Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156. Jüdische BundsoYiau. No. 17. Verwirklichung des vom jüdischen Volkstag {estgestellten Pro giammes, und er hat uns durch sein ״Altneuland“ bewiesen, dass er nicht nur Präsident und Diplomat geworden, dass er das Heiligtum seiner Persönlichkeit gewahrt hat, dass der Staatsmann und Kämpfer uns nicht den Dichter ertötet hat. - I AltneuLands Dichter nimmt für sich das Recht unbegrenzte! Subjektivität in Anspruch. Unter den Tausenden denkender Zionisten mögen einige Dutzend vielleicht versucht haben, sich im Oeiste eine bis in die geringsten Einzelheiten ausgenialf•; Verwirklichung des Programms anzustelien. Nehmen wir an, dass bei diesen allen eine genaue Kenntnis aller einschlägigen Wissensgebiete vorhanden wäre, so »,st doch ausser allem Zweifel, dass jedes der Phantasiegebildc ein individuelles, durchaus sich von allen anderen unterscheidendes Gepräge tragen würde. Es würde auch keinem beifallen, zu behaupten, dass dereinst die Verwirklichung so und gerade so ausfallc־; wird, — im Gegenteil Ist nichts sicherer, als dass die Wahrheit keinem einzigen der Träume entsprechen wird. — Und doch hat das Phantasicgemäldc seine praktischen Wert: cs zeigt, dass die Idee bis in ihre praktische Konsequenzen durch• gedacht werden kann. Man sollte meinen, dass dieser Charakter eines Buches wie Altneuland unverkennbar ist. Man konnte innerhalb der. zionistischen Lagers ein interessantes Debattieren erwarten und nichts schöneres eigentlich könnte man sich vorstellen, als wenn, ermüdet vom Kampfe tim Paragraphen und Zahlen, das Häuflein der Intellektuellen von Zeit zu Zeit zur Erfrischung sich ins geistige Altneuland geflüchtet hätte, allwo ein jeder sein Zion gegen den Nachbar beim Symposion verteidigen müsste. — Aber kam• im Ernst jemand Altneuland mit den! politischen Zionismus identifizieren? Kann man im Ernst beim heutigen Stande des Zionismus darüber hadern, welche Stückt im Theater zu Haifa vorzugsweise ins Repcrtoir aufzuuehmci. sind. ob man auf den Strassen dort sich mit Handschuhe:״ bewegen soll und wen man dort am Scdcrabend sich zu Gaste laden soll? Kann jemand daran zweifeln, dass diese Dingt noch ruhig einige Zeit zurückgestellt werden können und man unterscheiden muss zwischen dem Werke eines Dichters und den dringenden Fragen der Praxis und des Tages? Es gibt Leute, die daran zweifeln, denen das Unterscheidungsvermögen fehlt zwischen Dichtung und Tat — denen Altneuland das Wesen des Zionismus nicht dem Geiste nach, sondern buchst;!büch repräsentiert und die keinen Schritt weiter tun, ehe sie sich nicht vergewissert, was am äussersten Endziel sein wird. — Hätte der liebe Herrgott zu diesen I.eutcn gehört, er hätte die Welt nicht geschaffen nur um eines Schulbuben wegen, der nach Millionen Jahren eine unreife Stachelbeere essen würde. Auf mühseligem Pfade schleppen sich Männer dahin, -־- kaum ist der Weg noch kenntlich. Ursprüngliche Beschwerden liegen hinter ihnen, und unabsehbar dehnt sich das Land vo! ihnen. Nur die Hoffnung, die Heimat ihrer Ahnen zu erreichen, hält sie aufrecht. Und es sind Männer unter ihnen, welche mit klugen und starken Worten ihren Mut aufzuflammen wissen, der zu vergehen scheint. — Da stösst ein Mann, der abseits na'ch dem Wege späht, einen Jubelruf aus; er hat eine Turmspitze gesehen, — dorthin muss man siel! wenden. Und er eilt vorauf ins Dickicht und bahnt mit geschwungener Axt den Weg. Und neu belebt, folgt ihm die Schar. — Doppelt und dreifach mühselig ist jetzt die Arbeit und doch: das Ziel vor Augen, ist cs ein Anderes! Kein mattes Hinschleppen mch־׳. sondern kräftige Arbeit. - Und der die Spitze zuerst gesehen, nimmt wieder das Wort. Ohne in der Arbeit zu ermatten, singt er ein schönes Lied der Sehnsucht, schildert er die ferm.. Stadt, von der man nur erst die Turmspitze gesellen. Er singt von den weiten Plätzen, den traulichen Gärten, von JRuhc und Frieden; er singt und erzählt tausend Einzelheiten, die uitnmer und nie sein werden. Aber die arbeitenden Männer schöpfen neue