gar keine Rede. 3 Tage lang haben wir gehungert — kurz, ich habe keine Worte, um alles das Fürchterliche und Grausige auszudrücken! - Einem dritten Privatbricic entnehmen wir, dass man nicht weniger als 10־ jüdischen Frauen die Brüste abgeschnitten liaf. Der Judenmission teilen wir mit, dass diese ״kleinen Ausschreitungen“ zur Feier des Osterfestes gehörten, und dass wir aus ihnen ein klein wenig zum Verständnis des Verhältmsscs der Religion der Liebe zur ״Religion vom jüdischen Rachegott‘‘ lernen. Für die Zuverlässigkeit unserer Gewährsleute übernehmen wir volle G e w ä h r! Antisemitische Ausschreitungen fanden in Algerien statt. Aus Tlemccn (Algier) wird vom 23. April gemeldet: Im *) den russischen. (Red.) als noch etwas anderes, denn als Religionsgemeinschaft 1 empfinden, Herr Verfasser? . ea. S. Cohn (Verfasser des ״Gabriel"): David Speie r. Historischer Roman aus der Zeit des 30 jährigen Krieges. Band 1, 2. Frankfurt a. Main, A. J. Hofmann 1896. (241־ und 192 S.) 8 . F. Je geringer die Littcratur ist, die man unserer Jugend in die Hände geben kann lind die zugleich jüdische Stoffe behandelt, um so mehr muss man diese Erzählung anerkennen, die zwar nicht das Muster eines jüdischen Jugcnidromanes ist, die alter das Verdienst hat. einen jüdisch-historischen Stofi in! Gewände des Romans in recht leserlicher Form darzustellcn. Dass der Verlag uns. jetzt, sieben Jahre nach dem Erscheinen, ein Rezensionsexemplar zusendet, kann vielleicht dahin aufgefasst werden, dass das Buch sich nicht des Leserkreises erfreut, den cs verdient. Ks wäre das sehr zu bedauern. Denn das Buch ist für seinen Zweck recht gut. Ganz,!!ugo. Reiseskizzen aus Rumänien. Berlin, H. S. Herrinann, 1903. (154 S.) 8*. Die in diesem Buche gegebenen Skizzen sind das Ergebnis eines Aufenthaltes in Rumänien während des verflossenen Jahres. Sic sind vorurteilslos und interessant geschrieben. Für uns haben die Kapitel über die Judenfrage und über Jüdische Wohlfahrtsbestrebungen besonderes Interesse. Die Schrift wird ihre Leser befriedigen, wird vielen viel Neues bringen und jedenfalls interessieren. An das Gewissen des deutschen Volkes. Von Georg Wolff. I.—10. Tausend. Herausgcgcbcn vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens . Kassel, Gebr. Gotthclf. 1901. (46 S.) 8*. Das Schriftehe«! enthält chic geschickte, kurze Darstellung des Materials des ״Antiscniitcnspiegels“. Es soll der Abwehr und der Widerlegung des Antisemitismus dienen. Nur schade, dass cs so ganz seinen Zweck verfehlt! Denn die antisemitische Strömung mit Vermmftgrfinden aus der Welt schaffen wollen heisst einem rollenden Kelsen einen Papierwall cntgcgcnstcllen und - - gelesen werden diese wohlmeinenden apologetischen Schnlftehen nur von Juden, die nach der Lektüre das het'1iedigc»1dc Gefühl haben: Nun ist der Antisemitismus ganz platt geschlagen und tot. Aber er lebt doch und wächst, ea. Die Antisemiten hn Reichstag. Berlin. Karl Kunde!. (Zu beziehen durch ..Fortschritt", Aktiengesellschaft, Berlin S.W., Zimmerstr. 8). 1903. (4$ S.) 8 (F.) 50 Pig. (Bei Bezug von 10 Exemplaren ä 20. von 50 ä 15 von 100 ä 12 Pig.) Das Buch gehört zu der Littcratur. die durch die kommenden Reichslagswahlen hervorrufen wird. Es stellt in Über• sichtlicher Form das reichhaltige Material zusammen aus dem man ersieht, wer und was für Leute die antisemitischen Reichstagskandidaten sind. Sic werden nicht gelobt und nicht getadelt sondern im allgemeinen nur das wiedergegeben, was sie gegenseitig übereinander sagen, und das ist im allgemeinen recht wenig schmeichelhaft. Freilich begreiit man die Schwäche und Schutzlosigkeit der Juden erst recht, wenn man sieht, dass sie gezwungen werden, sielt mit solclren Leuten heruinzuschlagen und dass sic vor solchen Leuten Furcht haben müssen. Das Büchlein ist für den Zweck, 7.11 dem es bestimmt ist, nicht ungeeignet. s t 4