Lust und ein jeder dichtet sich sein Heimatslied; da steht ein Mann auf, — einer von den Weisen, welche am dem Wege so eifrig Mut zugesprochen hatten, —- und schilt und zürnt: Was kündest du für Märchen! Nicht dort, wo üi. sagst, steht das Heiligtum, — mindestens zehn Meter mehr nach rechts! Anders kleidet man sich dort: — Vergeblich mahnen die Verständigen: Arbeitet, so werdet ihr sehen! Das Ziel ist nicht mehr fern. Viele lassen ihre Werkzeuge sinke;! und beginnen zu rechten: Wie wird es sein? Und von Worten kommt cs zu Schlägen und die besonnenen Arbeiter sehe!, traurig zu, wie ihre Freunde sich uni ihre Heimkehr betrügen. — Achad-Haam hat über Altneuland geschrieben, — Achad- Haam. der Typus cliassidischer Moderne, der sympathische Vertreter lener geistvollen, von Seelengutem erfüllten tmd vor• nehmen Kaste, die mit unsagbar mildem und schmerzlichem Lächeln auf alle Jene blickt, welche sich nicht zur hehren Mystik ihrer Weltanschauung aufgeschwungen haben. Es kommt aus seinem Munde kein einziges scharfes Wort, — e! verliert nie seine Ruhe, nie sein Lächeln. Er betrachtet alles nur von dem Gesichtspunkte: Warum ist es hinfällig? Wo sind seine Fehler? Von Achilles sieht er nur die Ferse und er lächelt über den Fehlerhaften. — Prophet ist ihm der Ein• scitigc, den Blick nicht auf die Erde Senkende und die hehrste Mission ist ihm ein Unding, wenn ihre Verwirklichung auch nur möglich ist. — Er nennt sich einen Zionisten und er hat seit je mit Begeisterung für das nationale Ideal des Judenvolkes gekämpft, — niemand wird das leugnen. Nicht ein Leugnen dieses Ideales, nicht Angriffe konnten ihn stören. Er kämpfte weiter, voll des Bewusstseins für ein Unerreichbares? zu kämpfen. Da geschieht das Einzige, was ihm eine Gefahr scheint. Es erscheint die Möglichkeit der Verwirklichung seines Ideales. Dagegen kehrt er sich: es erscheint ihm unwür• dig, ins praktische Lehen hinabzusteigen. Und er. stimmt ein Hohngelächter an von seinem Wolkensitz über diejenigen, welche Leitern hcranschlcifen, um die Mauer zu ersteigen, vo:1 der aus sie in ihre Heimatsstadt zu gelangen hoffen. Altneuland kommt ihm gerade recht. Gegen das Basdc• Programm und gegen die Ergebnisse der Kongresse vorzu• gehen, ist bedenklich. Dort hat das jüdische Volk gesprochen: dort hat auch ein gut Teil seiner eigenen Gefolgschaft mitgearbeitet. Aber hier liegt die Arbeit eines Einzelnen vor, die bestimmt nicht nach dem Sinn Jedes Einzelnen sein kann. Und wie leicht nun zu zeigen: Seht ihr, wie ganz anders ihr denkt und Jener? Und von Jenem wollt ihr euch gängeln lassen? — Es existiert eine unüberbrückbare Kluft zwischen euch. Her zu mir, — zurück zu den idealen Wolkenlnuten, aus.denen bisher unser Zion bestand! — Achad-Haam schrieb seinen Aufsatz zur Vernichtung des ׳ politischen Zionismus. — Der Aufsatz wurde ins Deutsche übersetzt und erschien in ״Ost und West“. Die Redaktlo; sendete vorher, wie sic mittcilt, den Aufsatz an Dr. Herzl und stellte ihm so viel Raum, als er für eine angemessene Erwiderung beanspruchen würde, zur Verfügung. Dass Dr. Herzl diesem Ansinnen nicht Folge geben konnte, ist selbstverständlieh. — Aber Max Nordau schrieb seine genugsam bekannte Antwort. Die Redaktion von ״Ost und West" kritisiert in den stärksten Ausdrücken die von ihr unterstolltc Weitergabe ihres Manuskripts au Nordau, als oh Nordau statt gegen den längst serher publizierten Artikel Achad-Haams gegen die Wiedergäbe in ״Ost und West" geschrieben hätte. Man merkt es den Worten Max Nordaus an, dass er nicht den Einzelfall, sondern ein Prinzip geissein will. Und mag e: im Ausdruck etwps recht wuchtig gewesen sein, — das ist der Fehler seiner Vorzüge; man hat sich nicht an anderer Stelle über seine Wucht gefreut. — Er hat dem Wesen nach vielen aus der Seele gesprochen, denen die Frucht ihrer tägliche: ernsten Arbeit durch die Wortspiclerei schwärmerischer Wo!- kenmenschen gefährdet erscheint. So weit war’s gut! Da geschieht aber etwas, zu dem man nicht mehr schweigen darf, — der plötzlich Inszenierte An- ^%*,j**f*H.m1*